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Ärzte Zeitung, 11.06.2012

GKV und PKV: Setzen, sechs!

Die GKV ist ungerecht, die PKV nicht transparent - Ökonomen zeichnen ein düsteres Bild des deutschen Gesundheitswesens und warnen vor der Staatsmedizin. Das Problem seien die Rentner.

Von Sunna Gieseke

Ökonomen geben Kassen und PKV eine Sechs

Privat oder gesetzlich: Von Ökonomen bekommen beide System schlechte Noten.

© imagebroker / imago

BERLIN. Ökonomen geben dem solidarischen Umlagesystem der gesetzlichen Krankenkassen eine glatte Sechs. Der Grund: Erwerbstätige müssen allein im Jahr 2012 etwa 24 Milliarden Euro zu viel in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen.

Ökonomen geben Kassen und PKV eine Sechs

Ursache ist aus Sicht des Gesundheitsökonomen Thomas Drabinski der Generationskonflikt zwischen der arbeitenden Bevölkerung und den Rentnern.

Rentner zahlten zwar gleich viel ein, brauchen aber mehr medizinische Leistungen. Und hier entstehe eine Deckungslücke - zum Nachteil der Erwerbstätigen.

Das hat eine aktuelle Studie des Kieler Gesundheitsökonomen Drabinski und der Frankfurter Beratungsfirma PremiumCircle ergeben. Nach Angaben der Autoren hatte die Studie keinen Auftraggeber.

Mit einem Bein in der Staatsmedizin

Den Ergebnissen zufolge finanzieren Rentner aktuell nur 45,1 Prozent ihrer eigenen Ausgaben selbst. Dadurch würden 54,9 Prozent über die Nichtrentner und sonstige Finanzierungswege im Umlageverfahren getragen, sagte Drabinski am Montag in Berlin.

Damit ist für ihn klar: Die "Schere der Finanzierungsbelastung" gehe immer weiter auseinander. Die gesetzliche Krankenversicherung sei damit nicht nachhaltig aufgestellt.

"Die heutigen Erwerbenstätigen - also die Rentner von morgen - werden die Verlierer im Generationsvertrag sein", prognostizierte Drabinski. Mit anderen Worten: Es bleibe später kaum noch Netto vom Brutto.

"In Konsequenz wird dies zu Rationierungen und Leistungsausschlüssen für die Rentner von morgen führen", so der Kieler Ökonom. Der ursprüngliche Finanzierungsbeitrag der Rentner von 80 Prozent müsse wieder hergestellt werden.

Zuletzt war dies in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts der Fall. Dafür sollten Rentner höhere Beiträge zahlen.

Kassen sehen sich im Wettbewerb

Zudem sollte eine zweckgebundene Vermögenssteuer für Rentner eingeführt werden. Er sieht die GKV auf dem Weg in die Staatsmedizin und Einheitskasse.

Das Bundesgesundheitsministerium wollte das auf Nachfrage nicht kommentieren. Der GKV-Spitzenverband konnte die Argumentation der Studienautoren nicht nachvollziehen.

"Angesichts von 145 gesetzlichen Krankenkassen ist ein Trend zur Einheitskasse definitiv nicht zu erkennen", sagte eine Sprecherin des Verbandes der "Ärzte Zeitung".

Entscheidend sei, dass die Versicherten eine echte Wahlmöglichkeit hätten - unabhängig von der Anzahl der Kassen.

Für die privaten Krankenversicherung zeichnet die Studie ein ähnlich düsteres Bild, auch hier ist die Mängelliste lang: "Mehr als 80 Prozent der Tarifsysteme der PKV leisten weniger als die gesetzliche Krankenversicherung", sagte PremiumCircle-Chef Claus-Dieter Gorr.

Spahn: Über die Probleme der PKV nicht hinwegsehen

Dabei gehe es um Angebote, die in der gesetzlichen Krankenversicherung fest verankert seien, wie etwa die häusliche Krankenpflege. Für die Privatversicherten sei kaum nachvollziehbar, welche Leistungen mit ihrer Police abgedeckt würden und welche nicht, so Gorr.

Besonders problematisch: Viele Versicherungen übernähmen nur sehr eingeschränkt Anschlussheilbehandlungen, Psychotherapien oder wichtige medizinische Hilfsmittel. Die Ökonomen forderten grundlegende Reformen für GKV und PKV.

