Ärzte Zeitung online, 30.05.2017
 

Geriatrie

Interdisziplinärer Ansatz zahlt sich aus

Im Gütersloher Zentrum für Altersmedizin werden gerontopsychiatrisch und somatisch erkrankte Patienten interdisziplinär behandelt. Eine anstrengende, aber auch sehr lohnende Arbeit, finden die beteiligten Akteure.

Von Ilse Schlingensiepen

Interdisziplinärer Ansatz zahlt sich aus

Die Patienten im Zentrum für Altersmedizin profitieren von der fachübergreifenden Zusammenarbeit.

© Popov / Fotolia.com

ESSEN. Der Aufbau eines interdisziplinären Zentrums für Altersmedizin in einer psychiatrischen Klinik kann dazu beitragen, die Versorgung der älteren Patienten deutlich zu verbessern. Das gilt nicht nur für die Patienten in der Klinik selbst: Wie das Beispiel Gütersloh zeigt, hat ein solches Zentrum auch Strahlkraft für die gesamte Region.

Am Klinikum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) in Gütersloh ist im Jahr 2005 ein Zentrum für Altersmedizin gegründet worden, in dem sowohl psychisch als auch somatisch erkrankte ältere Patienten interdisziplinär behandelt werden. Seit den 60er Jahren umfasst das LWL-Klinikum neben den psychiatrischen Kliniken auch Kliniken für Innere Medizin/Geriatrie und für Neurologie. "Davon profitieren wir heute noch", sagte Bernd Meißnest, Ärztlicher Leiter des Zentrums und Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie, beim XIII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie in Essen.

Interdisziplinäre Weiterbildung

Ein wichtiger Baustein der fachübergreifenden Zusammenarbeit im Zentrum ist die zentrale Patientenaufnahme. "Es ist ein Schatz, dass gerontopsychiatrische Patienten dort auch somatisch untersucht werden", berichtete Meißnest. Sehr bewährt habe sich die interdisziplinäre Weiterbildungs-Befugnis. Die Behandlungspalette hat sich erweitert und umfasst inzwischen auch tagesklinische und ambulante Angebote sowie gerontopsychiatrische Konsiliardienste innerhalb des LWL-Klinikums und für die somatischen Abteilungen von Krankenhäusern in der Region. Tandems aus Ärzten und Nicht-Ärzten suchen zudem die Patienten auf Wunsch zu Hause auf.

Der interdisziplinäre Ansatz des Zentrums hat sich breit herumgesprochen, berichtete der Leiter. "Wir bekommen inzwischen viele Behandlungsaufträge, die wir nicht erfüllen können."

Das Konzept des interdisziplinären Zentrums für Altersmedizin sei lohnend, verlange den Beteiligten aber auch viel ab, sagte er. "Es bedarf je nach Kooperationspartner einer sehr kreativen Vorgehensweise." Jeder müsse den eigenen Teilbereich immer wieder verlassen und von außen betrachten. Eine Schwierigkeit besteht nach Angaben Meißnests auch darin, dass ein interdisziplinäres Konzept nicht zu den aktuellen Finanzierungssystemen passt.

Um die Versorgung von Patienten mit Demenz in der Akutklinik zu verbessern, haben das LWL-Klinikum und das Klinikum Gütersloh als Pilotprojekt gemeinsam die Stelle eines Demenz-Koordinators entwickelt. Sie wird von der Bürgerstiftung Gütersloh finanziert. Zu seiner Tätigkeit gehören die Identifikation von Menschen mit Demenz und die Ermittlung ihres besonderen Versorgungsbedarfs sowie die Beratung von Angehörigen, berichtete Demenz-Koordinator Benjamin Volmar, der ein Studium in psychiatrischer Pflege absolviert hat.

Alle Berufsgruppen werden geschult

Er arbeitet viel mit Assessments, um eine soziale, biografische, pflegerische und medizinische Anamnese der Demenzkranken erstellen zu können. "Ich selbst kann keine Diagnose stellen, sondern nur auf bestimmte Dinge hinweisen", betonte er. Ein wichtiger Teil seiner Arbeit ist die Schulung von Mitarbeitern aller Berufsgruppen. Zudem unterstützt Volmar die Klinik dabei, sich besser auf den Umgang mit Demenzpatienten einzustellen, etwa durch die Installation von demenzfreundlichen Orientierungshilfen wie Kalender, Uhren oder Hörverstärker. Eine weitere Aufgabe ist die Vernetzung der internen und externen Versorgungsangebote.

Der Einsatz des Demenz-Koordinators soll von bisher acht Stationen auf die gesamte Klinik ausgedehnt werden. Seine Stelle wird 2018 in die Regelversorgung überführt. "Unser Ziel ist es, Alltagspräsenz zu zeigen, denn nur so kann ein solches Konzept umgesetzt werden", betonte Volmar.

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