Ärzte Zeitung online, 18.04.2018

Experte mahnt

Kliniken müssen mit neuen Infektionskrankheiten rechnen

Deutsche Krankenhäuser sollten sich dringend besser auf Patienten mit hochkontagiösen Infektionskrankheiten einstellen. Das mahnte ein Experte auf der MCC-Konferenz "Zentrale Notaufnahme im Fokus" an.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. Auch wenn Infektionserkrankungen mit hochansteckenden Erregern in Deutschland sehr selten sind, sollten sich die Verantwortlichen in den Kliniken nicht in trügerischer Sicherheit wiegen.

"Das darf nicht zu Nachlässigkeit verleiten", betonte Dr. Christian Braun, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Klinikums Saarbrücken, auf der MCC-Konferenz "Zentrale Notaufnahme im Fokus" in Köln. Auch mit relativ neuen Infektionskrankheiten, den sogenannten Emerging Infectious Diseases wie SARS oder MERS, müssten die Häuser rechnen.

"Da die Einreise infizierter Personen unter anderem aufgrund der langen symptomfreien Inkubationszeiten nicht wirklich verhindert werden kann, stellen hochkontagiöse Infektionskrankheiten ein durchaus reales Problem in Deutschland dar, auf welches die klinische Medizin vorbereitet sein sollte", sagte Braun.

Eine wesentliche Rolle komme dabei den zentralen Notaufnahmen zu. "Sie sind auch in diesen Fragestellungen vielfach der erste Ansprechpartner."

Vorkehrungen für biologische Gefahrenlagen treffen

Die gesetzliche Verpflichtung zur Erstversorgung erkrankter Personen gelte auch für solche Fälle. Krankenhäuser sollten deshalb Vorkehrungen für biologische Gefahrenlagen treffen – nicht zuletzt, um der Belegschaft die Angst zu nehmen, empfahl er. Die Beteiligten müssten wissen, was läuft und wie es läuft. "Dafür brauchen sie einen Plan."

Um für den Ernstfall gewappnet zu sein, hat das Klinikum Saarbrücken im vergangenen Jahr den Umgang mit einer potenziell hochansteckenden Patientin geübt.

"Wir mussten sehr schnell erkennen, dass wir die Komplexität, ein solches Szenario in der Praxis professionell zu managen, absolut unterschätzt hatten", berichtete der Arzt.

Im Vorfeld der Übung wurden die Mitarbeiter der zentralen Notaufnahme für das Thema sensibilisiert, es gab Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, Standard Operating Procedures wurden entwickelt.

"Die oberste Prämisse war dabei stets, Prozesse und Handlungsanweisungen möglichst schlank und eindeutig zu gestalten", berichtete Braun.

Bei der praktischen Übung kam eine vermeintliche Patientin, eine Schauspielerin, mit ihrem Partner in die Notaufnahme. Bei der pflegerischen Erstaufnahme wurde der Verdacht auf eine hochansteckende Erkrankung gestellt, der sich bei der ärztlichen Abklärung erhärtete.

Daraufhin wurden die hausinterne Alarmierungskette aktiviert und der amtsärztliche Dienst benachrichtigt, berichtete Braun. Die Frau wurde schließlich aus einer Isoliereinheit im Klinikum in die Sonderisolierstation der Universitätsklinik Frankfurt transportiert, die einen speziellen Rettungswagen geschickt hatte.

Übung mit spezieller Schutzausrüstung

Insgesamt dauerte die Übung sieben Stunden. Sie hat nach Angaben von Braun unter anderem gezeigt, wie schwer es für Ärzte und Pflegekräfte ist, mit der speziellen Schutzausrüstung zu arbeiten. "Man muss das vorher ein paar Mal geübt haben."

Da Malaria bei Reiserückkehrern die häufigste Differenzialdiagnose ist, sollten Kliniken unbedingt einen Schnelltest vorhalten und das Personal im Umgang schulen, empfahl er.

Für Braun ist klar, dass die Kliniken für den Fall der Fälle vorbereitet sein müssen. Sie sollten die Komplexität nicht unterschätzen.

"Dies trifft insbesondere für die Einhaltung strikter Isolierungs- und Hygienemaßnahmen in entsprechender Schutzkleidung zu."

Wichtig für das Team vor Ort sei, dass es präzise und eindeutig formulierte Handlungsanweisungen und Verantwortlichkeiten gibt, inklusive der frühzeitigen Einbindung des amtsärztlichen Dienstes und des zuständigen Kompetenzzentrums.

Allein in die Vorbereitung der Übung seien 300 bis 400 Arbeitsstunden geflossen, sagte Braun. Er geht von einer fünfstelligen Kostenbelastung des Klinikums aus.

Dennoch soll sie keine Eintagsfliege bleiben. "Wir sind bestrebt, das jedes Jahr mindestens einmal zu üben, wenn auch nicht in diesem Umfang."

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