Ärzte Zeitung, 07.11.2016

Rezension

Rechtslage zur Forschung mit Stammzellen

Vor zehn Jahren gelang es japanischen Forschern, induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) in der Petrischale herzustellen. Diese Zellen lassen sich in fast jede beliebige Körperzelle verwandeln – und sind daher zum begehrten Objekt für die regenerative Medizin geworden. Die Hoffnung besteht, eines Tages auf humane embryonale Stammzellen in Forschung und Anwendung verzichten zu können, zu deren Herstellung Embryonen zerstört werden. Im Blick haben japanische Forscher die Anwendung von iPS-Zellen in einer geplanten Pilotstudie zur Therapie bei altersbedingter Makuladegeneration.

Welchen rechtlichen Status haben solche oder auch humane embryonale Stammzellen? Wie regeln etwa Embryonenschutz- und Stammzellgesetz sowie das Arzneimittelrecht den Umgang mit solchen Zellen? Wo findet dabei die ATMP-Verordnung (Advanced Therapy Medicinal Product) zu "Arzneimitteln für neuartige Therapien" von 2008 ihre Anwendung? Detaillierte Antworten findet man in Dr. Timo Faltus umfangreicher Dissertation, die aktualisiert bei Nomos erschienen ist. Faltus, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Halle-Wittenberg, ist Biologe und Jurist.

Dabei thematisiert er nicht nur naturwissenschaftliche Grundlagen der Stammzellforschung, sondern auch Rechtsstatus und Verkehrsfähigkeit unter anderem der reprogrammierten Stammzellen. Er beleuchtet die patentrechtlichen Aspekte, die zuletzt durch den Patentstreit des Neurowissenschaftlers Professor Oliver Brüstle vom Uniklinikum Bonn vor vier Jahren erneut in die Öffentlichkeit getragen wurden. 2012 hatte der Bundesgerichtshof ein Grundsatzurteil des EuGH von 2011 in nationales Recht umgesetzt. Demnach ist die Nutzung von menschlichen Stammzellen, die aus Embryonen gewonnen werden, in Deutschland weiterhin nicht patentierbar. Einen Rückschlag für die Forschung kann Faltus dadurch jedoch nicht erkennen.

Dieser Forschungszweig steht noch am Anfang. Faltus liefert einen fundierten und detaillierten Beitrag zur rechtswissenschaftlichen Diskussion auch um die therapeutische Nutzung dieser Zellen. Diese Diskussion wird verstärkt spätestens dann wieder geführt werden, wenn die erste Studie zur therapeutischen Anwendung reprogrammierter Zellen beginnt. Mit Faltus' Buch ist man dafür bestens gewappnet.

Timo Faltus: Stammzellenreprogrammierung. Der rechtliche Status und die rechtliche Handhabung sowie die rechtssystematische Bedeutung reprogrammierter Stammzellen. Nomos Verlag, Baden-Baden 2016. 961 Seiten, 178 Euro, ISBN 978-3-8487-3192-3.

Topics
Schlagworte
Medizinethik (2200)
Krankheiten
Augenkrankheiten (340)
Personen
Oliver Brüstle (39)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Wenn Frauen beim Sex Urin verlieren

Unwillkürlicher Urinabgang beim Geschlechtsverkehr tritt bei Frauen öfter auf, als viele glauben. Gesprochen wird darüber nur selten. Dabei könnte den Betroffenen geholfen werden. mehr »

Aufgeschlossen, aber schlecht informiert

Jugendliche und junge Erwachsene halten sich beim Thema Organspende für eher schlecht informiert. Trotzdem sind sie dafür wesentlich aufgeschlossener als Ältere. mehr »

Hirnschaden durch zu viel Selen

Fast blind und dement kommt eine Frau zum Arzt. Dieser findet das Problem: Sie hat lange viele Selenpillen geschluckt. Die Nahrungsergänzung schädigte ihr Hirn dauerhaft. mehr »