Ärzte Zeitung, 18.05.2016

Student des Jahres ausgezeichnet

Zwischen Hörsaal und Hilfseinsatz

Christoph Lüdemann ist nicht nur Doktorand der Humanmedizin, sondern auch Mitbegründer der humanitären Organisation L‘appel. Jetzt wurde der 28-Jährige zum Studenten des Jahres.

Von Nina Nöthling

Zwischen Hörsaal und Hilfseinsatz

Der angehende Arzt Christoph Lüdemann standesgemäß mit Stethoskop und im Hilfseinsatz in Afrika.

© L’appel

KÖLN. Den Wunsch, die Welt verbessern zu wollen, kennen wohl viele. Die wenigsten gründen jedoch deshalb eine eigene Hilfsorganisation. Anders Christoph Lüdemann. Der 28-jährige Doktorand der Humanmedizin und Masterstudent für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke ist Mitbegründer und Vorstand von L‘appel Deutschland.

Der gemeinnützige Verein leistet in zwei der ärmsten Länder Afrikas mit Gesundheits- und Bildungsprojekten Hilfe zur Selbsthilfe. Für sein Engagement haben der Deutsche Hochschulverband (DHV) und das Deutsche Studentenwerk den jungen Mann als "Student des Jahres" ausgezeichnet.

Alles begann 2009 bei einem kühlen Bier. Christoph Lüdemann saß mit ein paar Freunden zusammen und machte sich Gedanken, was er in der Welt verbessern könnte. Wenig später gab die Begegnung mit einem Austauschstudenten aus Ruanda dem Gedanken eine konkrete Richtung.

Lüdemann und zwei Kommilitonen begleiteten den Ruander noch im selben Jahr in sein Heimatdorf. Dort lebten sie drei Monate lang mit der Familie in einfachsten Verhältnissen.

Ruanda ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas und eines der ärmsten Länder der Welt. "Bei dem Besuch haben wir mit der Bevölkerung gesprochen, uns ihre Probleme angehört und auf Grundlage ihrer Lösungsideen gemeinsam Projekte entworfen.", erzählt Lüdemann.

Dabei stellte sich heraus: Die medizinische Versorgung ist besonders schwierig. In ländlichen Gegenden müssen die Menschen zum Beispiel stundenlang bis zum nächsten Arzt laufen.

30 freiwillige Mitarbeiter

Zwischen Hörsaal und Hilfseinsatz

Christoph Lüdemann

© L'Appel

Der 28-Jährige fährt noch zwei weitere Male mit verschiedenen Leuten nach Ruanda, bevor er 2013 mit ein paar Freunden offiziell den gemeinnützigen Verein L'appel Deutschland gründet. Der Name steht für den Weckruf an die Gesellschaft und den Aufruf zur Mithilfe, erklärt der Verein auf seiner Internetseite.

Mittlerweile hat der Verein rund 30 freiwillige Mitarbeiter und sammelt im Jahr fast eine Viertel Million Euro Spendengelder.

Eines der ersten Projekte von L'appel ist der Bau einer Klinik in Kiruhura im Norden Ruandas. Sie wurde im Dezember 2015 eröffnet und bietet medizinische Versorgung für rund 13.500 Menschen. Ein Geburtenhaus und ein weiteres Bettenhaus sollen folgen.

Tillmann Neinhaus, ehemaliger IHK-Geschäftsführer mittleres Rheingebiet und Förderer von L'appel, schlug Lüdemann im Dezember als "Student des Jahres" vor. Ende Januar erhält Lüdemann einen Anruf vom DHV. Die sechsköpfige Jury hat ihn als Gewinner aus den 106 Bewerbern gewählt.

Die Auszeichnung "Student des Jahres" wird in diesem Jahr zum erstem Mal verliehen. Die Initiatoren wollen damit Studierende ehren, deren Engagement über die Leistungen des Studiums hinausgeht.

Der Preis ist vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft mit 5000 Euro dotiert. Die offizielle Preisverleihung fand kürzlich auf der "Gala der Deutschen Wissenschaft 2016" in Berlin statt.

"Zurzeit arbeite ich Vollzeit für den Verein und studiere nebenbei", sagt Lüdemann. Das liegt auch daran, dass für das neueste Projekt noch 175.000 Euro fehlen. In Sierra Leone soll zum Schuljahresanfang im Herbst eine Grundschule eröffnet werden.

Durch die Ebola-Epidemie gibt es in dem westafrikanischen Land kaum noch Grundschullehrer. Sie sind entweder der Krankheit zum Opfer gefallen oder geflohen. Mit der Schule möchte L'appel sie ermutigen, zurückzukommen.

Das Konzept des Vereins ist es, nach der Eröffnung möglichst wenig in Erscheinung zu treten. "Es ist uns wichtig, so schnell wie möglich die Aufgaben vor Ort an lokale Akteure abzugeben", erklärt Lüdemann.

Spender fördern Ausbildung

Der Verein arbeitet mit dem Konzept des "umgekehrten Generationenvertrags": Spender aus dem deutschsprachigen Raum fördern die Ausbildung eines Stipendiaten in Sierra Leone oder Ruanda.

Dieser wiederum verpflichtet sich, das geliehene Geld an einen anderen Stipendiaten zurückzuzahlen, sodass dieser ebenfalls eine Ausbildung absolvieren kann.

Lüdemanns Amtszeit im Vorstand des Vereins geht noch bis Februar 2017. "Ich würde gerne weitermachen." Aber wie viele andere Mitglieder des Vereins weiß er nicht, ob sich nach dem Universitätsabschluss Beruf und Verein vereinbaren lassen.

Nachwuchsmangel ist das größte Problem der Organisation. Viele Mitglieder werden im kommenden Jahr ins Berufsleben einsteigen, aber es gibt nur wenige, die nachrücken.

Mit dem Preisgeld will Lüdemann nach Südamerika reisen. "In den letzten fünf Jahren war ich nur in Afrika und habe den Blick für den Rest der Welt verloren. Ihn will ich wiederfinden."

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