Ärzte Zeitung, 15.04.2013
 

Anlagen-Kolumne

Deutschland profitiert nicht vom Euro

Jens Ehrhardt

Deutschland profitiert nicht vom Euro

Würde Deutschland wirklich seit Jahren vom Euro profitieren, wie immer wiederbehauptet wird, so müssten auch die Bürger profitieren. Wie eine aktuelle Studie der EZB zeigt, ist aber das Gegenteil der Fall.

Die Vermögenslage der deutschen Haushalte hat sich seit Einführung des Euros real nicht gebessert. Die Behauptung Deutschland wäre der größte Profiteur des Euros kann nicht dadurch untermauert werden, dass die Deutschen relativ zu den anderen Euroländern mehr Vermögen akkumulieren konnten.

Mit 51.400 Euro Nettovermögen rangiert Deutschland auf dem letzten Platz. Zyperns Haushalte sind mit sage und schreibe 266.900 Euro fünf Mal so vermögend. Aber auch Spanien (182.700 Euro), Italien (173.500 Euro) oder Griechenland (101.900 Euro) stehen deutlich besser da.

Das vergleichbarste Land für Deutschland ist Frankreich. Die Franzosen können mit 115.800 Euro aber auch doppelt so viel Vermögen vorweisen wie die Deutschen.

Die Stärke der deutschen Wirtschaft, die sich aus der deutlich besseren Produktivität und höheren Innovationskraft speist, führt offensichtlich nicht dazu, dass es den Bürgern besser geht.

Politiker an den Amtseid erinnern

Wie lässt sich so die Rolle des ständigen Zahlmeisters rechtfertigen? Natürlich gilt, wie bei jeder Statistik: "Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast".

Einwände wie, dass die Haushalte in anderen Ländern größer sind oder die angesetzten Immobilienpreise noch von 2010 stammen, haben durchaus ihre Berechtigung.

Dann stellt sich aber die Frage, warum veröffentlicht die EZB die Studie, die offensichtlich ein Eigentor ist? Zweifelt man die Aussagekraft der Statistik an, weil sie angeblich unzulänglich ist, dann drängt sich die Frage auf: Warum traut man der Statistik der EZB nicht, die mit der Schuldenkrise und Währungsstabilisierung deutlich komplexere Aufgaben zu bewältigen hat?

Die Vermögensunterschiede sind eigentlich nur durch länderübergreifende Transferzahlungen erklärbar, denn würde es durch überhöhte Steuern in den Staatsapparat fließen, würden die Einnahmen nur umverteilt, im Landesdurchschnitt (in der Studie wurde der Median verwendet) würde es aber nichts ändern.

Die Politiker, die um jeden Preis für den Erhalt des Euro kämpfen, sollten sich an ihren Amtseid erinnern: "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden [...] werde."

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Finanzen/Steuern (10552)
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Jens Ehrhardt (263)
[16.04.2013, 15:42:19]
Christian Soll 
Populistischer Nonsens
Die Behauptung im Artikel von Herrn Ehrhardt, dass Deutschland nicht (Haupt-) Profiteur vom Euro sei, ist schlichtweg falsch! Dass eine Studie der EZB vermeintlich etwas anderes sagt (tut sie das denn, bei korrekter Interpretation natürlich, überhaupt?), sollte den geneigten und kritischen Leser mit Sachverstand nicht verwundern, weil:

Dieser Sachverhalt längstens bekannt ist! Was die Studie bzw. Herr Ehrhardt aber nicht sagen ist, dass dies überhaupt nicht am Euro liegt, sondern vielmehr an der Tatsache, dass Deutschland und die Deutschen selber, das, in der Tat viele Geld, welches sie erwirtschaften, immer wieder, gemäß guter deutscher Tugenden, die sich ja, spätestens jetzt für alle offensichtlich, auszahlen, immer wieder reinvestiert haben. Das erkennt jeder sofort, der einmal im Süden Europas über eine Autobahn gefahren ist. Gleiches gilt für alle anderen infrastrukturellen Bereiche, die hier, in Deutschland, eben sehr viel besser ausgebaut und unterhalten sind wie bspw. in Süditalien oder Griechenland. Auch die Tatsache, dass Arbeitgeber hierzulande nicht annähernd so schamlos „ausgeschlachtet“ werden wie anderswo, sondern das auch hier reinvestiert und auf Nachhaltigkeit gesetzt wird, macht die deutschen Unternehmen eben konkurrenzfähiger als die Betriebe in manchen Nachbarländern. Nicht zu vergessen, dass wir uns die deutsche Einheit „geleistet“ haben, was auch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen ist. Eine schweizerische Beraterfirma hat übrigens einmal wissenschaftlich festgestellt, dass Deutschland das einzige Land gewesen ist, das sich einen solchen Schritt hat leisten können. Kein anderes Land wäre dazu annähernd in der Lage gewesen. Auch hierfür war Kapital, sprich Steuergeld, nötig, um dieses „Kunststück“, und um ein solches handelte es sich, zu vollführen.

