Ärzte Zeitung online, 24.11.2018

Brandenburg

Ist die Notfallversorgung top oder ein Flop?

Sind Notfallpatienten in Brandenburg schnell genug in der Klinik? Die Daten liefern bislang ein widersprüchliches Bild.

Von Angela Mißlbeck

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Innerhalb von 15 Minuten erreichen die Rettungsfahrzeuge laut einer Analyse der Notfallversorgungsstrukturen von den Rettungswachen in Brandenburg knapp 97 Prozent der Einwohner.

© Stephan Jansen / dpa / picture

POTSDAM. Die Rettungsstellen im Land Brandenburg sind besser erreichbar als erwartet. Das zeigt eine Analyse der Notfallversorgungsstrukturen in dem Flächenland, die das IGES Institut Berlin im Auftrag des Brandenburgischen Gesundheitsministeriums vornimmt.

Das Versorgungsforschungs-Projekt wird aus dem Innovationsfonds gefördert. Es soll nach einer umfassenden Bestandsaufnahme Maßnahmen zur Verbesserung der Notfallversorgung entwickeln, die in die Landeskrankenhausplanung 2020 einfließen.

Innerhalb von 15 Minuten erreichen die Rettungsfahrzeuge von den Rettungswachen in Brandenburg aus knapp 97 Prozent der Einwohner.

Erreichbarkeitswerte überraschen

Das hat das IGES den Daten der Landesvermessung und Geodateninformation Brandenburg (LGB) entnommen. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser in Brandenburg sind für 63 Prozent der Bevölkerung innerhalb von 15 Minuten erreichbar.

Innerhalb von 30 Minuten kommen fast 99 Prozent der Einwohner zu einer Notaufnahme. „Diese recht guten Erreichbarkeitswerte haben uns überrascht“, sagte IGES-Projektleiter Dr. Martin Albrecht der „Ärzte Zeitung“.

Dagegen zeigen Detailanalysen des IGES über die stationäre Notfallversorgung der Patienten ein ganz anderes Bild. So erhielten weniger als 40 Prozent der Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall ein CT oder MRT, obwohl dies laut Albrecht zur Standarddiagnostik bei akuten Schlaganfällen gehört.

Eine mögliche Erklärung für diesen überraschend niedrigen Anteil ist Albrecht zufolge, dass die Patienten zu spät in die Klinik kommen.

Hinweise auf eine späte Krankenhausbehandlung von Notfallpatienten gibt auch der Herzbericht der Deutschen Herzstiftung, der für Brandenburg seit Jahren eine der höchsten Infarktsterblichkeiten beobachtet.

Warum Patienten zu spät in die Kliniken kommen, soll Gegenstand weiterer Analysen des IGES sein. Ziel ist es herauszufinden, ob die Versorgung besser werden könnte, wenn der Rettungsdienst für schwere Notfälle entlastet wird oder ob Maßnahmen noch früher bei der Laienaufklärung ansetzen müssen.

„Ich glaube, dass großes Potenzial l darin liegt, dass man die Navigation der Patienten durch das System zu Beginn stärker telefonisch oder telemedizinisch unterstützt“, sagte Albrecht. Er verwies auf das Pilotprojekt einer Koordinierungsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB).

Stark angestiegene Zahl an Notfalleinsätzen

Die Zahl der Notfalleinsätze des Rettungsdienstes hat sich in Brandenburg von 2000 bis 2016 laut IGES verdoppelt. Dabei stieg die Zahl der Notarzteinsätze den Angaben zufolge jedoch nur um 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum sind die Krankentransporte deutlich zurückgegangen.

Diese Entwicklungen werfen laut Albrecht die Frage auf, inwieweit Rettungsfahrzeuge als Krankentransporte fehleingesetzt werden. Der Versorgungsforscher beobachtet ein Zuständigkeitsvakuum bei der Frage der Krankentransporte.

Effiziente Notfallstrukturen sind jedoch Albrecht zufolge schon mit Blick auf die wachsende Personalknappheit nötig. Der Anteil der Notärzte, die über Notarztbörsen und andere Wege der flexiblen Personalgewinnung eingesetzt werden, ist der Analyse zufolge von 13 Prozent im Jahr 2008 auf knapp 20 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Albrecht stellt fest: „Es ist schwieriger, Personal zu bekommen.“

Nicht eindeutig bestätigt haben die Analysen bisher jedoch die weithin angenommenen Zusammenhänge zwischen einer geringen Vertragsarztdichte und einer hohen Notfallhäufigkeit, obwohl 41 Prozent der rund 236.000 Notfallpatienten in Brandenburg im Jahr 2015 werktags tagsüber in die Kliniken kamen.

Auch zwischen der Altersstruktur der Bevölkerung und der Notfallhäufigkeit konnten die Forscher keine eindeutige Verbindung erkennen. Klar ist lediglich, dass sich Notfälle im Kinder- und Jugendalter und im höheren Alter häufen.

Das Projekt läuft seit Anfang 2017. Geplant ist eine Analyse von KV- und Krankenkassendaten bis Mitte 2019. Die Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung sollen im Dezember dieses Jahres vorliegen.

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