Ärzte Zeitung online, 23.06.2017
 

Alterssimulationsanzug

Pfleger lernen als "Robo Cop", wie sich Altern anfühlt

Von Jana Kötter

Sie erleben im Simulationsanzug das Altern am eigenen Leib und üben die Pflege an lebensgroßen Puppen: In einem Modellprojekt sollen junge Menschen mit Förderbedarf für die Altenpflege gewonnen werden.

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Das Modellprojekt verbindet Theorie und Praxis: Auszubildende Sina Görlach (links) sammelt die Oberthemen der dreijährigen Ausbildung. Luca Behrle (ganz rechts) und Anna Schumacher üben die ersten Handgriffe an der Simulationspuppe „Frau Müller“.

© Jana Kötter (4)

Schwerfällig lässt sich Yannik Brehmer auf das Krankenbett plumpsen. Die Knie sind steif, der Rücken leicht gekrümmt, jede Bewegung fällt schwer. Wenn Yannik dann hilfesuchend nach dem Rollator neben dem Bett tastet oder mit unsicheren Bewegungen zum Wasserglas greift, ist kaum vorstellbar, dass der junge Mann gerade einmal 18 Jahre alt und körperlich topfit ist – wenn er nicht gerade den selbstgeschneiderten Alterssimulationsanzug trägt.

Der lässt ihn zwar aussehen wie "Robo Cop", frisch aus dem Science-Fiction-Film. Doch Superkräfte hat er keine – im Gegenteil: Tatsächlich ist nun, da Gewichte jede Bewegung erschweren und die gefleckte Brille eine Makuladegeneration simuliert, die Hilfe von Sina Görlach unverzichtbar. Aufmerksam schiebt die Auszubildende ihrem "Pflegebedürftigen" Yannick den Rollator ein Stückchen näher.

Sina und Yannick sind Auszubildende in der Pilotklasse des Ausbildungsgangs "Fachpraktiker Hauswirtschaft mit Zusatzqualifikation Altenpflegehelfer". Es ist die erste Pflege-Ausbildung in Hessen, die jungen Menschen mit Förderbedarf einen Weg in die Pflege öffnet, der sonst allzu oft verschlossen bleibt.

So wie in Sinas Fall: "Ich habe nach einigen Praktika sehr schnell gemerkt, dass ich in der Altenpflege tätig sein möchte", erzählt die 19-Jährige aus dem hessischen Leihgestern. So hat sie nach dem Hauptschulabschluss auch eine Ausbildung als Altenpflegehelferin angefangen – nach gut drei Monaten jedoch abgebrochen.

"Das Tempo war zu hoch"

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Yannik Brehmer im Alters-Simulations-Anzug.

© Jana Kötter

Sie brauche zum Lernen eben etwas länger, erklärt Sina. "Das Tempo in der fachschulischen Ausbildung war mit einfach zu hoch, da blieb etwa gar keine Zeit für Nachfragen aus der Klasse." Auf herkömmlichem Weg wäre ihr der Weg in die Altenpflege damit versperrt geblieben – doch das kann sich Hessen wie jedes andere Bundesland nicht leisten.

Angaben des Landesgesundheitsministeriums zufolge fehlten 2014 allein in Hessen 2557 Altenpfleger und 2013 Gesundheits-und Krankenpfleger. Tendenz steigend: "Insgesamt haben die Stellenbesetzungsprobleme weiter zugenommen, teilweise können Stellen nur mit erheblicher zeitlicher Verzögerung besetzt werden oder die Eröffnung neuer Angebote kann nicht wie geplant erfolgen, weil das passende qualifizierte Personal nicht gefunden werden kann", erklärt Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) auf Anfrage der "Ärzte Zeitung".

Aufgrund des demografischen Wandels sei zu erwarten, dass bis zum Jahr 2020 der Beschäftigtenbestand in der ambulanten und stationären Altenpflege um 3172 Altenpfleger erweitert werden muss, um die bestehende Versorgungsqualität beizubehalten.

Modellprojekt als Lösungsidee

Um folglich auch jungen Menschen wie Sina, die sonst durch das Raster der Angebote fallen würden, die Ausbildung in der Pflege zu ermöglichen, hat das Berufsbildungswerk Südhessen (bbw) gemeinsam mit dem Ministerium und anderen Partnern ein neues Modellprojekt gestartet.

Das bislang einmalige Ausbildungsangebot vereint die bestehenden Ausbildungsgänge Fachpraktiker Hauswirtschaft und die Zusatzqualifikation Altenpflegehelfer; Absolventen erhalten zwei anerkannte Abschlüsse und betreuen Pflegebedürftige unter der Aufsicht einer Fachkraft.

Neu ist damit auch, dass die bislang einjährige fachschulische Ausbildung zum Altenpflegehelfer zu einer dualen Ausbildung wird, die auf drei Jahre ausgedehnt ist.

"Die Aufgabengebiete der Altenpflegehelfer bleiben gleich, wir bekommen damit nur mehr Zeit, die Inhalte zu vermitteln", erklärt Projektleiterin Dr. Sabine Tomm, die für die Pflege-Ausbildung verantwortlich ist.

Vom "Robo Cop" zum Altenpfleger

Luca Behrle (ganz rechts) und Anna Schumacher üben die ersten Handgriffe an der Simulationspuppe „Frau Müller“.

