Ärzte Zeitung online, 24.04.2017

Multiple Sklerose

Aus für preisgekröntes Versorgungsmodell

Ein mit dem Niedersächsischen Gesundheitspreis ausgezeichnetes IV-Modell ist geplatzt. Der Grund: finanzielle Unterdeckung.

HANNOVER. Die AOK Niedersachsen hat ihren Integrationsvertrag zur heimischen Versorgung von MS-Patienten zum März 2017 mit dem Verein Soforthilfe und Information durch Ambulante Versorgung (SIDA) aus Hannover gekündigt.

Der Grund: SIDA brauchte mehr Geld von der Kasse, weil im Vorjahr die Spenden der Pharmaindustrie an den Verein spärlicher flossen. Das war der AOK zu teuer. Für die rund 500 eingeschriebenen AOK-Patienten ist der Vertrag damit Makulatur. Seit März können sie nicht mehr zu Hause versorgt werden, sondern müssen in die Praxis eines niedergelassenen Arztes oder ins Krankenhaus gehen.

Der Vertrag strebte laut AOK eine bessere und preiswertere pflegerische Versorgung von MS-Patienten an. Im Rahmen des Vertrages konnten 3000 Patienten von speziell ausgebildeten Schwestern zu Hause auch mit Kortison-Infusionen versorgt werden, erklärt SIDA. "Gerade im Flächenland Niedersachsen ist die heimische Versorgung der Patienten besonders wichtig", sagt Dr. Elmar Straube vom SIDA-Vorstand. Das Versorgungsmodell hatte 2011 den Niedersächsischen Gesundheitspreis erhalten. Auch die AOK saß in der Jury.

Allerdings hat SIDA den Vertrag schon seit Jahren mit Spenden der Pharmaindustrie subventionieren müssen, so Straube, und zwar im Jahr 2015 mit rund 311.000 Euro. Der Löwenanteil in Höhe von 240.000 Euro kam vom Unternehmen Biogen, wie der Sprecher Stefan Schneider bestätigt. Biogen habe "seit mehreren Jahren" unterstützt. 2016 habe man die Richtlinien derart geändert, "dass wir keine Unterstützung mehr gewähren, deren Summe mehr als 30 Prozent der laufenden Betriebskosten der Institution ausmacht", so Schneider. Biogen hat also ihre Spenden gekürzt, weshalb nun SIDA von der AOK mehr Geld forderte und die Kasse deshalb ausstieg.

Die AOK wollte nicht mit Versichertengeld in die Bresche springen, hieß es. Zudem wäre der IV-Vertrag dann teurer als die Regelversorgung gewesen, sagt AOK-Sprecher Carsten Sievers. "Aber Selektivverträge müssen per Gesetz wirtschaftlicher sein als die Regelversorgung. So konnten wir gar nicht anders handeln, als diesen Vertrag zum Schutz der Versichertengemeinschaft zu kündigen."

Dass der IV-Vertrag schon sei Jahren nur mit Hilfe der Arzneimittelhersteller funktionierte, wusste die AOK nicht, sagt Sievers.

Straube sagt das Gegenteil: "Die AOK wusste Bescheid." Das preisgekrönte Versorgungsmodell wird jetzt eingestampft. (cben)

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