Ärzte Zeitung online, 11.12.2018

TSVG

Psychotherapeuten werfen der Koalition Diskriminierung vor

Die Psychotherapeuten laufen Sturm gegen das TSVG. Sie fordern gleiche Rechte für ihre Patienten.

Von Anno Fricke

Psychotherapeuten wehren sich gegen gestufte Versorgung

Die Psychotherapeuten attackieren die Pläne der Regierung, eine gestufte und gesteuerte Versorgung in der Psychotherapie-Richtlinie zu verankern.

© Sergey Nivens / stock.adobe.com

BERLIN. Die Psychotherapeuten liegen über Kreuz mit Plänen der Koalition. Die will, dass Patienten schneller an Termine für Behandlungen kommen. Dafür will sie den Zugang zur Psychotherapie neu regeln. Vor der eigentlichen Behandlung soll eine zusätzliche Begutachtung über die Dringlichkeit stehen.

Die Therapeuten sind sauer über diesen Passus im Entwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG), das am Freitag im Bundestag beraten werden soll: „Menschen mit psychischen Erkrankungen haben das gleiche Recht auf freie Wahl ihres Behandlers wie somatische Patienten“, sagte der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (bptk) Dr. Dietrich Munz am Dienstag in Berlin. Alles andere sei eine Diskriminierung psychisch kranker Menschen.

Die Kassen unterstützen das Vorhaben der Regierung. Vor allem schwere Fälle könnten profitieren. Idealerweise sollte der Hausarzt die Steuerung übernehmen und den Suchprozess nach Therapeuten mit freiem Termin zu erleichtern, sagte eine Sprecherin des GKV-Spitzenverbands am Dienstag der „Ärzte Zeitung“. Es gebe viele Therapeuten, aber nicht alle füllten ihren Versorgungsauftrag voll aus.

Überflüssige Reformen

Munz hält die geplante Neuerung für überflüssig. Mit der Psychotherapie-Sprechstunde gebe es seit April 2017 bereits eine nach Dringlichkeit und Schwere gesteuerte Versorgung. Zu diesem Zeitpunkt trat die Novelle der Psychotherapie-Richtlinie in Kraft.

Die Kammer räumt ein, dass die Sprechstunde Änderungen im Praxisablauf ausgelöst habe. Mehr Patienten als ursprünglich angenommen, benötigten eine Akutbehandlung. Ausweislich einer Auswertung von 240.000 Abrechnungsdaten aus dem 2. Quartal 2017 wurden 16,5 Prozent der Patienten als akut behandlungsbedürftig eingestuft.

Weitere 9,5 Prozent erhielten eine Langzeittherapie, der Rest eine Kurzzeittherapie. Für die beiden letzten Gruppen entstehen daher immer noch Wartezeiten. Jeder dritte Patient, der eine Richtlinienpsychotherapie benötige, könne die Behandlung erst fünf bis sieben Monate nach der Diagnose beginnen.

Die Psychotherapeutenkammer fordert daher, statt eine zusätzliche Steuerungsebene zu schaffen, mehr Niederlassung zu ermöglichen. 1500 Psychotherapeuten sollten sich sofort außerhalb der Ballungsräume niederlassen können. Im Anschluss sollte die Bedarfsplanung auf Basis der Morbidität in der Bevölkerung neu aufgestellt werden. Zudem sollten sowohl die Sprechstunde als auch die Akutbehandlung höher vergütet werden, forderte Munz.

Genug gesteuert?

  • 42,2 Prozent der Patienten in der psychotherapeutische Sprechstunde werden nicht weiter behandelt.
  • 57,8 Prozent werden in die Akutbehandlung, die Kurz- oder Langzeittherapie gesteuert.
  • 32,2 Prozent warten nach der Sprechstunde zwei bis drei Quartale auf den Beginn der Behandlung.

Quelle: Bundespsychotherapeutenkammer

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Zeichen stehen auf Regulierung

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Nach heftigen Protesten: Neuer Gesprächsanlauf zur Psychotherapie

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[12.12.2018, 11:30:48]
Dr. Jürgen Friedrich 
Gehts um Diskriminierung von Ärzten oder von Patient*innen?
Da liegt wohl systematisch gepflegter Standesdünkel vor, wenn psychologischen Psychotherapeut*innen sowie Kinder- und Jugend-Psychotherapeut*innen der Sachverstand zur Erstsicht, Diagnose- und Indikationsstellung bez. psychotherapeutischer Behandlungen von ärztlicher Seite abgesprochen wird. Das machen die schon jahrelang, falls es dem Herren entgangen ist, Sprechstunde und Akutbehandlung seit 2017 auch ohne ärztliches Konsil. Das Delegationsverfahren ist mittlerweile schon jahrzehntelang Geschichte!

Schade, wenn der Blick auf die Problemlage nicht nur der potentiellen Patient*innen, sogar auch der eigenen Kolleg*innen so getrübt ist, diese wären ebenfalls von einer gestuften Steuerung des Behandlungszugangs betroffen. Der freie Zugang zu ärztlichen Psychotherapeut*innen steht klar auch zur Frage!!! Denn die Steuerer der Stufung wären ja längst nicht alle P-Ärzte und die wenigen Steuerer würden genau so den Zugang zu den ärztlichen psychotherapeutisch tätigen Kolleg*innen steuern! Machen Sie sich da bitte keine Illusionen! Stehen sie lieber solidarisch mit allen Psychotherapeut*innen gegen diese Attacke auf die freie Arztwahl und das Erstzugangsrecht!

 zum Beitrag »
[12.12.2018, 10:31:33]
Dr. Detlef Bunk 
mehr Ärger, mehr Kosten
Mehr Regulierer am Werk, mehr Gespräche des Patienten mit Leuten, die an der Behandlung gar nicht beteiligt sind, mehr unterschiedliche fachliche Meinungen, mehr Bürokratie, mehr Belastung des Patienten, mehr Klagen, mehr Diskussionen, mehr Unzufriedenheit, mehr Ärger, mehr Kosten. Wollt ihr das, ihr Gesundheitsbürokraten und -ökonomen?

