Ärzte Zeitung, 29.10.2009

Auf der Reformbaustelle Pflege liegt viel Arbeit vor Schwarz-Gelb

Neben der Kranken- gehört auch die Pflegeversicherung zu den großen Reformbaustellen der neuen Bundesregierung. Dem System mangelt es nicht nur an Geld, sondern auch an Personal.

Von Thomas Hommel

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Das entscheidende Kriterium für die Wahl eines Pflegeheimes: Betreuung durch fachlich qualifizierte und freundliche Pflegekräfte.

Foto: Imago

BERLIN. Ins Altenheim möchte niemand wirklich gern. Lässt sich der Umzug dorthin dennoch nicht vermeiden, dann ist für die Qualität der Betreuung aus Sicht der Mehrheit der Bundesbürger vor allem eines wichtig: kompetentes, freundliches und zugewandetes Pflegepersonal - und das in ausreichender Anzahl.

Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach im Auftrag des privaten Heimbetreibers Marseille Kliniken AG unter 1804 Bundesbürgern hervor (wir berichteten). Einrichtung, Lage und Umgebung des Heims, Freizeitangebote für Bewohner oder Verkehrsanbindung spielen demnach als Kriterien für die Wahl der Einrichtung eine nur nachgeordnete Rolle - entscheidend ist die Personalausstattung.

Ausreichend qualifiziertes Pflegepersonal zu finden, fällt Heimbetreibern in Deutschland - egal ob öffentlich, konfessionell oder privat - aber immer schwerer. Weil deutlich mehr alte Menschen pflegebedürftig werden und sich gleichzeitig immer weniger junge Menschen für einen Pflegeberuf entscheiden, hat der Mangel an Pflegekräften in Deutschland in den vergangenen Jahren dramatische Züge angenommen. Und die Situation dürfte sich weiter zuspitzen. So gehen Experten davon aus, dass allein in der Altenpflege bis zum Jahr 2040 bis zu 550 000 zusätzliche Fachkräfte erforderlich sind.

Auf die neue schwarz-gelbe Bundesregierung und ihren Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) kommt daher die Aufgabe zu, die 1995 eingeführte Pflegeversicherung nicht nur finanziell auf neue, solidere Beine zu stellen, sondern auch Sorge dafür zu tragen, dass einer wachsenden Zahl pflegebedürftiger Menschen genügend Fachkräfte gegenüberstehen, die die Pflege übernehmen.

Um den Personalmangel zu beheben, haben sich Union und FDP auf ein Bündel von Maßnahmen geeinigt: So sollen die Rahmenbedingungen für Pflegende und Leistungsanbieter überprüft und entbürokratisiert werden, "damit der eigentlichen Pflege am Menschen wieder mehr Zeit eingeräumt wird". Außerdem soll das Berufsbild Altenpflege "attraktiver" gestaltet und die Pflegeberufe in der Ausbildung durch ein neues Berufsgesetz modernisiert und zusammengeführt werden.

Aus Sicht der Heimbetreiber ein überfälliger Schritt. "Das Berufsbild der Pflegefachkraft ist in Deutschland bislang nicht als Expertenstandard festgelegt - das heißt, der Beruf ist auch nicht besonders attraktiv", sagt Marseille-Vorstandsvorsitzender Axel Hölzer. Um den Pflegeberuf aufzuwerten und interessanter für junge Menschen zu machen, schlägt der Manager eine Anreicherung mit ärztlichen Tätigkeiten vor. "Wir haben ein Arztproblem in diesem Land und viele Ärzte wollen nicht in ein Pflegeheim gehen, weil es für sie keine monetären Anreize gibt, dort hinzugehen. Pflegekräfte könnten also das System entlasten und hätten einen größeren Anreiz, in diesem Beruf zu arbeiten", ist Hölzer überzeugt.

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[29.10.2009, 07:07:24]
Angela Glaser 
Kompetenzen der Pflege in England
Die Erweiterung der Kompetenzen in der Pflege könnte in der Tat die Motivation diesen Beruf zu ergreifen erhöhen. In England trifft man oft Pflegefachkräft an, wenn man eine Arztpraxis betritt. Sie sind zuständig für die Beratung und Behandlung von chronisch Kranken, und dürfen nach Zusatzausbildungen sogar bestimmte Medikamente verschreiben.
Zudem hat der National Health Service (NHS) seit ein paar Jahren sogenannte Walk-in centres in Großstädten und Ballungsgebieten eingeführt.Hier arbeiten hauptsächlich Pflegefachkräfte und versorgen und beraten Patienten, bei Bedarf wird an den Arzt weitergeleitet.
Sich in diese Richtung weiterzuentwickeln stände dem deutschen Gesundheitswesen auch gut an. zum Beitrag »

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