Ärzte Zeitung, 09.11.2012

Leitartikel zu Ostdeutschland

Zukunftswerkstatt für die Versorgung

Nach dem Mauerfall vor 23 Jahren hat sich die medizinische Versorgung in Ostdeutschland deutlich verbessert. Allein die Lebenserwartung von Frauen ist seither um sieben Jahre gestiegen. Doch der Ärztemangel könnte das erreichte Niveau bald wieder gefährden.

Von Florian Staeck

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28 Jahre hat die Mauer gestanden, vor 23 Jahren ist sie gefallen. In der Zwischenzeit haben sich die Lebensumstände und die medizinische Versorgung zwischen Ost und West weitgehend angeglichen.

© dpa

Und der Zukunft zugewandt" - das geflügelte Wort aus der Hymne der untergegangenen DDR kann heute als Leitmotiv für die Gestaltung des Gesundheitswesens in den ostdeutschen Ländern dienen.

23 Jahre nach dem Fall der Mauer müssen sich alle Akteure, die dort gesundheitliche Versorgung organisieren, an den Herausforderungen der Zukunft orientieren.

Ostdeutschland ist das Labor Deutschlands, in dem experimentiert wird, ob es gelingt, funktionierende Versorgungsstrukturen auch in Zeiten rapiden demografischen Wandels zu sichern.

Dabei ist die Neuausrichtung des Gesundheitswesens, die mit dem Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vom 18. Mai 1990 begann, insgesamt eine Erfolgsgeschichte ...

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[14.11.2012, 11:24:06]
PD Dr. Andreas Lun 
Zukunftswerkstatt für die Versorgung
Herr Florian Staeck beschreibt die Neuausrichtung des Gesundheits¬wesens insgesamt als eine Erfolgsgeschichte „und der Zukunft zugewandt“. Ich sehe mit Sorgen sehe eine Entwicklung von der Ethik zu Monetik. Die deutsche Gesundheitspolitik richtet sich stromlinienförmig auf das Geld aus und nicht auf das Wohl der Patienten bzw. der Bürger. Eine kleine Kaste von Funktionären nutzt die ökonomische Ausrichtung des Gesund¬heitswesens um ihr Einkommen extrem zu vermehren. Zu dieser Kaste zählen manche Spit¬zen¬¬funktionäre im Gesund¬heits¬wesen (Kassenärztlichen Vereinigung, Ärztekammer, Verwal¬tungs¬leiter der Krankenhäuser, und Chefärzte). Die Folgen, die in dieser strikten ökonomischen Ausrichtung liegen, möchte ich hier nur mit Schlagworten andeuten, denn sie sind seit langem bekannt.
• Spitzeneinkommen für Chefärzte von mehreren Millionen Euro pro Jahr,
• Verwaltungsaufwand durch DRG,
• Zweiklassenmedizin der Patientenversorgung (PKV und GKV),
• Zweiklassensystem der Krankenkassenbeiträge,
o Krankenkassenbeiträge gedeckelt,
o Krankenkassenbeiträge nur auf Arbeitslohn, nicht auf andere Einkommensarten
• Nebeneinander zahlreicher Krankenkassen mit hochbezahltem Verwaltungsapparat,
• Einfluß der Finanzen auf die Indikationen zu Operation, diagnostischen und therapeu¬tischen Eingriffen.
• Finanzielle Anreize in Chefarztverträgen höhlen die Freiberuflichkeit aus und können zur Fehlsteuerung in der Patientenversorgung führen.
Auf der anderen Seite stehen die Punkte:
• Niedrige Löhne im Pflegebereich,
• Niedrige Löhne für junge Krankenhausärzte und Ärzte auf dem Land,
• Hohe Prävalenz von MRSA weil Einsparung der Hygieneärzte in Krankenhäusern,
• zeitlich befristete Arbeitsverträge, teilweise kürzer als ein Jahr, die zu schamloser Ausbeu¬tung der jungen Ärzte und der naturwissenschaftlichen Forscher in der Medizin führen. Sie verhindern, dass erworbenes Wissen ordnungsgemäß weitergegeben wird.
o Potentielle Gefahr für Patienten in der Klinik,
o Zeitverlust in der Forschung durch die Einarbeitung immer neuer Arbeitskräfte,
o Existentielle Abhängigkeit der Mitarbeiter vom Chef verhindert die Aufdeckung von wissenschaftlichem oder klinischem Fehlverhalten (erschwindelte Laborergebnisse oder Manipulation an den Daten der Transplantatempfänger).
o Gut ausgebildete junge Ärzte verlassen Deutschland.
Zusammenfassend sehe ich nach 20 Jahren Arbeit in der DDR, dass die systemimmanenten Fehler mit einer immer recht habenden Partei nur durch einen Systemwechsel gelöst wurden. Nach mehr als 20 Jahren im vereinigten Deutschland traue ich keiner Bundesregierung zu, die heute bestehenden systemimmanenten Fehler im Gesundheitswesen korrigieren zu wollen oder zu können. Ich sehe die Notwendigkeit zu einem Systemwechsel im Gesundheitswesen, weg von der unglücklichen Ausrichtung auf das Geld und hin zu einer Ausrichtung auf das Wohl des Patienten. Im Ausland z.B. in Schweden soll es bessere Lösungen geben, da könnte man etwas lernen.
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