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Ärzte Zeitung, 14.09.2011

Alle Hoffnung ruht auf der Entscheidungslösung

Soll jeder Bürger mindestens einmal im Leben entscheiden müssen, ob er Organe spenden möchte oder nicht? Viele Ärzte und betroffene Patienten erhoffen sich durch die Entscheidungslösung einen deutlichen Anstieg der immer noch knappen Spenderorgane.

Alle Hoffnung ruht auf der Entscheidungslösung

Vorbereitungen für eine Nierentransplantation. Zur Zeit gibt es in Deutschland immer noch viel zu wenig Spenderorgane.

© horizont 21 / fotolia.com

BERLIN (sun). In Deutschland warten etwa 12 000 Menschen auf Spenderorgane - es sterben ungefähr 1000 Menschen im Jahr, weil sie keines erhalten. Ein Gesetzesvorhaben hat daher zum Ziel, mehr Menschen dazu zu bewegen, einer Organspende zuzustimmen.

Keine Entscheidung soll auch eine Möglichkeit sein

Zurzeit scheint es auf eine Erklärungspflicht hinaus zu laufen: Bürger sollen über Organspenden informiert und gefragt werden, ob sie einer Spende zustimmen oder sie ablehnen. Es soll auch möglich sein, keine Entscheidung treffen zu müssen.

Kritiker der Erklärungslösung empfinden es als Zumutung, dass jeder Mensch gezwungen werden soll, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen. "Doch ich habe davon profitiert, dass sich Menschen diese Entscheidung zugemutet haben", sagte Professor Ulrike Ravens-Sieberer auf dem dritten Jahreskongress der Nephrologen in Berlin.

Die 47 Jahre alte Hamburger Kinderpsychologin ist selbst seit ihrem 18. Lebensjahr Dialysepatientin. Zurzeit wartet sie auf ihre vierte Transplantation. "Ich wusste nie, wer der Spender war", berichtete sie.

Entscheidungslösung ein Schritt in die richtige Richtung?

Eine gewisse Distanz sei notwendig gewesen, um das Organ als das ihre zu akzeptieren - das habe sie jedoch nicht gehindert, dem Spender dankbar zu sein. Ravens-Sieberer hält die Entscheidungslösung für einen Schritt in die richtige Richtung.

Dem stimmt auch die Diplom-Handelslehrerin Elke Wittenberg zu, deren vierjährige Tochter nach einer harmlosen Mandeloperation an einer Nachblutung gestorben ist. Der Schock war für sie in dem Moment so groß, dass sie überhaupt nicht an eine Organspende gedacht hat.

"Und die Ärzte haben sich nicht getraut, meinen Mann und mich auf das Thema anzusprechen", berichtete Wittenberg. Es war ihr Mann, der das Thema aufbrachte. "Es konnten zwei kleine Jungen und eine 53-Jährige Frau gerettet werden", sagt Wittenberg.

Dieser Gedanke tröste sie: "Das ist das Gute, das mit dem Tod einhergeht." Heute sagt sie: "Ich hätte es mir niemals verziehen, wenn ich es versäumt hätte, die Organe unserer Tochter zu spenden."

Transplantationskoordinator für jede Klinik, fordert Frei

Der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, kennt das Phänomen: "Es gibt immer noch Kollegen, die sich nicht trauen, die Angehörigen auf Organspende anzusprechen." Daher wäre es hilfreich, wenn es tatsächlich an jeder Klinik einen Transplantationskoordinator geben würde, der entsprechend geschult sei, fordert Frei.

Etwa ein Drittel der Spender, die infrage kämen, würden aus unterschiedlichen Gründen nicht gemeldet. Diese Zahl ließe sich bei koordinierter Arbeit deutlich reduzieren.

Frank-Walter Steinmeier wirbt für die Entscheidungslösung

Das derzeit gültige Gesetz enthalte kein Ziel, dabei müsse festgelegt werden, dass die Zahl der Organspenden erhöht werden müsste, "wenn wir den derzeitigen Skandal beseitigen wollen", ergänzte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier.

Er hatte seiner Frau im vergangenen Jahr eine Niere gespendet. Steinmeier wirbt für die Entscheidungslösung - vor allem, weil eine Widerspruchslösung nicht mehrheitsfähig ist.

Entscheidung für oder gegen Organspende auf Krankenversicherungskarte

Die Spendenbereitschaft müsse aber zügig verbessert werden. Zurzeit sei geplant, dass auf der Krankenversicherungskarte die Entscheidung für oder gegen eine Bereitschaft zur Organspende vermerkt werde.

Die Versicherten sollten dann mindestens einmal in ihrem Leben gefragt werden, ob sie bereit seien zu spenden. "Ob sich dann mehr Menschen für ein Ja entscheiden, wird sich zeigen", so Steinmeier.

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