In anderen Ländern herrschen eben mitunter Günstlingswirtschaft, Chaos, Korruption und falsche bzw. gar keine Fiskalpolitik, d.h., dass Steuern entsprechend gering erhoben oder aber gar nicht erst eingetrieben werden und das so lange abgewirtschaftet wird, bis eine Volkswirtschaft komplett am Boden ist! Plötzlich sollen dann Länder mit soliden Finanzen diejenigen „retten“, die, hätte man von Anfang an richtig hingesehen, gar nicht erst hätten dabei sein dürfen. Das kann und darf nicht sein, weshalb die Rettung Zyperns nur so, mit all den harten Einschnitten für die Bevölkerung, auch der einzig richtige Schritt ist! M. E. stellt sich auch gar nicht mehr die Frage, ob hier (oder in anderen Pleitestaaten?) durch Vermögensenteignungen einzelner, vom System ganz besonders begünstigter, ein entsprechender Beitrag zur Wiederherstellung geordneter Finanzen geleistet werden muss, sondern es muss nur noch der Umfang von solchen Maßnahme festgesetzt werden; und zwar von denen, die sich jetzt am Risiko einer solchen Rettungsaktion beteiligen “dürfen“. Sprich Deutschland! Der „ewige Zahlmeister“ zu sein, lässt sich natürlich überhaupt nicht rechtfertigen! Von bspw. 100.000 € Vermögen bleiben dann eben nur noch 60.000 € übrig. Ein echtes Schnäppchen im Vergleich zu dem, was eine Staatspleite Zyperns den einzelnen Zyprioten kosten würde.

Die Forderung einiger kurzsichtiger Populisten, zurück zur D-Mark, halte ich für vollkommen idiotisch! Würde das doch eine Reise in die falsche Richtung, nämlich zurück in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bedeuten! Denn der Euro hat seit seiner Einführung, selbst bei schwächelnder Konjunktur, nie auch nur eine annähernd so hohe Inflation aufgewiesen wie die D-Mark in ihren stärksten Zeiten! Was es bedeutet, sich eine eigene Währung zu leisten, das zeigt das Beispiel Schweiz sehr gut auf. Für ein gleiches Wirtschaftsgut wie hierzulande, zahlt man dort im Mittel gut und gerne ein Drittel mehr. Das liegt natürlich nicht nur daran, dass die Eidgenossen bis dato kein EU Mitglied sind, sondern ursächlich hierfür sind eben die Widrigkeiten des schweizerischen Frankens! Wie z. B. geringere Produktivität, geringere Kaufkraft, Kursschwankungen (der Staat musste hier sogar die „Notbremse“ ziehen, eine Maßnahme, die sonst nur von Administrationen wie China etc. bekannt ist) und eben die damit verbundenen Probleme, wenn man seine Produkte exportieren will.

Dass es uns besser geht als den anderen, ist ja nicht von der Hand zu weisen! Deshalb habe ich mir eine gewisse Vorsicht zu Eigen gemacht, wenn ich „Studien“ von Banken oder Bankern, Fondsmanagern, (selbsternannten) Experten & Co. präsentiert bekomme. Genau diese Herrschaften waren es nämlich, die mit ihren Weisheiten, Prognosen (die allesamt nicht eintraten!) und (Un-) Fähigkeiten , vor nicht allzu langer Zeit, es vermocht haben, nahezu die gesamte Weltwirtschaft aus den Fugen „zu heben“ und somit „lahm zu legen“.
C. Soll, Ökonom & Mediziner
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