Ärzte Zeitung online, 28.02.2019

Barmer Arztreport

Reizdarm-Probleme zu wenig im Fokus der Therapie

Rund eine Million Neudiagnosen für ein Reizdarmsyndrom gab es 2017. Nach Angaben der Barmer aber nur die Spitze des Eisbergs. In ihrem Arztreport prangert die Kasse die oft nur schleppende Diagnose an.

Von Helmut Laschet

Reizdarm-Probleme zu wenig im Fokus der Therapie

Reizdarmsyndrom: Davon betroffen sind immer mehr jüngere Menschen zwischen 20 und 30 Jahren.

© absolutimages / stock.adobe.com

BERLIN. Nahezu elf Millionen Menschen in Deutschland leiden insgseamt an einem Reizdarm-Syndrom. Sie schämen sich aber oft, den Arzt zu konsultieren, versuchen die Symptome selbst zu behandeln und verlängern damit ihr Leiden erheblich. Davon betroffen sind immer mehr jüngere Menschen zwischen 20 und 30 Jahren.

Allein 2017 wurde bei gut 1,1 Millionen Menschen ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert, bei Frauen doppelt so häufig wie bei Männern. Die Häufigkeit der Diagnose ist seit 2005 kontinuierlich um rund 30 Prozent gestiegen: von 1,03 Prozent der GKV-Versicherten auf 1,34 Prozent.

Das geht aus dem am Donnerstag veröffentlichten Barmer Arztreport 2019 hervor, dessen Autoren dieses Jahr das Schwerpunktthema „Reizdarm-Syndrom“ (RDS) gewählt haben. Der Report, der zum 13. Mal erscheint, basiert auf Routinedaten der Barmer mit 9,3 Millionen Versicherten, ist repräsentativ für die Gesamtbevölkerung und reicht über einen Zeitraum von 13 Jahren.

Abschätzungen zur Prävalenz des RDS beruhten meist auf Befragungsangaben, aussagefähige Biomarker gebe es nicht, so Professor Joachim Szecsenyi von der Universität Heidelberg und Geschäftsführer des Göttinger aQua-Instituts. Eine Befragungsstudie in 2011/12 habe eine Prävalenz von 16,6 Prozent in Deutschland ergeben. Als Ursachen für die erhebliche Differenz zur Prävalenz auf der Basis ärztlicher Diagnosen von 1,34 Prozent nennt Szecsenyi: Zum einen scheuten sich Patienten offenbar aus Scham, die Symptome eines RDS mit ihrem Arzt zu besprechen und versuchen es mit Selbstmedikation. Es könne auch sein, dass Ärzte sich nicht auf eine Diagnose festlegen und nur symptombezogene ICD-10-Schlüssel verwenden.

Auffällig in der Longitudinalbetrachtung sei die deutlich stärkere Zunahme der Diagnosehäufigkeit bei jüngeren Erwachsenen im Alter zwischen 23 und 27 Jahren um 70 Prozent in den vergangenen 13 Jahren. Aktuell führe dies bei Frauen zu einem ausgeprägten ersten Altersgipfel im 25. Lebensjahr. Zu diesem Trend könnten veränderte Ernährungsgewohnheiten, aber auch eine veränderte Bereitschaft zur Thematisierung der Beschwerden beigetragen haben.

Problematisch aus der Sicht des Barmer-Vorstandsvorsitzenden Professor Christoph Straub ist der relativ häufige von Leitlinien nicht abgedeckte Einsatz bildgebender Verfahren wie CT und MRT zur Diagnosefindung. In 9,2 Prozent der ambulanten Fälle erhielten Patienten ein CT und 17,1 Prozent ein MRT.

Essenziel für die Diagnosefindung, so der Allgemeinarzt Szecsenyi sei aber eine ausführliche Anamnese, auch der familiären Belastung und der Medikation. Problematisch in der Therapie sei der häufige Einsatz von Protonenpumpen-Inhibitoren (38,6 Prozent) und die Verordnung von opioidhaltigen Schmerzmitteln.

Vielmehr komme es darauf an, gemeinsam mit dem Patienten , gegebenenfalls auch interdisziplinär, einen individuellen Weg der Besserung zu finden. Ein erhebliches Hindernis bei der Umsetzung einer leitliniengerechten Therapie sei die Unterdotierung der sprechenden Medizin, kritisierte Szecsenyi.

Barmer-Vorstand Straub plädierte für eine Stärkung der hausärztlichen Versorgungsbasis, auch für eine systematische Steuerung und Kooperation verschiedener Disziplinen. Mit Blick auf hohe Belastungen der jungen Generation werde die Barmer zielgruppenspezifische Programme etwa für das betriebliche Gesundheitsmanagement entwickeln.

