Ärzte Zeitung, 05.12.2011

Rückkehr zum Honorar nach Leistung

Gebührenordnung soll neue und behandelte Patienten unterscheiden

BERLIN (sun). Die schwarz-gelbe Koalition geht die zu langen Wartezeiten beim Arzt an: Die Praxisgebühr wird überprüft, gleichzeitig sollen im EBM Krankheitsschwere sowie diagnostischer und therapeutischer Aufwand besser abgebildet werden.

Koalition setzt wieder auf Honorar nach Leistung

Zehn Euro zahlen Patienten pro Quartal: Bleibt es dabei?

© Ernert

Vor allem beim aufwendigen Erstkontakt mit einem Patienten könnten Ärzte ein höheres Honorar erhalten. Gleichzeitig will die Koalition Fehlanreize abschaffen, Dauerpatienten immer wieder einzubestellen.

Zudem soll krankheitsbedingter Mehraufwand transparenter honoriert werden. Es müsse sich für einen Arzt "lohnen, die schweren Fälle zu behandeln", sagte CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn der Wochenzeitung "Das Parlament" (Montag).

Das in der vergangenen Woche im Bundestag verabschiedete Versorgungsstrukturgesetz hat dem Bewertungsausschuss bereits einen entsprechenden Auftrag erteilt.

Dieser soll die Pauschalen der Gebührenordnung differenzieren: Nach "neuen" und bereits in der Praxis behandelten Patienten" sowie nach dem Schweregrad der Behandlung.

Praxisgebühr auf dem Prüfstand

Aus Sicht der KBV der richtige Weg: Auf diese Weise würden die einzelnen Leistungen des Arztes wieder mehr wertgeschätzt, sagte KBV-Sprecher Roland Stahl der "Ärzte Zeitung".

Die Wartezeiten hätten jedoch "vielschichtige Ursachen", so Spahn. Die Praxisgebühr erfülle ihre "Steuerungsfunktion offenkundig nicht ausreichend." Die Koalition wolle sich in dieser Legislaturperiode die Praxisgebühr vornehmen.

Gesundheitsexperten warnten vorsorglich davor, eine Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch zu erheben. Damit treffe man vor allem chronisch kranke Patienten.

Lesen Sie dazu auch:
EBM-Pauschalen sollen an Gewicht verlieren

[05.12.2011, 19:33:57]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Leistung soll sich wieder lohnen?
Da reibt man sich doch ungläubig die Augen: "Beim aufwendigen Erstkontakt mit einem Patienten könnten Ärzte ein höheres Honorar erhalten", fordert die schwarz-gelbe Koalition. Vermutlich damit die morbiditätsbedingten Folgekontakte mit Minihonoraren abgespeist werden können?

Ausgerechnet bei gedeckelter Gesamtvergütung "will die Koalition Fehlanreize abschaffen, Dauerpatienten immer wieder einzubestellen"? Da glauben diese medizinbildungsfernen Schichten doch offensichtlich an den Nikolaus und stellen ihre Schuhe 'raus. Seit dem Ende des letzten Jahrtausend müsste doch jeder Kollege mit dem "Klammersäckel" gepudert sein, wenn er o h n e jeglichen Abrechnungs- und Vergütungsanreiz auch nur einen Zweitkontakt im Quartal induzieren würde. Es sind die Patienten/-innen s e l b s t, die, angefeuert durch ihre GKV-Kassen, nach uneingeschränkter Vollversorgung, nach wiederholt budgetierten Zweitmeinungen, nach Hotline- Internet- und Telemedizin, nach "flatrate"- und "all-you-can-eat"-Manier, nach Zuzahlungsbefreiung und besinnungsloser Ressourcenabgreifung agieren sollen.

Und zu guter Letzt: Wenn die Quartals-Praxisgebühr offenkundig nie eine Steuerungsfunktion hatte, dann sollte man sie konsequent wieder abschaffen und nicht durch eine kontaktabhängige, mehrfache Mini-Zuzahlung atomisieren. Chronisch Kranke würden damit diskriminiert und der Verwaltungsaufwand weiter gesteigert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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