Ärzte Zeitung online, 02.09.2015

Milliardenersparnis?

Raucher-Studie bringt Kassen zur Weißglut

Raucher entlasten durch ein frühes Ableben das Gemeinwesen - so eine Karlsruher Studie. Krankenkassen sind über die Auslegung dieser Ergebnisse verärgert.

KARLSRUHE. Die Raucher in Deutschland entlasten laut einer Studie Sozialkassen und Steuerzahler in Deutschland unter dem Strich um hohe Milliardenbeträge. Das haben die Forscher Berthold Wigger und Florian Steidl vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) errechnet.

Vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) kommt jedoch scharfe Kritik: Er bestreitet vehement einen wirtschaftlichen Nutzen der Raucher für das Allgemeinwohl.

Tote Raucher kriegen keine Rente

Wigger und Steidl weisen darauf hin, dass Raucher ungefähr fünf Jahre früher als Nichtraucher sterben und entsprechend keine Altersrenten und Ruhegehälter mehr beziehen. Der Effekt ist nach Angaben der Studie finanziell weitaus stärker als Mehrkosten durch zusätzliche medizinische Behandlung oder frühzeitiges Ausscheiden von Rauchern aus dem Erwerbsleben.

Der Sprecher des GKV-Spitzenverbands, Florian Lanz, sagte dazu: "Das häufig relativ frühe Sterben von Menschen aufgrund ihrer Nikotinsucht ist ein Drama, und ich finde es befremdlich, daraus einen wirtschaftlichen Nutzen für eine Gesellschaft zu errechnen." Die Kassen unterstützten gezielt Personen bei der Rauchentwöhnung, "weil es uns um deren Gesundheit geht und nicht wegen eventueller langfristiger Vor- oder Nachteile für die Sozialkassen".

Der Finanzwirtschaftsprofessor Wigger sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Wir haben zum ersten Mal die Nettokosten des Rauchens in Deutschland untersucht." Dabei ging es nur um jene Kosten, die von der Allgemeinheit zu tragen sind. Manche Kosten trägt der Raucher oder die Raucherin selbst; so haben Raucher zum Beispiel ein niedrigeres Einkommen als Nichtraucher.

Andere Studien kommen zu anderen Resultaten

In einer Modellrechnung zwischen einer theoretisch nichtrauchenden und der realen Gesellschaft berechneten die Forscher die Mehrkosten und Ersparnissen für die Gesellschaft. Ergebnis: Die reale Gesellschaft ist um 36,4 Milliarden Euro günstiger für alle. In ihr rauchen 30 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen.

Andere Forscher sind zu anderen Ergebnissen gekommen und beziffern die jährlichen Kosten des Rauchens in Deutschland teils auf 30 bis 35 Milliarden Euro, teils bis zu 90 Milliarden Euro. Dem stünden lediglich Einnahmen von 14 Milliarden Euro aus der Tabaksteuer gegenüber. (dpa)

[06.09.2015, 21:49:13]
PD Dr. Ulrich Schuler 
... Modell sowieso überholt
...da die Kosten für die Therapie der Bronchialkarzinome gerade exorbitant (neue Checkpoint-Inhibitoren und TKIs) steigen.  zum Beitrag »
[03.09.2015, 14:31:46]
Heidemarie Heubach 
Toll: wer früher stirbt, ist gut für die Gesellschaft ?
Ob wohl nur die Raucher mit dieser Botschaft gemeint sind ? - siehe Beitrag "konkrete Fragen" von Dr.Fischer!
Oder soll hier einmal mehr vorbereitet werden, wie die kostenträchtigen "Altenberge" abzubauen sind ? - technologisch, wie bereits 2010 vorgeschlagen auf einer pharmaziegesponserten Tagung auf Usedom : Pflegenotstand, massenhaft Demente in den Heimen und Organmangel für Transplatationen zusammen lösen (dafür wurde ja eigens bereits das Programm "old-for-old" entwickelt!).
Dürfen wir uns also "freuen" auf diese schöne neue Welt, in der dann geordnet sozialverträgliches Ableben - mithilfe von Ärzten (?) - organisiert wird ? zum Beitrag »
[03.09.2015, 13:54:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) rafft es nicht?
Wer kann noch den Spitzenverband (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und seinen Sprecher, Florian Lanz, verstehen?

