Ärzte Zeitung online, 19.10.2017
 

Studie

Jeder achte Retter ist Opfer körperlicher Gewalt

Vor allem Rettungskräfte in Großstädten sind häufig gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt. In einer Umfrage gaben 13 Prozent der Teilnehmer an, Opfer von körperlicher Gewalt geworden zu sein.

Jeder achte Retter ist Opfer körperlicher Gewalt

Die Hilfe der Rettungskräfte wird nicht von allen Patienten geschätzt: 60 Prozent der Mitarbeiter haben in einer Umfrage von verbaler Gwalt, 13 Prozent gar von Erfahrungen mit körperlicher Gewalt berichtet.

© Christoph Pueschner/Zeitenspiegel Stiftung Dt. Schlaganfall-Hilfe

BOCHUM. Die ersten Ergebnisse der Studie "Gewalt gegen Einsatzkräfte" liegen vor: 810 Personen haben sich im Mai und Juni 2017 an einer Umfrage beteiligt, die das Team des Lehrstuhls Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) unter Einsatzkräften der Feuerwehren und Rettungsdienste in Nordrhein-Westfalen zu ihren Gewalterfahrungen im Einsatz durchgeführt hat.

13 Prozent der Befragten gaben darin an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal Opfer von körperlicher Gewalt im Einsatz geworden waren, wie die Universität Bochum berichtet. Noch häufiger komme es zu verbaler Gewalt. 60 Prozent der Befragten hatten entsprechende Erfahrungen gemacht.

"Es ist wichtig, zwischen verbaler und körperlicher Gewalt zu unterscheiden. Viele Studien tun das nicht, und dann werden Häufigkeiten genannt, die für die Bürger erschreckend sind", so der Studienverantwortliche Prof. Thomas Feltes in der Mitteilung.

Am stärksten von Gewalt betroffen seien mit rund 85 Prozent die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rettungseinsatz. Nach der konkreten Situation befragt gab die Mehrheit der Helfer an, dass die Übergriffe während der Diagnosestellung oder der Therapie erfolgten. "Es trifft die Einsatzkräfte auch persönlich, wenn sie in einem Notfall alles tun, um Kranken und Verletzten zu helfen, und dabei dann Gewalt erleben", ergänzt Studienleiter Marvin Weigert. So gaben 39 Prozent derjenigen, die körperliche Gewalt erlebt hatten, an, dass sie körperliche Schäden davongetragen haben. Bei 21 Prozent waren es psychische Beeinträchtigungen.

Nachts in Großstädten ist es am gefährlichsten

Mehr als die Hälfte der Vorfälle ereigneten sich der Studie zufolge in den Abend- und Nachtstunden – dies wird als Hinweis gewertet, dass Alkohol und Drogen oft eine Rolle spielen. In 55 Prozent der Fälle körperlicher Gewalt hätten die Befragten auch von erkannter Alkoholintoxikation berichtet. Die Autoren der Studie betonen, dass dies wahrscheinlich auf deutlich mehr Fälle zutrifft, aber nicht immer erkannt werde. So schätzten Autoren anderer Studien, dass bis zu 95 Prozent der Täter unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehen.

Gewaltsame Übergriffe finden laut Studie besonders häufig in Großstädten mit über 500.000 Einwohnern statt. Die Täter seien in rund 90 Prozent der Fälle männlich und zwischen 20 und 39 Jahre alt.

Gewalttätige Übergriffe seien zudem selten vorhersehbar: 80 Prozent der körperlichen Übergriffe kamen nach Angaben der Studienteilnehmer ohne Vorwarnung und plötzlich. Feltes betont, dass die Einsatzkräfte daher noch stärker als bisher auf diese Situationen vorbereitet werden müssten. Zudem sollte die Einsatzleitstelle in die Lage versetzt werden, möglichst viele Informationen zu den Bedingungen des Einsatzes zusammenzustellen.

Mehr Fortbildung gewünscht

In 73 Prozent der Fälle ging die körperliche Gewalt von den Patienten selbst aus. "Auch hier müssen Fortbildungsmaßnahmen ansetzen, damit die Rettungskräfte die notwendigen Maßnahmen noch intensiver erklären und so Widerstände abbauen können", sagt Feltes, der schon vor einigen Jahren eine vergleichbare Studie mit ähnlichen Ergebnissen geleitet hat. Dem entspricht auch, dass etwa 70 Prozent der Befragten sich mehr Fortbildungsmaßnahmen im Bereich Deeskalationstraining und Selbstverteidigung wünschen.