Wir haben diesen Beitrag aktualisiert und ergänzt am 28.2.2019 um 16 Uhr.

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[04.03.2019, 21:07:53]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ist es nicht zum "Aus-der-Haut-Fahren"?
Eine große gesetzliche Krankenkasse, die BARMER, produziert gemeinsam mit dem Göttinger aQua-Institut und eigens dafür entfremdeten Beitragsgeldern ihrer GKV-Versicherten einen "Arzt-Report-2019", in dem die angeblich oft nur schleppende ärztliche Diagnose und Therapie ausgerechnet beim Reizdarmsyndrom (RDS) angeprangert wird.

Eine Krankenkasse, die noch nicht ein einziges Mal Patienten mit RDS selbst untersucht, diagnostiziert oder therapiert hat, geht auf Grund von schlicht hochgerechneten Laien-Publikumsbefragungen davon aus, dass hierzulande rund elf Millionen Menschen vom Reizdarmsyndrom, also 16,6 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, betroffen sind.

Dabei ist das RDS gar keine eigenständige Krankheitsentität, sondern ein Symptomkomplex mit z. T. äußerst diffusen Abdominal- und Verdauungsbeschwerden von großer Bandbreite und Intensität.

Trotzdem wird daraus konstruiert: 2017 sei nur bei rund einer Million Menschen die entsprechende Diagnose RDS gestellt worden. Die BARMER dagegen gehe nach der Auswertung von Befragungsstudien davon aus, dass rund 11 Mal so viele Erwachsenen unerkannt und unbehandelt von Refluxbeschwerden über Dyspepsie bis zu Enddarmbeschwerden tatsächlich geplagt werden, was sie rein subjektiv für das RDS halten. 

Der Vorstandsvorsitzende der Barmer, der „Kollege“ Prof Dr. med. Christoph Straub, vorverurteilt uns niedergelassene Kolleginnen und Kollegen, in dem er ebenso vorschnell wie unzutreffend konfabuliert: „Die Diskrepanz ist somit enorm und ein deutliches Zeichen dafür, dass die Erkrankung nach wie vor ein Tabuthema ist“, erklärte bei der Vorstellung des diesjährigen BARMER-Arztreportes 2019. Diese Patienten werden oftmals nicht richtig versorgt, beklagt die Kasse. Zum einen dauert es oftmals bis zu acht Jahre, bis ein Patient mit den Symptomen zum Arzt geht. Danach dauere es oft weitere Jahre, bis es zu einer Diagnose kommt, da auch die Anamnese gründlich durchgeführt werden muss.
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/101383/Zu-viel-Diagnostik-und-falsche-Medikamente-bei-Reizdarmsyndrom

Die BARMER-Vorwurfshaltung ist leicht zu durchschauen:
1. Wird das Reizdarmsyndrom (RDS) ohne empirischen Beleg zum „Tabuthema“ gemacht
2. Wird ein fiktiver, millionenfacher Versorgungsbedarf behauptet
3. Wird daraus eine Unterdiagnostik konstruiert
4. Wird die Prokrastination seitens der Patienten den Ärzten zur Last gelegt
5. Werden Patienten mit RDS untersucht, ist dies der BARMER wiederum zu aufwändig
6. Werden sie gar therapiert, ist das der BARMER wiederum zu teuer und intransparent

Es ist wie bei „MIKADO“, dem deutschen Beamten-Spiel: „Wer sich zuerst bewegt, hat verloren“!

Das Reizdarmsyndrom, kurz RDS, ist ein häufiges, aber relativ unscharf definiertes, gastroenterologisches Krankheitsbild, das durch diffuse abdominelle Beschwerden gekennzeichnet ist. Es wird oft den psychosomatischen Erkrankungen zugeordnet.

Die Diagnose "Reizdarmsyndrom" ist im strengen Sinn eine Ausschlussdiagnose. Sie wird dann gestellt, wenn trotz sorgfältiger Untersuchung des Patienten keine organischen Ursachen für bestehende abdominelle Beschwerden gefunden werden können.

ICD10-GM-2019 Codes
Reizdarmsyndrom (K58.8+G) + Reizdarmsyndrom mit prädominanter Diarrhoe [RDS-D] (K58.1+G) + Reizdarmsyndrom mit prädominanter Obstipation [RDS-O] (K58.2+G) + Reizdarmsyndrom mit wechselnden oder gemischten Stuhlgewohnheiten [RDS-M] (K58.3+G) + Reizdarmsyndrom ohne Diarrhoe (K58.8+G) 

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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