Studie

Jeder achte Retter ist Opfer körperlicher Gewalt

Vor allem Rettungskräfte in Großstädten sind häufig gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt. In einer Umfrage gaben 13 Prozent der Teilnehmer an, Opfer von körperlicher Gewalt geworden zu sein.

Veröffentlicht:
Die Hilfe der Rettungskräfte wird nicht von allen Patienten geschätzt: 60 Prozent der Mitarbeiter haben in einer Umfrage von verbaler Gwalt, 13 Prozent gar von Erfahrungen mit körperlicher Gewalt berichtet.

Die Hilfe der Rettungskräfte wird nicht von allen Patienten geschätzt: 60 Prozent der Mitarbeiter haben in einer Umfrage von verbaler Gwalt, 13 Prozent gar von Erfahrungen mit körperlicher Gewalt berichtet.

© Christoph Pueschner/Zeitenspiegel Stiftung Dt. Schlaganfall-Hilfe

BOCHUM. Die ersten Ergebnisse der Studie "Gewalt gegen Einsatzkräfte" liegen vor: 810 Personen haben sich im Mai und Juni 2017 an einer Umfrage beteiligt, die das Team des Lehrstuhls Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) unter Einsatzkräften der Feuerwehren und Rettungsdienste in Nordrhein-Westfalen zu ihren Gewalterfahrungen im Einsatz durchgeführt hat.

13 Prozent der Befragten gaben darin an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal Opfer von körperlicher Gewalt im Einsatz geworden waren, wie die Universität Bochum berichtet. Noch häufiger komme es zu verbaler Gewalt. 60 Prozent der Befragten hatten entsprechende Erfahrungen gemacht.

"Es ist wichtig, zwischen verbaler und körperlicher Gewalt zu unterscheiden. Viele Studien tun das nicht, und dann werden Häufigkeiten genannt, die für die Bürger erschreckend sind", so der Studienverantwortliche Prof. Thomas Feltes in der Mitteilung.

Am stärksten von Gewalt betroffen seien mit rund 85 Prozent die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rettungseinsatz. Nach der konkreten Situation befragt gab die Mehrheit der Helfer an, dass die Übergriffe während der Diagnosestellung oder der Therapie erfolgten. "Es trifft die Einsatzkräfte auch persönlich, wenn sie in einem Notfall alles tun, um Kranken und Verletzten zu helfen, und dabei dann Gewalt erleben", ergänzt Studienleiter Marvin Weigert. So gaben 39 Prozent derjenigen, die körperliche Gewalt erlebt hatten, an, dass sie körperliche Schäden davongetragen haben. Bei 21 Prozent waren es psychische Beeinträchtigungen.

Nachts in Großstädten ist es am gefährlichsten

Mehr als die Hälfte der Vorfälle ereigneten sich der Studie zufolge in den Abend- und Nachtstunden – dies wird als Hinweis gewertet, dass Alkohol und Drogen oft eine Rolle spielen. In 55 Prozent der Fälle körperlicher Gewalt hätten die Befragten auch von erkannter Alkoholintoxikation berichtet. Die Autoren der Studie betonen, dass dies wahrscheinlich auf deutlich mehr Fälle zutrifft, aber nicht immer erkannt werde. So schätzten Autoren anderer Studien, dass bis zu 95 Prozent der Täter unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehen.

Gewaltsame Übergriffe finden laut Studie besonders häufig in Großstädten mit über 500.000 Einwohnern statt. Die Täter seien in rund 90 Prozent der Fälle männlich und zwischen 20 und 39 Jahre alt.

Gewalttätige Übergriffe seien zudem selten vorhersehbar: 80 Prozent der körperlichen Übergriffe kamen nach Angaben der Studienteilnehmer ohne Vorwarnung und plötzlich. Feltes betont, dass die Einsatzkräfte daher noch stärker als bisher auf diese Situationen vorbereitet werden müssten. Zudem sollte die Einsatzleitstelle in die Lage versetzt werden, möglichst viele Informationen zu den Bedingungen des Einsatzes zusammenzustellen.

Mehr Fortbildung gewünscht

In 73 Prozent der Fälle ging die körperliche Gewalt von den Patienten selbst aus. "Auch hier müssen Fortbildungsmaßnahmen ansetzen, damit die Rettungskräfte die notwendigen Maßnahmen noch intensiver erklären und so Widerstände abbauen können", sagt Feltes, der schon vor einigen Jahren eine vergleichbare Studie mit ähnlichen Ergebnissen geleitet hat. Dem entspricht auch, dass etwa 70 Prozent der Befragten sich mehr Fortbildungsmaßnahmen im Bereich Deeskalationstraining und Selbstverteidigung wünschen.

Der Studie zufolge wird nur etwa die Hälfte der Fälle körperlicher Gewalt der Einsatzleitstelle gemeldet oder im Einsatzbericht vermerkt – wohl auch, weil fast die Hälfte der Betroffenen angab, den genauen Meldeweg nicht zu kennen. Die komplette Auswertung der Studie soll im Januar 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt werden.(run)

Härtere Strafen

Bei tätlichen Angriffen auf Polizisten und Rettungskräfte gelten seit kurzem härtere Strafen.

Für Angriffe in Dienstausübung insgesamt droht nach §114 Strafgesetzbuch nun eine Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Diese Regelung für Polizeibeamte wird in einem eigenen Paragrafen § 115 StGB auch auf Angriffe auf Rettungsdienste, Feuerwehr und andere Einsatzkräfte übertragen.

Der Bundesrat billigte am 12. Mai 2017 den vom Bundestag im April verabschiedeten entsprechenden Gesetzesbeschluss.

Mehr zum Thema

Viele Betroffene traumatisiert

Flutkatastrophe hinterlässt „Narben, die man nie vergisst“

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Nachmittags: das schnelle Telegramm. Am Morgen: Ihr individuell zusammengestellter Themenmix.

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Modell der inneren und äußeren Gehörgänge: So kann verdeutlicht werden, wo bei rezidivierenden Mittelohrentzündungen das Paukenröhrchen platziert wird. Ist ein solcher Eingriff aber überhaupt notwendig?

© Birgit Reitz-Hofmann / stock.adobe.com

Randomisierte Studie

Was bringen Paukenröhrchen bei rezidivierender Otitis media?

Fischöl: Die Supplementierung mit  Omega-3-Fettsäuren beugte in einer Studie Läsionen in der weißen Substanz (WMH) vor. Eine hohe WMH-Last geht mit einem beschleunigten kognitiven Abbau einher.

© PhotoSG / stock.adobe.com

Kontrollierte US-Studie

Demenzprävention: Fischöl schützt weiße Substanz