Ärzte Zeitung online, 27.12.2018

KI-Excellence

Cyber Valley – Deutschlands Nabel der KI

Exzellente Wissenschaftler aus aller Welt forschen im Raum Stuttgart/Tübingen an intelligenten Systemen und maschinellem Lernen, den Treibern der Digitalisierung. Eine Säule ist der Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Medizin.

Von Matthias Wallenfels

STUTTGART/TÜBINGEN. Wie können maschinelle Lernalgorithmen für die klinische Diagnostik, insbesondere bei ophthalmologischen Indikationen, eingesetzt werden? Antworten darauf will Philipp Berens geben – der 37-Jährige wurde im April dieses Jahres auf die Heisenberg-Professur für „Data Science in der Sehforschung“ am Forschungsinstitut für Augenheilkunde der Medizinischen Fakultät an der Universität Tübingen berufen. Als Data Scientist untersucht Berens nach Uniangaben die neuronalen Schaltkreise der Netzhaut.

Konkret wolle er die Prinzipien neuronaler Berechnungen beim Sehen entschlüsseln und zudem verstehen, wie die Arbeit der Nervenzellen im Auge bei Krankheiten beeinträchtigt wird.

Seine Forschungsgruppe entwickelt maschinelle Lernalgorithmen, die in der klinischen Diagnostik solcher Krankheiten eingesetzt werden können. „Sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der klinischen Diagnostik gibt es zunehmend komplizierte, multimodale Datensätze: Diese kombinieren unterschiedliche Datentypen, beispielsweise aus der Physiologie, Anatomie oder Genetik. Die Zusammenführung der Datentypen stellt uns noch vor große Herausforderungen“, erklärt Berens, der 2015 mit dem Bernstein-Preis des Bundesforschungsministeriums, dem weltweit höchstdotierten Nachwuchsförderpreis, ausgezeichnet wurde.

Großunternehmen mit im Boot

Der Bioinformatiker Berens steht exemplarisch für den Typ Wissenschaftler, den das Cyber Valley engagieren will, um „AI made in Germany“ – unter diesem Label will die Bundesregierung Lösungen der Künstlichen Intelligenz (KI) weltweit vermarkten und Deutschland als die Speerspitze der globalen KI etablieren, wie es in ihrer kürzlich verabschiedeten KI-Strategie heißt – auf den Schild zu heben.

Um die (KI-)Entwicklung dorthin voranzutreiben haben Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft auf Initiative der Max-Planck-Gesellschaft und des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme im Raum Stuttgart-Tübingen das Cyber Valley ins Leben gerufen. Den Startschuss dazu gaben Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Landeswissenschaftsministerin Theresia Bauer zusammen mit Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, vor fast genau zwei Jahren im Stuttgarter Neuen Schloss.

„Das Cyber Valley soll ein Ort sein, an dem die technologischen Grundlagen für unsere digitale Zukunft gelegt werden“, verdeutlichte Stratmann. Und ergänzte: „Wir wollen dabei nicht nur Magnet und Talentschmiede für den besten Nachwuchs sein, sondern auch Räume schaffen für den Dialog mit den Menschen. Denn die digitale Zukunft betrifft uns alle.“

Im Cyber Valley verstärken das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, das Land Baden-Württemberg, die Universitäten Stuttgart und Tübingen sowie die Unternehmen Bosch, Daimler, Porsche, BMW, ZF Friedrichshafen und Facebook die Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der KI. Damit entsteht laut Initiatoren eine der größten KI-Forschungskooperationen Europas, in die das Ländle in den kommenden Jahren mehr als 50 Millionen Euro investieren wird.

„Die Region Stuttgart-Tübingen ist nachweislich bereits heute der Hotspot bundesweit in Sachen Künstliche Intelligenz. Wir unternehmen jede Anstrengung, damit Baden-Württemberg auch international eine Spitzenposition einnimmt“, verdeutlichte Bauer im Mai, als das Cyber Valley den Start zehn weiterer KI-Forschungsgruppen bekannt gab.

Starke internationale Konkurrenz

Laut Professor Michael Black, Geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme und Sprecher des Cyber Valley, durchlaufen die Nachwuchsforscher ein hochselektives Auswahlverfahren, bevor sie in seine Forschungsgemeinde aufgenommen werden. „Spitzenforscher im Bereich KI sind aktuell die meist umkämpften Köpfe weltweit, und diese Spitzenkräfte wollen mit den Besten zusammenarbeiten“, betont Black. „Unser Erfolg beim Cyber Valley macht deutlich, dass die Region Stuttgart-Tübingen führend in der KI-Forschung ist“, schiebt er unprätentiös in einem Nachsatz nach.

Zeichen setzen will auch Dr. Gabriele Schweikert mit der Forschungsruppe „Computational Epigenomics“. Diese widmet sich epigenetischen Prozessen, die für medizinische Anwendungen immens vielversprechend seien. Fehlfunktionen epigenetischer Mechanismen würden zunehmend als Mitauslöser der Tumorbildung erkannt – wie zum Beispiel bei der Leukämie. Mittels maschineller Lerntechniken für die computergestützte Genfindung soll ihre Gruppe die epigenetische Forschung vorantreiben.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Schwanger werden trotz Krebs

Chronische myeloische Leukämie bedeutet nicht, dass Frauen auf Nachwuchs verzichten müssen: Bei Kinderwunsch kann die Therapie oft ohne erhöhtes Risiko pausieren. mehr »

Freispruch für Sulfonylharnstoffe

Sulfonylharnstoffe begünstigen kardiovaskuläre Ereignisse nicht, offenbart die CAROLINA-Studie. Sie belegt, dass Glimepirid für Herz und Gefäße so sicher ist wie der DPP4-Hemmer Linagliptin. mehr »

Pathologen unter Hitler

Dutzende Pathologen wurden in der Nazi-Zeit entrechtet: Zur Vertreibung und Verfolgung von jenen Medizinern im Nationalsozialismus haben Medizinhistoriker aus Aachen geforscht – und ihre Ergebnisse präsentiert. mehr »