Ärzte Zeitung, 26.10.2016
 

Bescheidenheit war gestern

Stellen die Babyboomer das Pflegesystem auf den Kopf?

Individualisierung und Auflösung von Familien prägen den künftigen Pflegealltag der Babyboomer, prognostizieren Schweizer Forscher. Fluid Care – die Pflege von morgen – soll ihrer Ansicht nach neuen Anbietern und Big Data den Weg in die modulare Pflege ebnen.

Von Matthias Wallenfels

Stellen die Babyboomer das Pflegesystem auf den Kopf?

Noch gut versorgt: Die alten Menschen von heute

©wavebreakmediamicro/ fotolia.com

Flexibilisierung und Convenience sind zwei Kerntrends des Pflegealltags von morgen. Davon geht das Gottlieb Duttweiler Institute (GDI) in Zürich aus. In der Studie "Fluid Care" haben sich die Zukunftsforscher Gedanken gemacht über die Erwartungshaltung der Babyboomer bezüglich ihres Pflegealltags.

Wie sie in der Studie betonen, sei die steigende Lebenserwartung, die in allen westlichen Ländern beobachtet wird, ein zweischneidiges Schwert. Sie beschere den Menschen zwar mehr Zeit, um sich im (Un-)Ruhestand die lange gehegten Träume zu erfüllen, werde aber zunehmend mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit bezahlt.

Diese Feststellung treffe auch auf die vergleichsweise fitten Babyboomer zu, die jetzt ins Alter kommen. Die Gesellschaft stehe vor der Herausforderung, für immer mehr Senioren mit immer differenzierteren Ansprüchen die Finanzierung der Betreuung und Pflege sicherzustellen.

Aus diesen Gründen ist es an der Zeit, so mahnen die GDI-Experten, sich von den herkömmlichen Vorstellungen über die Betreuung und Pflege von älteren Menschen zu verabschieden. Die Betreuungs- und Pflegebedürfnisse der Gesellschaft des langen Lebens würden durch verschiedene Treiber geformt, die gesamtgesellschaftlich relevant seien und nicht ausschließlich das Alter beträfen.

Zu ihnen gehören die Individualisierung und Entfamiliarisierung: Die Menschen seien zunehmend auf ihr Ich ausgerichtet und forderten auch im Alter Selbstbestimmung, während familiäre Bande an Bedeutung verlören. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft bleibe dennoch bestehen. Es manifestiere sich – auch bei Senioren – in neuen Formen des privaten Zusammenlebens, des Konsumierens und Arbeitens.

Im Trend: ambulant vor stationär

Ein weiterer elementarer Treiber ist laut GDI die Digitalisierung. Big Data präge nicht nur das gesundheitliche Selbstverständnis, sondern verändere auch die Ansprüche an Organisation und Inhalt von Betreuung und Pflege.

Dabei gehörten Flexibilisierung und Convenience zur Grunderwartung: Frühere Generationen seien vornehmlich durch Bescheidenheit aufgefallen, die Babyboomer-Senioren wollten es dagegen so bequem wie möglich haben. Sei es, indem alles immer und überall verfügbar ist oder indem technische Systeme als persönliche Berater Orientierung im Dschungel der Möglichkeiten bieten.

Betreuung und Pflege werde in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich organisiert, so das GDI. Allen gemeinsam sei allerdings der Trend hin zu "ambulant vor stationär" in der Versorgung . Im Kontext des Demografiewandels und der steigenden Ansprüche vonseiten der Konsumenten zeichne sich zudem überall eine Verknappung der Mittel ab.

Mit den gesellschaftlichen Treibern, welche die Pflegebedürfnisse von morgen bestimmten, seien die heutigen institutionalisierten Systeme nicht kompatibel. Die klare Trennlinie von ambulanten und stationären Leistungen etwa lasse sich mit dem Bedürfnis nach Flexibilisierung nicht vereinbaren. Zwischen Heim und Daheim brauche es Alternativen im Sinne von "À-la-carte-Dienstleistungen", mit denen man auf Kunden individuell eingehen kann.

Zwei Szenarien erarbeitet

"Deshalb stehen Betreuung und Pflege von morgen im Zeichen von Fluid Care", so das GDI. Zwischen Angeboten und Leistungsträgern brauche es fließende Übergänge und gesamtheitliche Lösungen, die auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt seien.

 Laut Studie sind zwei Fluid-Care-Szenarien vorstellbar: Bei dem Szenario "on demand/individualisiert" existierten viele ausdifferenzierte Angebote nebeneinander. Die Dienstleister bedienten anstelle von kompletten Leistungspaketen spezifische Nischen und Bedürfnisse und stünden in Konkurrenz mit anderen Anbietern. Wer Bedarf an Fluid-Care-Leistungen habe, stelle sich sein persönliches Paket aus der Vielzahl von Servicepaketen der verschiedenen Anbieter selbst zusammen. Neue, auch branchenfremde Start-ups mischten den Markt auf. Sie übernähmen Bereiche wie Facility Management, Ernährung oder soziale Vernetzung.

Beim alternierenden Szenario "pauschal/individualisiert" werde Fluid Care zwar ebenfalls auf den individuellen Bedarf abgestimmt, aber als integriertes Angebot aufbereitet. Eine Art Managementplattform – ein Verein, eine Einzelperson, eine technische Anbieterplattform usw. – übernehme für die Kunden die umfassende Rundumorganisation.

Hierfür müssten die Anbieter "über ihre Silos hinausdenken, denn Fluid Care bedeutet, dass Betreuung und Pflege, aber auch alltägliche Dienstleistungen und soziale Bedürfnisse aus einer Hand gedeckt werden", erläutern die Vordenker. Der Fluid-Care-Markt bietet, so das GDI, ein riesiges Potenzial.

 Erkannt hätten dies erst wenige Start-ups und innovative Branchen-Player. Sie träfen mit flexibleren, individuelleren Angeboten den Nerv der Zeit. Die institutionalisierten Rahmenbedingungen schränkten allerdings die Entwicklungsmöglichkeiten der heutigen Anbieter ein und bremsten Innovationen, warnt das GDI.

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