Ärzte Zeitung, 12.08.2015

Reha

Pflegebedürftige profitieren zu selten

Rehabilitation kann auch Pflegebedürftigen helfen. Experten bemängeln, dass entsprechende Anreize im GKV-System bisher fehlen.

BERLIN. Rund 2,6 Millionen Pflegebedürftige hat das Statistische Bundesamt Ende 2013 gezählt. Vor zehn Jahren waren es noch 600.000 weniger.

Nur ein Bruchteil von ihnen nimmt bislang eine Rehabilitation wahr. So zahlten die Krankenkassen 2013 für insgesamt 108 864 Versicherte Reha-Leistungen, nur 5,5 Prozent davon waren geriatrische Leistungen.

Dabei ist eine Rehabilitation auch im hohen Alter wirksam . "Internationale Studien belegen eine generelle Evidenz, dass Reha bei Pflegebedürftigen wirksam ist", sagt Dr. Norbert Lübke vom Kompetenz-Centrum Geriatrie beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) Nord. Dass ihnen dies zu selten empfohlen wird, hat viele Gründe.

"95 Prozent der Reha-Empfehlungen kommen von Kliniken, fünf Prozent von Vertragsärzten", sagt Lübke. Eine Pflegebegutachtung des MDK könne oft nur das ausgleichen, was zuvor schief gegangen sei.

Aber auch das ist selten der Fall. Professor Heinz Rothgang, Gesundheitsökonom an der Universität Bremen, hat in mehreren Studien erforscht, wie die Versorgung von alten und gebrechlichen Menschen zu verbessern wäre.

Ein zentrales Ergebnis: In jenen Bundesländern, in denen geriatrische Reha-Betten in Rehabilitations-Einrichtungen oder Kliniken vorgehalten werden, verringerte sich für die Betroffenen auch das Risiko eines frühzeitigen Pflegebedarfs.

Kein Anreiz für Krankenkassen

Länder wie etwa Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland haben hier eine überdurchschnittliche Versorgung und eine entsprechend geringe Zahl an Pflegeeintritten.

"In jenen Bundesländern, die viele Angebote vorhalten, gibt es auch die Tendenz, diese zu nutzen. Statistisch lässt sich belegen, dass darüber der Eintritt der Pflegebedürftigkeit ausgebremst wird", sagt Rothgang.

Ein weiteres Hemmnis bei der geriatrischen Rehabilitation sei, dass die Krankenkassen keinen Anreiz haben, in die Rehabilitation eines älteren Versicherten zu investieren.

Während die Pflegekassen untereinander über einen Finanzausgleich verbunden sind, stehen die Krankenkassen im Wettbewerb.

Das bedeutet, dass die Kosten für eine Rehabilitation allein die jeweilige Krankenkasse trägt, wohingegen von den Einsparungen alle Pflegekassen profitieren.

"Für eine Krankenkasse zahlt es sich nicht aus, hier zu investieren", sagt Rothgang. Notwendig wäre jedoch, dass ältere Menschen häufiger eine Rehabilitation in Anspruch nehmen, so der Wissenschaftler. (wer)

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