Ärzte Zeitung, 27.04.2017
 

Eine Gretchenfrage

Wer finanziert den Ärzten die Telematik?

Der Online-Rollout der Gesundheitskarte erhitzt auch bei der Gesundheits-IT-Messe conhIT die Gemüter. Die spannenden Fragen: Bekommen die Humanmediziner eine ähnlich gute Refinanzierung wie die Zahnärzte? Und: Wie realistisch ist der Zeitplan?

Von Philipp Grätzel von Grätz

Gretchenfrage:
            Wer finanziert denÄrzten die Telematik?

E-Health wird in Deutschland bis auf Weiteres noch eine Großbaustelle bleiben.

© djama / fotolia.com

Der Einstieg in die Telematikinfrastruktur ist auch für Vertragsärzte mit Investitionen verbunden: Unter anderem brauchen die Ärzte für das zunächst anstehende Versichertenstammdaten-Update und für andere Online-Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) einen Konnektor für die Verbindung mit dem Datennetz, außerdem muss ein neuer Kartenleser her.

Mit der Refinanzierung der nötigen Geräte für Humanmediziner beschäftigt sich gerade das Bundesschiedsamt, nachdem die Verhandlungen zwischen KBV und GKV-Spitzenverband gescheitert waren. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und der GKV-Spitzenverband haben sich dagegen bereits auf ein (vorläufiges) Finanzierungsmodell geeinigt, das relativ großzügig ausfällt, auch wenn die Grundsatzvereinbarung noch Spielräume für Anpassungen lässt.

Pauschalen für mobile Terminals

Demnach wird für den Konnektor bei Zahnärzten vorläufig eine Refinanzierungssumme von 1000 Euro angenommen, für das stationäre Kartenterminal 370 Euro. Pauschalen für mobile Terminals sind vorgesehen, aber noch nicht beziffert. Die Kosten des elektronischen Heilberufsausweises werden den Zahnärzten zur Hälfte erstattet, und zwar als "kumulierte Betriebskostenpauschale jeweils zu Beginn der Laufzeit" der Karte.

Nicht finanziert wird der VPN-Zugang. Dafür findet der Aufwand bei der Installation ab einem gewissen Umfang finanzielle Berücksichtigung. Konkret: Wenn bei der Installation der Zugriff auf das Praxisinformationssystem für länger als 90 Minuten unterbrochen wird, erhalten die Zahnärzte pauschal 180 Euro und für jede weitere volle Stunde nochmal je 180 Euro.

Es wurde bei der conhIT allgemein erwartet, dass das Ergebnis der Schlichtung bei den Humanmedizinern nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Die Antwort auf die Frage, ob die Nicht-Zahnärzte ähnlich attraktive Konditionen für die Refinanzierung der Hardware für den Online-Rollout bekommen wie die Zahnärzte, dürfte also bald vorliegen.

Zeitplan auf der Kippe

Eine andere Frage ist, ob der Rollout wirklich wie geplant stattfinden kann. Sowohl Oliver Schenk vom Bundesgesundheitsministerium als auch Vertreter des Unternehmens CompuGroup, Konsortialführer in der Testregion Nordwest, äußerten sich in Berlin optimistisch, dass im Sommer mit der Ausgabe von Konnektoren und Kartenlesegeräten gestartet werden könne. Allerdings müssen die Konnektoren in der Testregion Nordwest dafür noch einmal ausgetauscht werden.

Bisher fehlt jedoch die endgültige technische Spezifikation, die die Betreibergesellschaft gematik noch festlegen muss. Erst danach kann die Hardware für den Echtbetrieb zur Zulassung eingereicht werden. Ähnliche Probleme gibt es bei den Kartenlesegeräten. Überhaupt ist bisher ohnehin nur ein Konnektor, jener des CompuGroup-Konsortiums, im Test. Die Deutsche Telekom als Konsortialführer der Region Südost betont, dass der dortige Konnektor kommen wird, legt sich aber nicht auf einen Termin fest.

Anders gesagt: Die für den Echtbetrieb der Online-Funktionen der eGK nötige Hardware wird allenfalls schrittweise zur Verfügung stehen.

Vor diesem Hintergrund erscheint ein Abschluss des bundesweiten Rollouts bis Sommer 2018 den meisten Vertretern der Praxis-IT-Branche, mit denen man sich in Berlin unterhält, als vollkommen illusorisch. Realistischer sei ein Zeitraum von zwei bis drei Jahren.

Das ist deswegen wichtig, weil den Ärzten laut E-Health-Gesetz ab Sommer 2018 das Budget gekürzt wird, wenn sie nicht mit ihrer Praxis am Online-Rollout teilnehmen. Im Gesetz hat sich die Politik allerdings Hintertüren offen gelassen: Der Termin könnte per Verordnung recht unbürokratisch nach hinten verschoben werden. Davon will im Moment freilich noch niemand etwas wissen.

[27.04.2017, 19:48:19]
Dieter Döring 
Wer finanziert den Ärzten die Telematik?
Da die Ärzteschaft zu einem geschlossenem Protest gegenüber den Krankenkassen und dem Gesetzgeber nicht fähig sind, werden sie wohl die Kosten übernehmen.
Auch ist noch, nach Aussagen von mehreren Informatikstudenten, zu sagen, dass das System jetzt schon technisch total überholt ist. zum Beitrag »

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