Ärzte Zeitung, 19.01.2017
 

Pflegereform

Altenpflege am Limit – Personal warnt vor Reformstress

Die Pflegereform sorgt für Unruhe an der Basis. Die Pflegekräfte, die sie umsetzen müssen, rechnen mit deutlich höheren Anforderungen als bisher. Fatal: Die Altenpflege hält schon die aktuelle Personalausstattung für nicht ausreichend.

Von Anno Fricke

Altenpflege am Limit – Personal warnt vor Reformstress

Wird die Zeit für menschliche Zuwendung zum knappen Gut in der stationären Altenpflege?

© drubig-photo / Fotolia.com

BERLIN. Der gleichberechtigte Zugang von körperlich und geistig eingeschränkten Menschen zu Leistungen der Sozialen Pflegeversicherung wird die Personalsituation in Pflegeheimen verschärfen. "Die Situation ist heute schon völlig angespannt", sagte die Pflegewissenschaftlerin Professor Christel Bienstein am Mittwoch in Berlin.

Der Ruf der stationären Pflegeversorgung werde sich aufgrund der höheren Arbeitsbelastung für die nicht ausreichende Zahl an Pflegefachpersonal durch die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs zunächst verschlechtern, kündigte Bienstein an.

Bienstein, die auch Präsidentin des Deutschen Berufsverbands der Pflegeberufe (DBfK) ist, stützte sich auf Ergebnisse der Umfrage "Altenpflege im Fokus", die der Fachverlag Vincentz Network gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut cogitaris im Herbst 2016 unter 727 Pflegekräften durchgeführt hat.

Ein Großteil rechnet mit zunehmendem Druck

Das gewonnene Bild ist düster. Knapp 90 Prozent der Befragten rechnen mit zunehmendem Druck und steigenden fachlichen, psychischen und körperlichen Anforderungen durch die Pflegereform. Ein Grund ist die unter Pflegekräften weit verbreitete Erwartung, dass sich die Bewohnerstrukturen in den Heimen stark verändern werden.

Während die Zahl der leichteren Fälle (früher Pflegestufe 1, heute Pflegegrad 2 oder 3), die derzeit 43 Prozent der Heimbewohner ausmacht, abnehme, werde die Zahl der multimorbiden Menschen mit starken kognitiven Einschränkungen, auffälligen Verhaltensweisen und hohem Pflegeaufwand steigen. Mehr Bewohner würden Sterbebegleitung brauchen.

38 Prozent der Pflegekräfte gehen davon aus, dass die Bewohner der Heime künftig schlechter als heute gestellt seien. Lediglich 16 Prozent rechnen mit Verbesserungen. Schon heute bestätigen vier von fünf Pflegekräften in der stationären Altenpflege ein wachsendes Gefühl, dem eigenen pflegefachlichen Anspruch nicht gerecht werden zu können. Die Zeit für die Belange der Bewohner schwinde, gute und qualitätsvolle Pflege zu gewährleisten werde zunehmend schwierig.

Besonders nachts ist die Personaldecke dünn

In den Augen der Pflegefachkräfte in den Heimen wird der Pflegeaufwand steigen. "Ohne wirksame Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel, ohne Absicherung der notwendigen Personalschlüssel, werden die Auswirkungen dieser Reform die Situation in der stationären Altenhilfe weiter verschärfen", sagte Studienleiterin Monika Gaier bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse am Mittwoch.

Schon heute komme es nachts zu Situationen, in denen 120 Pflegebedürftige von lediglich einer Pflegekraft überwacht werden müssten, berichtete Bienstein. Vor allem nachts entstünden Hygienemängel und Dekubiti. Höhere Entlohnung, familienfreundlichere Arbeitszeiten und eine Entlastung der gegenwärtig rund 170.000 Fachkräfte in der Altenpflege durch deutlich mehr Personal stehen daher auf dem Forderungszettel des Berufsstands und seiner Verbände ganz oben..

Die Anstrengungen der Regierung seien an dieser Stelle "nach hinten losgegangen", sagte Bienstein. Die 45.000 Betreuer, die inzwischen in der Pflege eingesetzt würden, seien längst in die reguläre pflegerische Versorgung mit eingebunden.

Derzeit diskutiert die Koalition kontrovers eine Reform der Pflegeberufsausbildung. "Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen in der Altenpflege brummt", sagt der Pflegebeauftragte der Unionsfraktion Erwin Rüddel (CDU) im Interview mit der "Ärzte Zeitung". Er befürchte, dass dieser Trend durch die geplante Generalistik gebremst werden könnte.

Das vollständige Interview mit Erwin Rüddel am Freitag in der "Ärzte Zeitung".

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