Ärzte Zeitung online, 16.11.2018

Psychotherapie

Psychische Probleme im Alter oft unerkannt

Bei einem Fachgespräch in Hamburg werden die Versorgungslücken benannt – und was man dagegen tun kann.

Von Christian Beneker

HAMBURG. Das kann einen schon deprimieren – bis hin zur „Depression“: Freunde und Bekannte sterben, der Körper wird unsicherer, die Fantasien von Unsterblichkeit und ewiger Gesundheit schmelzen dahin und dafür kommen die Krankheiten, oft mehrere auf einmal.

All dies geschieht im Alter, daran erinnerte Professor Reinhard Lindner aus Kassel, Experte für alterspsychiatrische Erkrankungen bei der Hamburger Veranstaltung „Reden statt schweigen“ über psychische Erkrankungen im Alter. Und solche Veränderungen im Alter verursachen viele psychische Probleme.

„Ein Viertel aller Menschen über 65 leiden an einer psychischen Störung“, sagte Lindner. Unter den Heimbewohnern sind es sogar 50 Prozent, besonders viele leiden unter Angst-Erkrankungen.

So hätten Studien zutage gefördert, dass 17 Prozent der über 75-Jährigen unter Angststörungen leiden, 14,3 Prozent unter Depressionen und 8,9 Prozent unter Suchterkrankungen.

„Und diese alten Menschen mit psychischen Erkrankungen sind im Gesundheitssystem massiv unterrepräsentiert“, so Lindner.

Vor allem sind alte Männer mit Beziehungsproblemen betroffen und multimorbide hochaltrige Menschen ab 85 Jahren. „Sie werden besonders vernachlässigt!“

"Zufriedenheitsparadoxon"

Dabei sei das Alter „nicht zwangsläufig wie eine Rolltreppe nach unten“. Viele Senioren sind trotz Einschränkungen ihrer Gesundheit zufrieden mit ihrem Leben.

Dieses „Zufriedenheitsparadoxon“ verdanke sich veränderter Abwehrstrategien der Senioren, meint Lindner, „und das ist ein Segen.“

Um aber das Alter als gesund erleben zu können, brauchen Ärzte und ihre alten Patienten Zeit, vor allem wenn es um die psychotherapeutische Versorgung geht.

So seien Depressionen im Alter nicht so leicht zu erkennen wie Krankheiten mit Körpersymptomen, betonte Dr. Stephanie Wuensch von der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll.

Eine österreichische Studie habe gezeigt, dass 40 bis 50 Prozent der Depressionen hinter Körpersymptomen nicht entdeckt werden.

„Oft fallen dann Lebensbilanzen sehr eingeschränkt aus, oder die Depressionen führen zu Sucht, zu früherer Pflegebedürftigkeit oder gar zum Suizid“, sagte Wuensch.

Therapeuten nicht auf die Alten eingerichtet

Auch bei Senioren sei deshalb eine Psychotherapie das Mittel der Wahl, auch wenn sie Zeit kostet und auch, wenn die Patienten nur noch auf eine kurze Zeitspanne künftigen Lebens blicken können.

Psychotherapeuten müssten deshalb die Besonderheiten der Behandlung alter Menschen besser kennenlernen, denn die Therapeuten seien nicht auf die Alten eingerichtet.

„Die Kassen bezahlen sogar aufsuchende Therapien“, betonte Lindner. „Es ist also möglich, sich auf die Couch des Patienten zu begeben.“

Die alten Patienten „brauchen unsere Anerkennung und Unterstützung“, sagte der Alterspsychiater. „Und für die Helfer bedeutet dies, das eigene Alter positiv vorzubereiten.“

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[16.11.2018, 08:09:20]
Gerhard Leinz 
Fehlinformationen...
Die Krankenkassen bezahlen keine aufsuchenden Psychotherapien.. Die Krankenkassen wehren sich vehement gegen den Ausgleich der Defizite der Psychotherapeutischen Versorgung durch die Psychotherapie im Kostenerstattungsverfahren. Hier den "schwarzen Peter" auf die Therapeuten zu schieben nach dem Motto "wissen nichts über Psychotherapie bei alten Menschen" ist... Die vermehrte Diagnose von Depressionen ist aber den Krankenkassen allerdings recht: da gibt es mehr Geld aus dem Gesundheitsfond. Alte depressive Menschen wären da wohl gute "Objekte" schnell zufrieden zu stellen.. Wenn die Krankenkassen wenigsten ungestörte Gespräche mit entsprechend weitergebildeten den Hausärzten gut bezahlen würden.. zum Beitrag »

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