Ärzte Zeitung, 15.11.2016
 

Gesundheitsregionen

Neue Vorreiter bei der Vernetzung?

Wird der Raum Berlin zur Vorzeigeregion für das digitale Gesundheitswesen? Es gibt dort zumindest nicht nur agile Start-ups, sondern auch einen gewissen Ehrgeiz bei Krankenkassen, Kliniken und Ärzten. Die regionale Vernetzung hat aber nicht nur im Nordosten Anhänger, sie wird aktuell auch bei der Medica intensiv diskutiert.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Neue Vorreiter bei der Vernetzung?

Über Gesundheitsakten, die auf internationalen Standards aufbauen, soll die Vernetzung im Nordosten vorangebracht werden.

© adam121 / fotolia.com

BERLIN. Das Problem ist bekannt. Immer wieder entstehen im deutschen Gesundheitswesen vernetzte Versorgungsinseln, bei denen sich Ärzteverbünde oder Krankenhäuser mit einer Krankenkasse und dem einen oder anderen Technologiepartner zusammentun und digital unterstützte Versorgungsszenarien auf den Weg bringen. So etwas gibt es zum Beispiel bei Diabetes, Tinnitus, Wundnachsorge oder Essstörungen. Dank Innovationsfonds steigt die Zahl derartiger Projekte weiter.

Über den Inselstatus kommen solche Projekte aber nur selten hinaus. Das hat mehrere Gründe. Oft wird Technik eingesetzt, die speziell für ein bestimmtes Projekt entwickelt wurde und die sich nicht oder nur für viel Geld von anderen nutzen lässt. Teilweise sehen Krankenkassen oder Ärzteverbünde ihr IT-Engagement auch als Wettbewerbsinstrument und haben gar kein Interesse an einer Öffnung ihrer elektronischen Akten oder an einer Finanzierung im Rahmen der Regelversorgung. Mitunter sind auch die Versorgungsprozesse in einem digital unterstützten Versorgungsprojekt nicht ohne weiteres auf andere Regionen oder Konstellationen übertragbar.

Modellregion Berlin-Brandenburg?

Zumindest was die Technik angeht, könnte im Prinzip die Telematikinfrastruktur durch Standards helfen. Die Realität ist aber, dass diese viel zu langsam voranschreitet und viel zu breite Konsense erfordert, die der Dynamik des Digital Health-Sektors nicht wirklich gerecht werden. Deswegen entwickeln sich derzeit in vielen Bundesländern Gesundheitsregionen, die sich (auch) um die digitale Vernetzung kümmern: in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hamburg und Bayern.

Berlin und Umgebung könnten jetzt auch zu einer solchen Region werden. Das zumindest wünscht sich der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), ein traditionsreicher Zusammenschluss wirtschaftlicher Akteure in der Hauptstadtregion, der schon mehrfach bewiesen hat, dass er im Gesundheitswesen Visionen nicht nur entwickeln, sondern auch zu ihrer Verwirklichung beitragen kann. Der VBKI hat jetzt ein Eckpunktepapier vorgelegt, das von Rolf Dieter Müller, dem Leiter des VBKI Gesundheitsausschusses, von Christian Klose, dem IT-Chef bei der AOK Nordost und von dem Digital Health Experten Karsten Knöppler, ehemals AOK Bundesverband, in Berlin vorgestellt wurde. Das Papier soll den Anstoß zu einer "Digital Health Modellregion" in Berlin und Brandenburg geben. Kernidee ist eine offene, regionale Gesundheitsakte, an die innovative digitale Versorgungslösungen über Standardschnittstellen "angedockt" und so im ersten Gesundheitsmarkt getestet werden können.

