Ärzte Zeitung, 25.01.2017
 

Was Ärzte brauchen

Hirschhausens Plädoyer fürs Zuhören

Eine Vorlesung der besonderen Art: Dr. Eckart von Hirschhausen hielt eine Rede vor über 1000 Besucher an der Uni Marburg. Seine Botschaft: Statt sich auf lukrative Behandlungen zu versteifen, brauchen Ärzte mehr Emphatie und Kritikfähigkeit – das sollten sie schon im Studium lernen.

Von Gesa Coordes

Hirschhausens Plädoyer fürs Zuhören

Hände über die Köpfe: Das Publikum macht bei der Vorlesung von Dr. Eckhart von Hirschhausen mit bei der Show.

© Georg Kronenberg

MARBURG. Dr. Eckhart von Hirschausen als Gastredner im Audimax der Universität Marburg: Hergelockt hatte ihn der deutsche Dr. House alias Professor Jürgen Schäfer. Schließlich versucht der Herzspezialist schon seit zehn Jahren, seinen Studenten besondere diagnostische Fähigkeiten mit einem Seminar zu vermitteln, das er nach Fällen aus der US-Fernsehserie "Dr. House" konzipiert hat.

Hirschhausens Plädoyer fürs Zuhören

Mehr als 1000 Besucher im Audimax der Marburger Philipps-Universität: der Arzt und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen tritt auf.

© Georg Kronenberg

Mit viel Erfolg gewinnt er sie damit für Lerninhalte, die nicht prüfungsrelevant sind. Ein Film über seine Arbeit und das daraus entstandene "Zentrum für unerkannte Krankheiten" wurde vom Hartmundbund preisgekrönt.

Die Laudatio hielt Eckart von Hirschhausen. Schäfers Überzeugung: Beim Lernen darf man auch Spaß haben. Und dabei half nun der "Meister des Infotainments" in der Medizin – Eckart von Hirschhausen hielt die Abschlussvorlesung des Dr. House-Seminars völlig ohne Honorar.

Der Blick fürs Wesentliche

Der Fernsehdoktor wollte vor allem den Blick für das Wesentliche in der Medizin schärfen: Hirschhausen hat nach dem Studium mehrere Jahre als Arzt in der Kinderneurologie der Berliner Charité gearbeitet. Und Charité bedeutet Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Er war damals stolz, an dieser Klinik tätig zu sein. Aber: "In welches Krankenhaus geht man heute hinein und denkt, dass dies ein Ort der Nächstenliebe und Barmherzigkeit ist?", fragt Hirschhausen.

Wer einst nicht wusste, was er studieren sollte, wählte BWL, erzählt er weiter: "Diese Leute haben heute das Sagen im Krankenhaus." Zuhören, Pflege und Abwarten komme im Fallpauschalensystem nicht vor. Stattdessen fragten sich die Ärzte oft, welche Behandlung sich lohne.

"Persönlichkeitsbildung muss Teil der Ausbildung sein"

Dadurch komme es zu Rücken- und Hüftoperationen, die nicht nötig seien. "Das ist ein Bruch mit der ärztlichen Ethik", kritisiert er. Und dabei sehe er auch unter Ärzten erschreckend wenig Solidarität. "Persönlichkeitsbildung muss genauso Teil der Ausbildung sein wie Biochemie und Statistik", fordert Hirschhausen.

In Marburg fragte er die Studierenden: "Warum wollt ihr Ärzte werden? Schreibt das auf!" Es sei gut, einen kleinen Zettel in der Schublade zu haben, der daran erinnert, für was sie angetreten seien. Zugleich plädierte er dafür, Patienten und ihre Anliegen ernster zu nehmen.

"Legt euch einmal selbst halb bekleidet in ein Bett und lasst euch durch die Klinik fahren", empfahl er. Auch zu Fehlern solle man stehen: "Wenn ihr die Vene dreimal nicht getroffen habt, holt einen anderen!" Die Kranken seien keine Kunden, sondern leidende Menschen.

Der Patient hat Recht!

"Ein Patient, der sagt, dass sein Gips zu eng ist, hat recht", so Hirschhausen. Man müsste die Kranken viel mehr befragen und ihnen zuhören, um Fehlbehandlungen zu vermeiden. Doch Worte hätten leider keine Lobby. Auch Prävention sei sinnvoll, aber nicht lukrativ.

Zur anschaulichen Anamnese holte er eine Raucherin aus dem Publikum. Die 20-jährige Medizinstudentin befragte er nach dem Grund für ihr Rauchen. Freilich weiß er auch: Mit 20 hält man sich für unsterblich.

Deswegen sei es unsinnig, jungen Menschen die Gefahren des Rauchens zu erklären. Man müsse etwas finden, das für sie wichtig sei. "Rauchen ist sehr schlecht für die Haut", schärfte er ihr ein. Oder bei älteren Männern: "Rauchen macht impotent."

Schwäche zeigen ist verpönt

Mediziner seien nicht gut darin, für sich selbst zu sorgen, berichtete er. Rund acht Prozent der deutschen Ärzte seien mindestens einmal in ihrem Leben suchtkrank gewesen. Ihre Suizidrate sei höher als in anderen Berufsgruppen. Schwäche zu zeigen, sei verpönt.

Um die eigene Gesundheit zu erhalten, rät Hirschhausen dazu, gute Freundschaften zu pflegen. Zudem setzte er auf Prävention durch Humor: "Lachen ist die beste Medizin", sagt der Arzt, der die Stiftung "Humor hilft heilen" gegründet hat.

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