Ärzte Zeitung, 16.12.2016
 

Flüchtlingsversorgung

Teils großer Unmut bei Berlins Ärzten

In Berlin bekommen Flüchtlinge eine Gesundheitskarte. Doch viele finden den Weg in die ambulante Regelversorgung trotzdem nicht – aus Unwissen oder weil sie in den ohnehin vollen Praxen keine Termine bekommen. Aufklärung tue auf allen Seiten not, so die Ärzte.

Von Julia Frisch

BERLIN. 80.000 Männer, Kinder und Frauen aus Krisengebieten kamen im vergangenen Jahr nach Berlin. Der enorme Zustrom stürzte die Verwaltung des Landes ins Chaos, besonders im Sommer 2015 schien gar nichts mehr zu klappen. Unter unzumutbaren hygienischen Zuständen mussten die Flüchtlinge auf ihre Registrierung und Unterbringung warten. Die medizinische Versorgung konnte überhaupt nur dank der vielen tausend ehrenamtlichen Helfer, darunter viele Ärzte und Pfleger, geleistet werden.

Die Lage hat sich mittlerweile beruhigt, vor allem weil seit dem Frühjahr die Zahl der Flüchtlinge drastisch zurückgegangen ist. In einigen Unterkünften mit mehr als 500 Personen wurden inzwischen sogenannte Medpoints eingerichtet, die im Auftrag des Landes hauptsächlich von Krankenhäusern betrieben werden und in denen sich Ärzte um die gesundheitlichen Belange der Menschen kümmern. 13 Medpoints gibt es, zwei weitere sollen noch dazu kommen.

Ärzte weiter ehrenamtlich tätig

In kleineren Flüchtlingsunterkünften sind nach wie vor ehrenamtliche Ärzte im Einsatz wie zum Beispiel vom Verein "Medizin hilft", der mit 120 Unterstützern vier Flüchtlingsheime im Süden Berlins betreut (wir berichteten).

Daneben hat die Stadt zwei mobile Einsatzteams unter Vertrag und versucht zudem, einen medizinischen Lotsendienst aufzubauen: In jedem Bezirk sollen Ärzte auf Honorarbasis vor allem Turnhallen und Unterkünfte aufsuchen, um dort den Gesundheitszustand der Bewohner zu erfassen, diese und die Sozialarbeiter zu beraten oder auch Hygienevorschriften zu überwachen.

Langfristiges Ziel ist es, die Flüchtlinge in die medizinische Regelversorgung einzubinden. Eintrittskarte soll die Gesundheitskarte sein, die seit Januar an alle Neuankommenden ausgegeben wird. Doch die medizinische Integration erweist sich als schwieriger, als es sich die politisch Verantwortlichen gedacht haben.

Zum einen ist die Unwissenheit der Flüchtlinge über das deutsche Gesundheitssystem oft ziemlich groß. Von der Trennung in einen ambulanten und stationären Sektor haben sie meistens noch nie etwas gehört. Die Folge: Nicht der Hausarzt, sondern die Krankenhäuser werden zur ersten Anlaufstelle. Immer wieder weist deshalb Dr. Renate Schüssler in ihrer Sprechstunde als medizinische Lotsin in Kreuzberg die Männer und Frauen darauf hin, dass sie in eine Praxis gehen müssen. Dort, wird die 74-jährige Kinderärztin nicht müde zu betonen, seien die Fachärzte.

Zum anderen haben Asylsuchende nach Beobachtungen von Ärzten, die in der Flüchtlingsversorgung aktiv sind, aber oft auch Schwierigkeiten, in Praxen überhaupt einen Termin zu bekommen. Dr. Pia Skarabis-Querfeld von "Medizin hilft" wundert das nicht: "Die meisten Praxen sind voll. Besonders bei arabisch sprechenden Ärzten in der Nähe von Unterkünften ist der Andrang riesig." Viele Kollegen scheuten auch den Aufwand, den sie mit Flüchtlingen hätten. Das, so Skarabis-Querfeld, könne man den Kollegen nicht verübeln: "Wegen der Sprachschwierigkeiten dauert eine Sprechstunde mit ihnen dreimal so lange wie bei anderen Patienten."

Dazu komme aber auch, dass manche Praxischefs wegen der Bestimmungen im Asylbewerberleistungsgesetz unsicher bei der Behandlung von Flüchtlingen seien, sagt die Vorsitzende von "Medizin hilft". Viele wüssten nicht, was sie abrechnen könnten. Chronische Erkrankungen seien beispielsweise akut im Sinne des Asylbewerberleistungsgesetzes, wenn ihre Nichtbehandlung zur Verschlechterung des Gesundheitszustandes führt, erklärt Kollegin Barbara Grube. Hier müssten nicht nur die Ärzte mehr aufgeklärt werden, sondern auch die MFA, an denen jeder neue Patient ja erst mal vorbei müsse.

Seine eigenen Erfahrungen hat Kinderarzt Dr. Steffen Lüder bei der Flüchtlingsversorgung gemacht. Um die Menschen aus den Krisen- und Kriegsgebieten kümmerten sich entweder die landsmannschaftlichen Praxen oder "einige wenige Dumme". Würden die Flüchtlinge gleichmäßig auf alle Praxen in Berlin verteilt, wären dies 20 bis 30 Patienten mehr pro Quartal, "das wäre dann locker zu schaffen", sagt Lüder.

U-Untersuchungen oft ohne Karte

Er berichtet von Problemen, die er bei der Versorgung von Flüchtlingskindern hat. Die Ausgabe von Behandlungsscheinen beziehungsweise der Gesundheitskarte an Neugeborene dauere immer noch so lange, dass er bei den ersten U-Untersuchungen in der Regel keine Unterlagen für die Abrechnung habe. Impfungen nimmt Lüder deshalb nicht vor, denn auf eigene Kosten vorfinanzieren will er diese nicht. So könne er die Säuglinge erst mit sechs bis acht Wochen Verspätung impfen. "Dabei besteht ja gerade in den Gemeinschaftsunterkünften ein großes Infektionsrisiko", so Lüder. Angesichts der Sprachprobleme hält er auch ärztliche Aufklärungsgespräche für juristisch angreifbar. Vor Kurzem habe eine Zehnjährige für ihre Mutter übersetzt, erzählt Lüder. Was aber sei, wenn sie etwas falsch dargestellt hat? "Dann habe ich ein Problem", sagt der Kinderarzt.

80.000

Menschen kamen im vergangenen Jahr als Flüchtlinge nach Berlin.

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