Einerseits fordert der SpiBu, im besonders bevölkerungsreichen Bundesland NRW angeblich unwirtschaftlich arbeitende Krankenhäuser aus rein betriebs- und volkswirtschaftlichen Gründen zu schließen. Mit dem völlig unlogischen Argument, die Wege zwischen konkurrierenden Kliniken seien doch sehr kurz, die Versorgungssicherheit sei nicht gefährdet und eine fiktiv angenommene hohe Versorgungsdichte bei zugleich am dichtesten besiedelter Fläche (NRW hat weit über 17 Millionen Einwohner) sei entbehrlich (O-Ton: Vizechef des GKV-Spitzenverbands, Dr. Johann-Magnus von Stackelberg).

Kommt dann allerdings eine volks- und finanz-wirtschaftlich orientierte Karlsruher Studie zu dem wissenschaftlich begründeten Ergebnis, dass Raucher in Deutschland Sozialkassen und Steuerzahler in Deutschland unter dem Strich um hohe Milliardenbeträge entlasten, ist dies dem SpiBu auch nicht recht.

Fakt ist aber auch, dass SpiBu und s ä m t l i c h e GKV-Kassen - wie im übrigen die PKV - sich nicht im Geringsten um angemessen honorierte, ambulante, hausärztliche Beratungs-, Entwöhnungs-, Sucht- und Abhängigkeitsberatung scheren. Im Gegenteil: Extra finanzierte Netze von Ernährungsberatern, Suchttherapeuten, Sport- und Fitnesseinrichtungen werden mit großem Aufwand und kleinem Wirkungsgrad aufgebaut, um mal wieder "den Ärzten" eins auszuwischen. W i r sind diejenigen, die kurze Wege und niedrigschwellige Beratungsangebote garantieren. So sieht's aus!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[03.09.2015, 13:11:52]
Dr. Rainer Holzke 
Interessante Untersuchung, plausibel und beachtenswert
Die Untersuchung ist plausibel und beachtenswert.

Überlege bereits, was Herr Schäuble wohl gedanklich antreibt...

Also: Weg mit den hässlichen Zigarettenverpackungsaufdrucken, dafür neu: Rauchen fördert die Gesundheit des Sozialsystems! Heute schon geraucht?

Sicher ein Raucher, der Herr Lanz, und was seine Aussage betrifft, er ist halt ein Sprecher, also ist das wirklich relevant was er zu dieser Studie zu sprechen hat?

(der Also: Kommentar ist durchaus ironisch gemeint, schreibe als Nichtraucher und Alkoholabstinenzler - wann folgt die Alkohol Endzeit-Studie?)

 zum Beitrag »
[03.09.2015, 12:01:04]
Dr. Henning Fischer 
konkrete Fragen

- wie soll die Rentenversicherung bei weiter erheblich ansteigender Lebenserwartung in 20 Jahren finanziert werden?

- welches Interesse soll der Staat an immer mehr Senioren haben?

- welches Interesse sollen die Krankensparkassen an immer mehr behandlungsbedürftigen Rentnern haben, die immer mehr kosten?

Bitte um Beantwortung

p.s.: gute Medizin und ärztliche Versorgung > steigende Lebenserwartung > sozialstaatsfeindlich



 zum Beitrag »
[03.09.2015, 09:33:39]
PD Dr. Immo Schroeder-Printzen 
GKV befremdlich?
Das allgemeine Aussage von Herrn Lenz zum Rauchen ist unerträglich. Er vermittelt das Gefühl in der GKV wird zum Wohle der Patienten aggiert und auf Zahlen nicht geachtet. Beides ist bekanntermassen falsch. Vllt sollte er mal das GG lesen um mehr über das Selbstbestimmungsrecht von Menschen zu erfahren auch wenn sie GKV versichert sind. ME sind die Berechnungen hervorragend, da sie endlich zeigen, dass Raucher in der Gesamtbilanz zumindest keine Mehrkosten verusachen. Weiterhin wird diese "Nettobilanzierung" in weiten Bereichen (z.B. Umweltschuz) angewendet und ist bei einer ganzheitlichen Betrachtungsweise auch angebracht. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

MDK lehnt Pflegeanträge seltener ab

Kommen die Pflegereformen bei den Versicherten an? Neuen Zahlen zufolge fallen weniger Antragssteller durchs Raster und erhalten somit Leistungen. mehr »