Der Studie zufolge wird nur etwa die Hälfte der Fälle körperlicher Gewalt der Einsatzleitstelle gemeldet oder im Einsatzbericht vermerkt – wohl auch, weil fast die Hälfte der Betroffenen angab, den genauen Meldeweg nicht zu kennen. Die komplette Auswertung der Studie soll im Januar 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt werden.(run)

Härtere Strafen

Bei tätlichen Angriffen auf Polizisten und Rettungskräfte gelten seit kurzem härtere Strafen.

Für Angriffe in Dienstausübung insgesamt droht nach §114 Strafgesetzbuch nun eine Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Diese Regelung für Polizeibeamte wird in einem eigenen Paragrafen § 115 StGB auch auf Angriffe auf Rettungsdienste, Feuerwehr und andere Einsatzkräfte übertragen.

Der Bundesrat billigte am 12. Mai 2017 den vom Bundestag im April verabschiedeten entsprechenden Gesetzesbeschluss.

[22.10.2017, 18:02:20]
Lilia Renner 
Der Ton macht Musik
Die Sanitäter werden auch überheblich!
Vor eine Woche haben Sie mich nicht an Pat. herangelassen.
Bei Autounfall führten sie bei einem stabilen ansprechbaren Pat. ihr ABCSchema mit stabiler Seitenlage durch, wo ich eigentlich Schleudertrauma im Vordergrund sah.
Ein Sanitäter mit Ehefrau des Notarztes ( halt richtige Frau Doktor) haben mich schröpf abgefertigt : „Meinen Sie , wenn Sie Ärztin sind, wissen Sie alles?“
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[19.10.2017, 18:46:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Blamiert bis auf die Knochen?
Ich zitiere nur die Einladung zur Fortbildung:
Gewalt gegen Ärzte und medizinisches Fachpersonal vom
10. - 11. März 2017 | Berlin

"Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Beschimpfungen, Drohungen und körperliche Übergriffe gehören bei vielen Mitarbeitern in medizinischen Berufen zum Alltag.
Aktuelle Vorfälle mit schweren Gewaltformen sind bedrückend und aufrüttelnd.
Wir möchten uns daher in diesem Fortbildungskurs erneut mit der Thematik
von Gewalt gegen Ärzte und medizinisches Fachpersonal beschäftigen.
Als Ergebnis der Evaluation des Kurses 2015 haben wir den Kurs auf 1,5 Tage erweitert; auch dieses Mal gibt es einen theoretischen und einen praktischen Teil.
Besonders freuen wir uns, für diesen Kurs wieder ein hochkompetentes Referententeam gewonnen zu haben, um uns kritisch mit der komplexen Problematik auseinander zu setzen und konkrete Handlungshilfen zu entwickeln.
Wir freuen uns über Ihr Interesse und auf Ihre Teilnahme und verbleiben
Mit freundlichen Grüßen Dr. med. Sven Eggert - Christian Henke" (Zitat Ende)

Diese Problematik kann ich aus eigenem Erleben von tätlichen Angriffen und aus den Berichten meiner Kolleginnen und Kollegen nur bestätigen.

Dennoch lassen Bundesregierung und Parlament Ärztinnen und Ärzte bzw. ärztliches Begleit- und Assistenzpersonal als Rettungshelfer nicht nur im zentralen ärztlichen Notdienst im Stich, sondern lassen damit auch alle Laien-Ersthelfer in jeglichen Notfall-Situationen schutzlos! Beim strafrechtlichen und ideellen Schutz der Helfer lässt man sich verleugnen, fordert aber zugleich die Bestrafung der Bürgerinnen und Bürger bei unterlassener Hilfeleistung?

Aus dem verbesserten strafrechtlichen Schutz nach § 114 Strafgesetzbuch StGB (Regelung für Polizeibeamte) und dem eigentlich neuen Paragrafen § 115 StGB (Angriffe auf Rettungsdienste, Feuerwehr und andere Einsatzkräfte) werden m. E. verfassungswidrig ausgegrenzt:
- Ersthelfer (mit gesetzlicher Pflicht zur Hilfeleistung),
- Ärzte im organisier­ten ärztlichen Notfall- und Bereitschaftsdienst,
- Begleit- und Hilfspersonen im Notfall- und Bereitschaftsdienst,
- technische Helfer (Handwerk, Technik, Ver- und Entsorger)
- Hilfe-Leister bei Katastrophen, Unglücksfällen, Gefahren-/Notsituationen
- Pflege- und Logistik-Personal
- erst- und weiterbehandelnde Ärzte/Assistenz in Klinik und Praxis.

Bundesregierung, Bundesrat und Bundestag haben sich mit ihrem im April 2017 verabschiedeten Gesetzesbeschluss bis auf die Knochen blamiert!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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