Das Bundesgesundheitsministerium reagierte gelassen auf das Studienergebnis: "Wir setzen darauf, dass die private Krankenversicherung die Probleme selbst regeln kann", sagte ein Sprecher der "Ärzte Zeitung".

Anders der CDU-Politiker Jens Spahn: "Wir können nicht weiter über die Probleme der PKV hinwegsehen." Die Branche sollte sich auf einen Mindestversicherungsschutz einigen, erklärte Spahn.

[12.06.2012, 10:59:50]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
GKV - PKV Systemschwächen ?
So sehr ich akzentuierte Analysen des Gesundheitsökonomen Dr. Thomas Drabinski, Leiter des Kieler Instituts für Mikrodatenanalyse IfMDA, schätze. Aber das mit den Rentnern ist m. E. zu kurz gedacht.

Die Systematik der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)sieht als beitragsfinanziertes System eine paritätische, lohnabhängige Finanzierung durch Arbeitgeber (AG) und Arbeitnehmer (AN) vor. Bei den Rentnerinnen und Rentnern entfällt der AG-Anteil. Es ist fast eine Ironie der Geschichte, dass mit Einfrieren des AG-Anteils auf 7,3 % und Erhöhung der AN-Belastung auf 8,2 % (15,5 % vom SV-Brutto) gegenläufig der Rentner finanzierte Ausgabenanteil in der GKV auf 45,1 Prozent abgesunken ist. Weitere sozioökonomische Veränderungen lassen den "Druck" auf Rentner ansteigen:

• Höhere Lebenserwartung
• Späterer Berufs- und Erwerbseinstieg
• Verkürzte Lebensarbeitszeit
• Verringerte Lohnquote
Nur noch 40 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird durch Lohnarbeit, dagegen 60 % durch Kapitalvermögen erwirtschaftet.

Medizinischer Fortschritt, Innovationen und Preissteigerungen schlagen in der GKV entgegen allen Kassandrarufen n i c h t durch. Seit Jahrzehnten ist der Anteil am BIP gleichbleibend. Die Gegenfinanzierung höherer Ausgaben für häufiger und schwerer kranke Rentner wird ebenso wie der Ausgleich für betragsfrei versicherte Familienmitglieder und alle übrigen zuzahlungsbefreiten GKV-Mitglieder über den GKV-Bundeszuschuss von derzeit ca. 14 Milliarden Euro abgebildet.

Die privaten Krankenversicherer (PKV) verärgern zunehmend CDU-MdB Jens Spahn und haben bei schwindendem CDU/CSU-Beistand Erklärungsnot. PKV-Verbandsdirektor Dr. Volker Leienbach ist auch keine Hilfe. Seine Betonung der Wahlfreiheit in der PKV, "jeder Versicherte sollte dabei darauf achten, dass er keine für ihn persönlich wichtigen Leistungen ausschließt" bedeutet im Klartext: Der Versicherte muss bereits bei Vertragsabschluss im Voraus wissen, welche schwerwiegenden Erkrankungen ihn zukünftig ereilen werden und was ihn dann an Leistungsausschlüssen womöglich niederstreckt. "Voraussetzung ... ist natürlich eine gute Beratung", Leienbach weiter. Gerade so, als würde die PKV bei Vertragsabschluss umfassend über Taktiken zum Verstecken von Leistungsausschlüssen informieren wollen.
Es bleibt eine nach oben offene Mängelliste:

• unbeschränkte Risiko-, Alters- und Gesundheitsselektion
• beliebige Beitragserhöhungen ohne Finanzprüfungen
• kein Kontrahierungszwang
• keine Familientarife bei kompletter Familienversicherung
• keine Dynamisierung der Ausschüttung von Altersrückstellungen
• keine Mitnahme von Altersrückstellungen bei Vertragswechsel
• keine Bilanzierung der Selbstbeteiligung der Versicherten
• keine amtliche Kontrolle von Lockvogelangeboten
• kein Zwang zur Einhaltung von Minimalstandards der GKV
• kein Wechsel von PKV zu GKV unter Mitnahme der Altersrückstellungen
• keine uneingeschränkte Kostenübernahme für AHB, REHA, Psychotherapie, besondere medizinische Hilfsmittel, häusliche Krankenpflege, häusliche Betreuung erkrankter Kinder.

Dr.med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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