Ärzte Zeitung online, 20.11.2018

Depressive Senioren

Typische Symptome fehlen meist

Eine beginnende Depression wird bei Senioren noch viel zu oft mit typischen Altersbeschwerden verwechselt – trotz hoher Suizidraten.

FRANKFURT/MAIN. Schwere Depressionen sind im Alter etwas seltener als in jüngeren Jahren, allerdings steigt die Suizidrate unter alten Menschen rapide an, was vor allem Männer betrifft.

Einer vom Robert Koch-Institut initiierten Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) zufolge erkranken jährlich 8,1 Prozent der Bundesbürger im Alter von 18 bis 79 Jahren an einer Depression – bei den 70- bis 79-Jährigen sind es nur 6,1 Prozent.

Allerdings weist die Stiftung Deutsche Depressionshilfe darauf hin, dass leichtere Depressionen oder auch Depressionen, bei denen nicht alle klassischen Symptome vorliegen (subklinische Depressionen) bei älteren Menschen zwei bis drei Mal so häufig wie im Durchschnitt der Bevölkerung vorkommen.

Der vielfach verwendete Begriff „Altersdepression“ ist zumindest problematisch, Gerontopsychiater sprechen lieber von Depressionen im Alter. Eine alterstypische Besonderheit ist die Fokussierung auf gesundheitliche Probleme.

Depressive Senioren empfinden etwa bestehende Rückenschmerzen oder Ohrengeräusche zunehmend als unerträglich und deuten eigene Konzentrations- oder Auffassungsdefizite als Anzeichen einer beginnenden Demenz. Ärzte wiederum missinterpretieren Schmerzen, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Beklemmungen alter Menschen häufig als typische Altersbeschwerden und unterlassen es daher, nach Symptomen einer Depression wie beispielsweise Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle oder gar Suizidgedanken zu fragen.

Tatsächlich werden 35 Prozent aller Suizide in Deutschland von Menschen über 65 Jahren verübt, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung bei 21 Prozent liegt.

Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass Experten von „stillen“ und „verdeckten“ Suiziden ausgehen, beispielsweise durch eine Verweigerung der Nahrungsaufnahme oder dadurch, dass alte Menschen bewusst auf ihre Medikamente verzichten. Auf eine hohe Dunkelziffer könnte man auch aufgrund der großen Zahl tödlich verlaufender Unfälle unter älteren Menschen sowie unklarer Todesursachen wegen schließen.

Therapeutische Maßnahmen gegen eine Depression sind bei älteren Menschen genauso wirksam wie bei jüngeren. Das betrifft sowohl die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva als auch die klassische Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie. Allerdings beträgt der Anteil der über 60-jährigen Patienten in Psychotherapie aktuell nur sechs Prozent. (Smi)

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