Ärzte Zeitung, 18.01.2018

Moderne Medizinausbildung

Virtuelle Organschau macht angehende Ärzte fit für den OP

Die Uniklinik Ulm setzt bei der Ausbildung der Nachwuchsmediziner auf das Potenzial der Virtual Reality. Herz und Darm werden so plastisch erlebbar – und in 3D begehbar.

Von Anke Thomas

Virtuelle Organschau macht angehende Ärzte fit für den OP

Mit einer VR-Brille erforschen Medizinstudierende virtuell ein Cyber-Herz.

© Uni Ulm

ULM. Der Einsatz moderner Bildgebungsverfahren sowie via Künstlicher Intelligenz aufbereiteter Daten kommt in der Medizinerausbildung noch immer zu kurz, mahnen immer mehr Experten – vor allem aus den interventionellen Disziplinen.

Zum Beispiel stellt das Herz für Medizinstudierende eine besondere Herausforderung dar: Aufgrund seiner Lage im Körper hätten viele angehende Ärzte Probleme, sich die genaue Position der Herzkammern und –klappen vorzustellen.

Und selbst Ultraschallbilder des gesunden Herzens seien für die Anfänger oft nur schwer zu verstehen, wie die Universität Ulm mitteilt. Deren Uniklinik setzt auf Virtual Reality Anwendungen, um die Organe im Körper besser zu verstehen.

Virtuelle Lernwelten seien längst Teil der Medizinerausbildung an der Uni. Jetzt seien das dreidimensionale "Cyber-Herz" und neue virtuelle Darmmodelle im Virtual Reality-Arbeitsraum ("VR-Lab") gebündelt worden. Abseits von Vorlesungen könnten angehende Ärzte anhand der Organmodelle komplexe, dreidimensionale Strukturen begreifen.

Deutlich besser als Plastikmodell

Bereits seit einiger Zeit lernten die Studenten erfolgreich mit einem virtuellen, dreidimensionalen Herzmodell, das sie dank einer VR-Brille sogar "betreten" könnten. Dabei sei das Herzmodell eine der wenigen stereoskopischen 3D-Anwendungen in der Medizinerausbildung bundesweit.

Unter Anleitung studentischer Tutoren könnten angehende Ärzte im VR-Lab beispielsweise einen Ultraschallstrahl durch das Cyberorgan führen oder sich die Auswirkungen einer undichten Herzklappe oder eines Herzinfarkts demonstrieren lassen. Denn das Lernprogramm beinhalte auch Erklärungen in Form von Audiodaten und Infografiken zur Funktion des gesunden sowie des kranken Herzens.

In der Anatomischen Lehrsammlung hätten die Studenten das Herz unter anderem anhand von Plastikmodellen kennengelernt. Doch erst durch das stereoskopische Modell erhalte man einen wirklich guten Eindruck von diesem Organ, äußert sich eine Medizinstudentin positiv über die virtuellen Lernerfahrungen.

Sehr gute Klausurergebnisse

Den großen Lernerfolg seiner Studierenden bestätigt Dr. Wolfgang Öchsner, Oberarzt in der Abteilung Kardioanästhesiologie der Ulmer Uniklinik. Der Dozent setzt das Cyber-Herz laut Uni Ulm bislang im Wahlfach "Lernen in 3D – Herzfunktion und Herzultraschall" ein.

Die Raumstruktur des Herzens sei schwer zu vermitteln. Doch im Wahlfach müsste dank des stereoskopischen Modells nur wenige Fragen beantwortet werden.

Die guten bis sehr guten Klausurergebnisse zeigten, dass die Studierenden tatsächlich vieles verstanden hätten, so Öchsner. Gerade angehenden Ärzten mit wenig ausgeprägtem räumlichem Vorstellungsvermögen komme das 3D-Modell zugute – was sich auch bei Hospitationen im OP zeige.

Neben dem 3D-Herz stehen den Studierenden seit Kurzem auch virtuelle Darmmodelle zur Verfügung, anhand derer sie Dickdarmspiegelungen üben und Krebsvorstufen (Polypen) erkennen können.

Zwischen Theorie und Praxis

Der Vorteil des neuen VR-Labs: Anhand dreidimensionaler Modelle könnten sich Studierende komplexe Strukturen oft besser vorstellen und Gelerntes im eigenen Rhythmus vertiefen. Zudem sei der Arbeitsraum ein Bindeglied zwischen Theorie und Praxis.

Das VR-Lab eingerichtet habe das Kompetenzzentrum E-Learning in der Medizin Baden-Württemberg, das auch Studien zum Lernen in der virtuellen Realität durchführe. Weiterhin werde an dem Zentrum etwa an Augmented Reality Anwendungen gearbeitet, die Medizinstudenten das Erlernen körperlicher Untersuchungstechniken erleichtern sollen, wie es heißt.

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