© Jana Kötter

Viele bringen Pflege-Erfahrungen mit

Das Modell setzt dabei an einer bestehenden gesetzlichen Regelung an: Junge Menschen mit Behinderungen oder Lernbeeinträchtigungen können bei einer dualen, nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) geregelten Ausbildung von den Agenturen für Arbeit durch Fördermaßnahmen im Bereich der beruflichen Rehabilitation unterstützt werden.

"Mit dieser Erweiterung der Regelung in Form des Modellprojekts können wir einer engagierten Nachwuchsgruppe eine neue Ausbildungsoption in der Pflege eröffnen, die bisher keinen Zugang hatte", lobt Ausbildungsleiter Ralf Heiß.

Der Großteil der aktuellen Teilnehmer bestätige das: "Die meisten haben schon Erfahrung in der Pflege, etwa durch mehrere Praktika in Einrichtungen. Einige haben sogar schon über ein Jahr in der ambulanten Pflege gearbeitet", sagt bbw-Bereichsleiter Antonio Sportiello.

"Nichtsdestotrotz haben sie keine Ausbildung in dem Bereich absolviert." Tatsächlich sei die Abbrecherquote in den traditionellen fachschulischen Ausbildungen vergleichsweise hoch, erklärt er. "Hier wird noch viel Potenzial im Kampf gegen den Fachkräftemangel verschenkt."

Damit die Truppe der bbw-Pilotklasse am Ball bleibt, ist die Ausbildung sehr praktisch orientiert. So soll ab kommendem Jahr etwa der Alterssimulationsanzug fester Teil der Ausbildung werden. Regelmäßig könnten die Auszubildenden dann zu "Robo Cop" werden und im futuristischen Look das erfahren, was Yannick bereits heute durchmacht.

Für 300 Euro Materialeinsatz haben die Schüler und Lehrer die "Marke Eigenbau" selbst kreiert: Die Schlosserkollegen des Berufsbildungswerkes haben die Buckelplatte angefertigt, Restmaterialien aus der geschlossenen Näherei dienten als Basis für die Sandsäckchen in der Gewichtsweste.

Wie fühlt sich Alter an

"Für die Auszubildenden soll erfahrbar werden, wie sich Alter anfühlt", so Projektleiterin Tomm. "Die Simulation soll Azubis einen Perspektivwechsel ermöglichen und so mehr Verständnis und Geduld für Pflegebedürftige erzeugen."

Im ersten Ausbildungsjahr liegt der Fokus zunächst aber auf der Hauswirtschaft – doch schon hier mit einem Blick auf die Bedürfnisse älterer Menschen. Hygiene, Reinigung, aber auch Kochen und Backen stehen auf dem Stundenplan.

"Durch die breite Fächerung sind unsere Absolventen wesentlich breiter einsetzbar als traditionell ausgebildete Altenpflegehelfer", erklärt Ausbilderin Marlies Papst. "So sind gerade in stationären Pflegeeinrichtungen auch Betreuungsangebote wie Backen gefragt. Viele können das aber gar nicht", weiß sie.

Auch im späteren Ausbildungsgang in der Altenpflege bleibt es praktisch: So bieten Simulationsanzug, Krankenbett und die Pflegepuppe "Frau Müller" die Möglichkeit, bereits im bbw im hessischen Karben erste Handgriffe zu erlernen. Der praktische Teil der dualen Ausbildung findet dann in stationären Einrichtungen statt.

Hier liegt auch ein möglicher Einsatzort für die Absolventen des Modellprojekts – jedoch nur einer von vielen. "Neue Wohnformen werden zum Beispiel immer gefragter. Unsere Absolventen können von der stationären über die ambulante Pflege bis hin zum alternativ gestalteten Mehrgenerationenhaus überall eingesetzt werden", betont Projektleiterin Tomm die Vielfalt für die Zukunft der Pflege.

Evaluation nach drei Jahrgängen

Aktuell wird die zweite Ausbildungsklasse des 2016 gestarteten Projekts, die im Sommer starten soll, vorbereitet. Nach der dreijährigen Projektphase soll das Modell laut Gesundheitsminister Grüttner dann evaluiert werden.

"Ob und in welcher Form das Ausbildungsangebot dann zu einer gesetzlichen Änderung im Sinne der Schaffung eines neuen Berufs führen wird, muss ergebnisoffen sein", betont er.

Denkbar wäre etwa auch, die Helferausbildung zukünftig zu einer zweijährigen generalistischen Pflegeassistenzausbildung analog zur Generalistik weiterzuentwickeln. Das bbw hofft auf eine sofortige Verstätigung mit bis zu zehn neuen Plätzen pro Jahr.

Ganz gleich, wie sich der gesetzliche Rahmen ändert, für Sina steht ihr Weg fest. "Ich möchte gerne für einen ambulanten Pflegedienst arbeiten", sagt sie nach dem ersten Jahr in der Projektklasse. "Vor allem die familiäre Atmosphäre in der Pflege mag ich. Ich bin immer direkt mit den Pflegebedürftigen in Kontakt und bekomme sofort Feedback."

Schon bald wird das nicht nur von ihrem Kollegen Yannick kommen, sondern von Menschen, die ihre Hilfe im Alltag wirklich benötigen.

Für den am 24. Juli startenden zweiten Ausbildungsjahrgang sind noch Plätze frei. Informationen dazu gibt Projektleiterin Dr. Sabine Tomm, 06039 482.631 oder sabine.tomm@bbw-suedhessen.de.

Lesen Sie dazu auch das Interview:
Altenpflege: "Neue Wege sind Pflicht"

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