Ärzte Zeitung, 14.11.2016
 

Börsenausblick

Gute Lage, schlechte Stimmung nach US-Wahl

Nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA sind viele Anleger verunsichert. Doch: Die Aussichten für die Weltwirtschaft sind so gut lange nicht, meinen Analysten.

Von Jürgen Lutz

NEU-ISENBURG. Erst Rezessionsangst, dann Ölpreis-Crash und Brexit, schließlich Donald Trump – das war 2016 zu viel für einige Aktienbörsen.

Wichtige Aktienindizes notieren nach den ersten zehn Monaten klar im Minus: Der für die Währungsunion repräsentative Euro Stoxx 50 lag Ende Oktober fast zehn Prozent zurück, der Dax 7,4 Prozent, seit August bewegt sich der Dax unter Schwankungen mehr oder weniger auf der Stelle.

Die US-Börse schaffte es mit zwei Prozent Plus gerade so in positives Terrain. Richtig glänzen konnten nur die Schwellenländer mit 11,6 Prozent Wertzuwachs. Nach der überraschenden Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten gingen die Börsen erneut zunächst in die Knie.

"Niedrigste Zinsen seit 5000 Jahren"

Entsprechend verhalten sind Stimmung sowie Ausblick für 2017. Schließlich, wissen Psychologen, neigen Menschen dazu, die jüngsten Erfahrungen in die Zukunft fortzuschreiben. Doch ob sie sich jetzt einen Gefallen damit tun?

Finanzplaner Gerhard Selig hat Zweifel; seiner Ansicht nach ist die Lage besser als die Stimmung: "Die wirtschaftlichen Daten sehen gut aus. In den USA wächst die Wirtschaft derzeit mit knapp drei Prozent jährlich, auch in Europa stehen die Zeichen auf Expansion – und wir haben die niedrigsten Zinsen seit 5000 Jahren", so der Inhaber von Gerhard Selig Vermögensstrategien GmbH aus Konstanz. Den meisten Schwellenländern gehe es dank der Erholung der Rohstoffpreise ebenfalls besser.

Konjunkturzyklus-Modell "fast am Anschlag"

Wichtige Frühindikatoren für die Konjunktur, die meist nur in der Fachpresse Beachtung finden, deuten zudem darauf hin, dass sich die positive Entwicklung in den Industrieländern fortsetzen wird. So sind nach den Einkaufsmanager-Indizes für Bau und Dienstleistungen nun jene für die Industrie klar auf Wachstum eingeschwenkt.

Spitzenreiter in der Euro-Zone sind Deutschland und Spanien. Aber auch Länder wie Frankreich und Italien geben dank guter Werte Anlass zur Hoffnung. Zudem werden die USA wohl weiter robust wachsen. Bei der Privatbank M. M. Warburg zeigt man sich optimistisch – das hauseigene Konjunkturzyklus-Modell befindet sich dort "fast am Anschlag".

Entwickelt sich die Weltwirtschaft so, wie es diese zuverlässigen Frühindikatoren andeuten, dürften im kommenden Jahr die Unternehmensgewinne wieder steigen. "Die aktuelle Berichtssaison liefert vielversprechende Hinweise.

So haben in den USA bislang 80 Prozent der Unternehmen positiv mit ihren Ergebnissen überrascht – ein außergewöhnlich hoher Wert", sagt Rolf Kazmaier von der SVA Vermögensverwaltung Stuttgart.

Auch in Europa schlagen nach seinen Worten mehr Unternehmen als üblich die Prognosen. Da sich die Umsätze ebenfalls gut entwickeln, ist es wahrscheinlich, dass sich der Trend zu höheren Gewinnen in den nächsten Quartalen beschleunigen wird.

US-Wahl trübt Stimmung

Diesen guten Aussichten steht nicht zuletzt wegen des Ausgangs der US-Präsidentenwahl derzeit eine neutrale bis trübe Stimmung der Privat-, aber auch vieler Profianleger gegenüber – und genau darin sieht Kazmaier eine Chance: "Wer in einem zyklischen Aufschwung Aktien kauft, wenn die breite Masse skeptisch ist, steigt zu relativ günstigen Kursen ein und sichert sich die Chance auf zügige Kursgewinne."

Selbst wenn die Anleger für den Aktienmarkt nicht mehr bezahlen wollten als zuvor – ausgedrückt in einem gleichbleibenden Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) –, steigen die Aktienkurse, wenn die Gewinne der Unternehmen anziehen.

"Dreht dann noch die Stimmung der Anleger und steigt auch das KGV, sind deutliche Zuwächse bei den Kursen möglich", erklärt Finanzplaner Selig.

Wachstumsimpulse aus Europa?

Doch wo am besten investieren? Die weltweit guten Aussichten sprechen generell für ein globales und gut diversifiziertes Aktiendepot, zumal dies die Schwankungen im Portfolio vermindert. Dennoch lassen sich Schwerpunkte setzen – thematisch oder geografisch.

Kazmaier sieht Europa 2017 positiv, vor allem Deutschland, denn hier sind die Einkaufsmanager-Indizes besonders vielversprechend; zudem ist der Dax relativ niedrig bewertet. Daneben erscheinen ihm die Schwellenländer attraktiv; die USA will er aber trotz höherer Bewertung nicht abschreiben.

Ob Staatsanleihen und Gold so gut laufen wie 2016? "Das ist zweifelhaft, aber eine vernünftige Vermögensstrategie sollte auf sichere Staatspapiere und Edelmetalle nicht verzichten", empfiehlt der Vermögensverwalter aus Stuttgart.

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