Ärzte Zeitung, 26.06.2013
 

Höherer Orientierungswert

Eine Mogelpackung?

Zum 1. Oktober wird der Orientierungswert auf 10 Cent angehoben. Mehr Geld gib's für die Vertragsärzte aber nicht - dafür zunächst einen erhöhten Aufwand.

Von Rebekka Höhl

Nur ein Rechenspiel?

Weil die Punktzahlen nach unten geschraubt werden, kommt bei den Ärzten nicht mehr Geld an.

© L. Hamels / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Ein Plus von fast 185 Prozent - das klingt mehr als gut. Und genau um diesen Prozentsatz wird der Orientierungswert im EBM zum 1. Oktober angehoben.

Das hat der Erweiterte Bewertungsausschuss in seiner 304. Sitzung beschlossen. Nachdem der Orientierungswert nun länger um 3,5 Cent stagnierte, steigt er nun also auf exakt zehn Cent.

Mehr noch: Es soll ab Herbst endlich Schluss mit den unterschiedlichen Werten von kalkulatorischem und bundeseinheitlichem Punktwert (letzterer ist der Orientierungswert) sein.

Denn bislang wurde im EBM mit einem kalkulatorischen Punktwert von 5,1129 Cent gerechnet, während der bundeseinheitliche Orientierungswert laut Beschluss des Bewertungsausschusses im August 2012 exakt bei 3,5363 Cent lag.

An der MGV wird nicht gedreht

Doch was bringt die ganze Rechnerei den Ärzten? Mehr Honorar nicht, so viel steht fest. Zum einen, weil das Gesamthonorar, das die Kassen für 2013 für die ambulante Versorgung zur Verfügung stellen, längst beschlossene Sache ist.

Zum anderen hat der Bewertungsausschuss selbst in seinem Beschluss festgelegt, dass die Erhöhung des Orientierungswertes auf zehn Cent ausgabenneutral erfolgen soll.

Dabei soll nicht nur die zu zahlende morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) unverändert bleiben. Gleiches gilt auch für das Volumen der außerhalb der MGV zu bezahlenden Leistungen, heißt es in dem Beschluss.

Damit dies gelingt, wird an den Punktzahlen der einzelnen Gebührenordnungspositionen (GOP) im EBM gedreht - und zwar proportional zur Erhöhung des Punktwertes nach unten. Aber wozu dann die Angleichung?

Dem Bewertungsausschuss ging es darum, den Ärzten eine bessere Rechnungsgrundlage für ihre tatsächlich erzielten Euro-Werte an die Hand zu geben. Die krummen Eurobeträge im EBM sind damit weg.

"Mit unserer `Währungsreform´- also der ausgabenneutralen Anhebung des Orientierungswertes - kommt endlich die Mauschelwährung weg. Bis jetzt müssen die Ärzte bei Leistungen ja erst einmal die Punktzahl mit dem Wert 3,5363 multiplizieren, um zu wissen, wie viel eine Leistung in Euro wert ist. Bei 10 Cent ist das viel leichter zu rechnen", sagt KBV-Vorstand Regina Feldmann zur "Ärzte Zeitung".

Innerhalb der Fachgruppen mal auf-, mal abgerundet

Die neuen glatten Beträge mögen sich wirklich leichter rechnen lassen. Doch bei einzelnen Leistungen gibt es Rundungseffekte.

Insgesamt sollen die Kassen zwar nicht mehr Geld locker machen und für den einzelnen Arzt mögen die Änderungen im Promillebereich keine großen Auswirkungen haben.

Die Abweichungen im Promillebereich könnten - insgesamt - laut dem Urologen und Abrechnungsexperten Dr. Heinrich Weichmann sich aber dennoch zu größeren Mehreinnahmen oder Einsparungen in den Fachgebieten summieren.

Wie einige Rechenbeispiele aus dem hausärztlichen Bereich zeigen, wird zumindest innerhalb der Fachgruppe mal auf-, mal abgerundet.