Krankenkasse als Treiber

Einer der Faktoren, die die Hauptstadtregion als Modellregion prädestinieren, ist die sehr agile Startup-Szene in Berlin plus räumlicher Nähe zu Hamburg, dem zweiten Konzentrationspunkt der Digital Health-Unternehmen in Deutschland. Der VBKI kann außerdem auf Krankenkassen und Klinikbetreiber setzen, die sich in dem Verband engagieren, darunter die Innovationstreiber AOK Nordost und Techniker Krankenkasse sowie von Krankenhausseite Sana und Vivantes.Das Eckpunktepapier beschreibt mehrere Maßnahmen, die dazu beitragen würden, eine digitale Modellregion im Nordosten entstehen zu lassen. An erster Stelle steht die Schaffung neuer integrierter Versorgungsmodelle unter Einbeziehung von Krankenhäusern und Ärzten bzw. Ärztenetzen. Punkt zwei ist die schon erwähnte Gesundheitsakte als Infrastruktur für Pilotprojekte. Zusätzlich soll es Begleitforschung geben und außerdem eine einheitliche Anlaufstelle, die Unternehmen mit innovativen Digital Health-Konzepten einen raschen Zugang zu der Modellregion ermöglicht.

Das Interessante an dem Plan ist, dass wesentliche Komponenten schon im Entstehen begriffen sind. Das gilt insbesondere für die elektronische Gesundheitsakte. Die AOK Nordost geht in Kürze mit Cisco und einem noch nicht näher benannten Ärztenetz in den Pilotbetrieb einer elektronischen Akte, die, ungewöhnlich für Deutschland, konsequent auf internationale (IHE-)Standards setzt und die zum Beispiel mit Gesundheits-Apps kommunizieren kann. Voraussichtlich ab Sommer 2017 sollen die Projektpartner Sana und Vivantes an die Akte andocken, was dann ein sehr attraktives Netzwerk ergibt, das auf stationärer Seite einen erheblichen Teil des Marktes im Nordosten abgedeckt.

Parallel dazu hat die Techniker Krankenkasse, ebenfalls im VBKI engagiert, eine Patientenakte ausgeschrieben, die erneut sehr streng internationale Standards einfordert. Der (bundesweite) Auftrag soll 2017 vergeben werden. Angesichts der Marktanteile dieser beiden Krankenkassen im Raum Berlin könnte in einer potenziellen Modellregion damit für einen relevanten Anteil der Versicherten eine hoch standardisierte E-Akte quasi von vornherein zur Verfügung gestellt werden.

Regionen stehen für Offenheit

Ob regionale digitale Gesundheitsregionen wirklich Schrittmacher für die dringend nötige IT-Modernisierung der Gesundheitsversorgung in Deutschland werden, ist natürlich noch nicht abgemacht. In vielen Ländern, deren Gesundheitssysteme digital weiter fortgeschritten sind als das deutsche, gehen aber entscheidende Impulse von vernetzten Regionen aus.

In all diesen Regionen sind regionale elektronische Akten zentrale Komponenten der Vernetzung, wobei in den Ländern mit starken, digital integrierten Regionen häufig die Regionen auch die Budgethoheit haben.Das ist in Deutschland bekanntlich anders. In Deutschland hängt viel vom Engagement der in der jeweiligen Region starken Krankenkassen, der KV(en) und anderer regionaler Akteure ab. Wenn die sich aber zusammenraufen, wie in Teilen Nordrhein-Westfalens, in Bayern und – vielleicht – bald im Raum Berlin, dann könnte das, was in Spanien oder Italien oder Schweden funktioniert, auch in Deutschland klappen. Besser als abgeschottete Netzwerke, bei denen einzelne Versorgungsakteure oder Unternehmen wie Helikoptereltern ihre IT-Babies bewachen, um ja nicht ihren Einfluss zu verlieren, ist der quasi per Definition offene, regionale Ansatz allemal. Abgeschottete IT-Inseln hatte das deutsche Gesundheitswesen wahrlich genug. Und nachhaltig überzeugt hat bisher keine davon.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »

Jamaika-Sondierer opfern paritätische Finanzierung

Ein neues Sondierungspapier zeigt: Die potenziellen Jamaika-Partner suchen nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner in der Gesundheitspolitik. mehr »