Ärzte Zeitung online, 09.05.2019

Telemedizin

Mit der Videobrille gegen Schlaganfall

Um die Diagnostik bei Schwindel zu verbessern, setzt das Schlaganfallnetzwerk Tempis in Bayern eine Videobrille ein. Sie ermöglicht eine Untersuchung per Telemedizin.

Von Thorsten Schüller

087a0901_8372980-A.jpg

Die Videobrille erfasst subtile Augenbewegungsstörungen.

© sct

MÜNCHEN. Jeder dritte Deutsche leidet im Laufe seines Lebens einmal an der Volkskrankheit Schwindel. Davon erhält aber wiederum nur jeder Dritte auf Anhieb eine gesicherte Diagnose und damit eine schnelle Behandlung. In fast 50 Prozent der Fälle werden die Patienten mit einer unspezifischen Diagnose entlassen. Besonders gefährlich wird dies, wenn die Ursache ein Schlaganfall ist.

Um die Zahl der Fehldiagnosen zu reduzieren und vor allem um Schlaganfälle bei Schwindelsymptomen besser und schneller feststellen zu können, hat die München Klinik im Stadtteil Harlaching jetzt das Projekt TeleSchwindelTriage vorgestellt.

Dabei erhalten Schwindelpatienten in 19 teilnehmenden regionalen Partnerkliniken des Schlaganfallnetzwerks Tempis in Südostbayern ihre Diagnose künftig per Videobrille und Live-Schaltung von Experten in den telemedizinischen Zentren in Harlaching, Regensburg und Altötting.

Das Ziel ist, Patienten in der Stadt und auf dem Land ortsunabhängig schnelle Expertenhilfe zukommen zu lassen – immerhin sterben nach Angaben der Klinik bei einem Schlaganfall ohne Behandlung pro Minute 1,9 Millionen Nervenzellen ab. Mit dem Förderprojekt „TeleSchwindelTriage“ werde Tempis damit um den Bereich Schwindel erweitert.

Brillen kosten 15.000 Euro

Nach den Informationen wurden während der einjährigen Vorbereitungsphase die 19 teilnehmenden Partnerkliniken in der Schwindeldiagnostik geschult und haben je eine der Videobrillen für 15.000 Euro erhalten. Mit deren Hilfe sollen subtile Augenbewegungsstörungen sichtbar gemacht werden können, die für die richtige Diagnose oft entscheidend seien.

Die Videobrille ist an eine mobile Telemedizinstation angeschlossen, über die die „Live-Schalte“ aus der Partnerklinik in das Schwindelzentrum stattfindet. So kann der Schwindelexperte im Zentrum die Untersuchung anleiten, die gemessenen Daten direkt bewerten und aus der Ferne die Diagnose stellen.

7000 Telekonsile im Jahr

Die Brille soll schätzungsweise bei 800 der jährlich 7000 im Tempis-Netzwerk durchgeführten Telekonsile zum Einsatz kommen. „Schwindel ist eines der häufigsten Symptome und tritt bei verschiedensten Krankheitsbildern auf. Deshalb ist die Diagnose oft nur in spezialisierten Zentren möglich“, sagte Projektleiter Dr. Peter Müller-Barna von der München Klinik Harlaching.

Müller-Barna weiter: „Es freut mich sehr, dass wir nun per Telemedizin die Möglichkeit haben, diese Expertise in die Fläche zu tragen. Patienten im ländlichen Südostbayern können wir nun eine schnellere Diagnostik und bessere Versorgung anbieten.“

Das Projekt hat zunächst eine Laufzeit von 2,5 Jahren, Projektträger ist die München Klinik Harlaching. Beteiligt sind neben den 19 Tempis-Partnerkliniken die Schlaganfallzentren München Klinik Harlaching und Universitätsneurologie Regensburg sowie die Schwindelzentren München Klinik Harlaching und Kreisklinik Altötting. Das Projekt wird vom Bayerischen Gesundheitsministerium und der Deutschen Stiftung Neurologie finanziell unterstützt.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Schmerzmittel per Drohne, Roboter auf Kassenkosten

Zur Eröffnung des Hauptstadtkongresses trafen blühende Phantasie, Extremforderungen und regulatorischer Pragmatismus aufeinander. mehr »

"App auf Rezept ist ein toller Vorschlag"

Der Hauptstadtkongress ist gestartet. Im Video-Interview mit der „Ärzte Zeitung“ erläutert Kongresspräsident Ulf Fink die Schwerpunkte des Kongresses und spricht darüber, wie die Digitalisierung der Gesundheitsbranche gelingen kann. mehr »

„Auto-befundende Systeme auf Vormarsch“

Im Video-Interview beim Hauptstadtkongress erläutert der Leiter des IGES Instituts, Professor Bertram Häussler, warum die Datenautobahn immer noch nicht befahrbar ist und was der Digitalisierung noch im Wege steht. mehr »