Ob das den nötigen Ausgleich bringt, bleibt offen: Für die dringenden Besuch nach GOP 01411 gab es bislang 46,86 Euro (1325 Punkte x 3,5363 Cent), ab Oktober sind es 46,90 Euro (469 Punkte x 10 Cent).

Ebenfalls aufgerundet wird bei der Versichertenpauschale bis 5 Jahre: aus 42,08 Euro (1190 Punkte) werden 42,10 Euro (421 Punkte). Anders beim dringenden Besuch im Heim, hier werden aus 54,64 Euro (1545 Punkte) künftig 54,60 Euro (546 Punkte).

Software muss angepasst werden

Letztlich sei die Währungsreform ein "reines Sand in die Augen streuen", sagt Weichmann. "Es kommt nicht mehr Geld ins System."

Dafür sei die Umstellung aber mit einem Riesenaufwand verbunden, weiß Weichmann aus Erfahrung.

Er war seinerzeit im Bewertungsausschuss mit dabei, als die Umstellung von D-Mark auf Euro erfolgte. "Das war ein Riesentheater mit den Rundungen", berichtet er.

Denn die Ärzte müssen ja ihr ganzes Abrechnungssystem umstellen - bzw. die Arzt-Softwarehäuser müssen erst einmal die neuen Werte in ihre Systeme einpflegen.

Bis zu den Oktober-Updates sollte dafür allerdings genug Zeit sein. (Mitarbeit von ger)

[28.06.2013, 10:10:24]
Dr. Michael Kann 
Nicht nur Mogelpackung, sondern Unsinn und schädlich!
Mit der sogenannten "Währungsreform" beschädigt die KBV die Vertragsärzteschaft selbst.
Vor der letzten EBM Änderung mit bundesweiter Vereinheitlichung der Punktwerte ("Orientierungspunktwert") hatten wir z.B. in Rheinland-Pfalz historisch gewachsen deutlich höhere Punktwerte für unter anderem präventive Leistungen, ambulantes Operieren und belegärztliche Leistungen. Unser Ziel bei anstehenden Honorarverhandlungen ist jetzt, nachdem die Verhandlungen wieder regionalisiert wurden, hier wieder Verbesserungen zu erreichen. Diese Bestrebungen werden mit diesem Beschluss konterkariert und deutlich erschwert.
Zum anderen ist die Argumentation von Frau Feldmann, gelinde gesagt, eine Milchmädchenrechnung. Wie naiv muss man sein in einer geraden Zahl einen Vorteil zu sehen. Zumal - wenn die KBV und die KVen in den nächsten Jahren korrekt arbeiten - eine jährliche Erhöhung zumindest in Höhe der Inflationsrate ausgehandelt werden müßte. Damit hätten wir spätestens im nächsten Jahr wieder eine krumme Zahl mit 10,x Eurocent.
Oder sollen dann jedes Jahr die Punktzahlen aller EBM-Leistungen angehoben werden? zum Beitrag »
[26.06.2013, 11:53:13]
Dr. Birgit Bauer 
Mit irgendwas muß man sich ja beschäftigen !
Was sagt man dazu, überflüssige Verwaltungsorgien auf unsere Kosten und wieder Honorarveränderungen, die im Vorfeld in keiner Weise absehbar sind.
Berechenbarkeit in der Praxisplanung - Fehlanzeige.
Mit uns als Zwangsmitglieder unter einer Funktionärsdiktatur kann man`s ja machen. Und leider ist man diesen unsäglichen ineffektiven Strukturen ausgeliefert wenn man seine Pat. weiter behandeln will.
Wann gibt es endlich stabile berechenbare Finanzierungsgrundlagen im niedergelassenen Bereich. Wie dieses strukturelles Gesundheits-un-wesen Menschen mit klarem Verstand als gut bezeichnen können ,ich spreche hier nur von der Struktur, nicht von den medizinischen Möglichkeiten in Deutschland, wird mir wohl ewig verschlossen bleiben.Es sei die Menschen die davon sprechen kommen aus dem "Tal der Ahnungslosen" oder profitieren finanziell von dieser organisatorischen Fehlplanung.
M.f.G. B.Bauer zum Beitrag »
[26.06.2013, 10:09:22]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Jetzt ist es amtlich!
Weil wir Ärztinnen und Ärzte angeblich zu "dämlich" (?) sind, in krummen Zahlen wie dem kalkulatorischen Punktwert von 5,1129 Cent oder dem Orientierungswert von 3,5363 Cent zu rechnen, macht sich der Erweiterte Bewertungsausschuss in seiner 304. Sitzung zum "nützlichen Idioten".