Dr. Detlef Bunk,
Psycholog. Psychotherapeut, Essen
 zum Beitrag »
[12.12.2018, 09:52:47]
Dipl.-Psych. Achim Bormuth 
Petition 85363 an den Deutschen Bundestag: Ablehnung des Gesetzentwurfes
noch bis zum 13.12.2019 kann die Petition mitgezeichnet werden!

Petition 85363
Heilberufe - Ablehnung des Gesetzentwurfs zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) vom 25.10.2018
Text der Petition

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, den von der Bundesregierung am 26.09.2018 eingebrachten Entwurf zum Gesetz für schnellere Termine und bessere Versorgung (Terminservice- und Versorgungsgesetz - TSVG) abzulehnen und an das zuständige Fachministerium zurück zu verweisen.
Begründung
Im Kabinettsentwurf des TSVG wurde kurzfristig ein Zusatz zum § 92 Abs.6a SGB V eingeführt. Er sieht eine „gestufte Steuerung“ von hilfesuchenden psychisch kranken Menschen vor: Ausgesuchte Ärzte und Psychotherapeuten, deren Qualifikation erst noch durch den G-BA definiert werden soll, sollen dann in Voruntersuchungen entscheiden, welchem Hilfs- bzw. Therapieangebot die Betroffenen zugeführt werden.
Eine derartige Selektion, bevor eine Behandlung in Anspruch genommen werden kann, hebelt den freien Zugang zum ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeuten aus. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind im Kabinettsentwurf nicht erwähnt, werden vermutlich aber auch noch in das Gesetzesvorhaben eingeschlossen.

7 Gründe zur Streichung des im Gesetz vorgesehenen Entwurfs zum § 92 Abs. 6a:

1. Dieses Gesetzesvorhaben diskriminiert im Entwurf zum § 92 eine ganze Patientengruppe. Den psychisch kranken Patientinnen und Patienten wird damit aufgebürdet, oftmals enorme, hoch schambesetzte seelische Belastungen gegenüber Behandlern darzustellen, die sie danach in der Regel nicht wiedersehen werden und die sie nicht selbst nach Vertrauensgesichtspunkten gewählt haben.
2. Psychisch Kranken wird ein Hürdenlauf zugemutet, der sie unnötig belastet und gegenüber anderen Patientengruppen benachteiligt. Es entsteht ein neues Nadelöhr vor der eigentlichen Behandlung.
3. Mit der Reform der Psychotherapie-Richtlinie 2017 sind neue Strukturen eingeführt worden, deren Auswirkungen zunächst erfasst und evaluiert werden müssten, bevor über neue Eingriffe entschieden werden kann.
4. Der Entwurf zum § 92 diskriminiert darüber hinaus auch die psychotherapeutisch tätigen Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten, die aufgrund ihrer Fachkunde und Zulassung alle über die Qualifikation zur Diagnostik, Indikationsstellung und Behandlungsplanung verfügen.
5. In einer Studie einer Krankenkasse wurde nachgewiesen, dass Psychotherapeuten korrekte Behandlungsindikationen stellen.
6. Mehrere unabhängige Versorgungsstudien belegen, dass in Deutschland mit gutem Erfolg und zur hohen Zufriedenheit der Patienten behandelt wird und die Behandelten zuvor nachweislich erheblich psychisch belastet waren.
7. Das geplante Vorgehen bindet völlig unnötig die Ressourcen von Ärzten und Psychotherapeuten, die damit der eigentlichen psychotherapeutischen Behandlung entzogen werden.
Die beabsichtigte Neuregelung kann nur als der ungerechtfertigte Versuch einer Rationierung von Behandlungsleistungen aufgefasst werden. Bei noch unzureichender Bedarfsdeckung soll offensichtlich die Versorgung durch Priorisierung und Behandlungseinschränkungen ‚fürsorglich eingehegt‘ werden. Das wäre ein folgenschwerer Eingriff in die Versorgungsstruktur psychisch kranker Menschen.
Wir fordern die Bundestagsabgeordneten und Gesundheitspolitiker aller Parteien auf, dafür Sorge zu tragen, dass der Zusatz zum § 92 (6a) im TSVG ersatzlos gestrichen wird zum Beitrag »
[12.12.2018, 09:17:21]
Dr. Heiner Heister 
Von einer Diskriminierung kann keine Rede sein!
Wohl aber muss von einer systematisch gepflegten Begriffsverwirrung gesprochen werden.
Herr Munz spricht ausschließlich für die Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- u. Jugendlichenpsychotherapeuten, nicht aber für die vielen Ärztlichen Psychothetapeuten.
Die qualifizierte Erstsicht von psychisch und, oder, psychosomatisch kranken Menschen erfordert somatische, pharmakologische, sozialmedizinische und psychotherapeutische Kenntnisse, wie nur die sog. P-Fachärzte und Ärztliche Psychotherapeuten sie besitzen.
Der freie Zugang zu Ärzten steht nicht in Frage.
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