Unter den Bedingungen von Budgetierung, Regress-Androhungen und einseitigem Abwälzen des gesamten ambulanten Morbiditätsrisikos auf Haus- und Fachärzte sind und bleiben EBM-Vergütungen "Mauschelwährung". Das sollte der KBV-Vorstand nicht zu beschönigen versuchen.

Doch verehrte Frau Kollegin Feldmann, Ihre Äußerung: "Bis jetzt müssen die Ärzte bei Leistungen ja erst einmal die Punktzahl mit dem Wert 3,5363 multiplizieren, um zu wissen, wie viel eine Leistung in Euro wert ist. Bei 10 Cent ist das viel leichter zu rechnen", besagt doch nur, dass Sie offensichtlich noch nicht im EDV-Zeitalter angekommen sind. Weltweit werden "krumme" Währungen, Aktienkurse und Finanztransaktionen ja auch nicht auf 10-Cent-Beträge aufgerundet, damit man "leichter" rechnen kann.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund



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[26.06.2013, 08:39:47]
Dr. Cornelia Karopka 
Wem nützt es?
Da will uns unsere KBV also das Rechnen erleichtern, wie überaus großzügig!

Da wurde über zehn Jahre ein "wirtschaftlich kalkulierter" EBM entwickelt, bei dem technische und ärztliche Leistung definiert und bewertet wurden. Dann stellte man fest, dass so viel Geld ja gar nicht da sei, also wurde kurzerhand der Punktwert abgesenkt auf das Geld, was da ist. Ein Punkt hatte eben nicht mehr 5 Cent (ursprünglich mal mit 10 Pfennig gerechnet), sondern 3,518, dann mal 3,53- eben ganz nach Gusto und Willen unserer Kassen.
Und als allseits gebildete Hochschulabsolventen waren wir durchaus in der Lage, einen Taschenrechner zu benutzen und den Wert unserer Leistungen zu errechnen. Man könnte sagen, wir hatten uns daran gewöhnt, wohl wissend, dass wir immer unter Wert entlohnt werden.

Nun meint die KBV, wir seien alle zu ungebildet, mit diesen "krummen" Zahlen zu rechnen, erklärt uns also schlicht für dumm.
Um dann den vor Jahren für teures Geld errechneten EBM einfach abzuschaffen, ad absurdum zu führen und uns mal wieder hinters Licht. Mit den 10 Cent kommen neue Punktzahlen, die Leistungen werden also de facto abgewertet und dies wird in Beton gemeißelt.

Wem nützt diese Umbewertung dann wirklich? Uns Ärzten nutzt sie definitiv nicht, im Gegenteil, wir dürfen persönliche Ziffern händisch alle ändern, weil wir ja sonst nichts zu tun haben.

Die KBV stellt damit ihre Daseinsberechtigung für sich selbst unter Beweis (oder auch nicht?), die Softwarehäuser bekommen wieder genügend Arbeit, die KV-en müssen ihre Abrechnungssysteme umstellen...- eine Maschinerie, die nur sich selbst am Laufen halten will - leider auf unsere Kosten.

Und ganz nebenbei wächst der Verdacht, dass man diesen Punktwert von 10 Cent bei Bedarf jederzeit reduzieren kann, "wenn die Kassenlage es erfordert" - die Punktzahlen für die Leistungen sind dann jedenfalls schon mal reduziert.


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