Ärzte Zeitung online, 31.08.2019

Geldanlage

Werden Niedrigzinsen zum Börsen-Treibstoff?

Die Europäische Zentralbank will die Zinsen noch massiver senken. Das dürfte langfristig Wasser auf die Mühlen der Aktienkurse sein.

Von Richard Haimann

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Harte Zeiten für Sparer - der Börse kann der Niedrigzins jedoch einheizen.

© Thomas Reimer / Fotolia

NEU-ISENBURG. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und CSU-Chef Markus Söder sind sich in vielen Fragen nicht einig; in einem Punkt aber ziehen sie an einem Strang: Spareinlagen von bis zu 100.000 Euro sollen vor Strafzinsen geschützt werden.

„Es ist keine gute Idee, wenn Banken Strafzinsen erheben für Guthaben“, sagt Scholz. Söder will die Strafzinsen per Gesetz verbieten lassen.

Der Grund für die Initiative der beiden Politiker: Mario Draghi, noch bis Ende Oktober Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), will die Leitzinsen in den negativen Bereich senken. Zudem sollen die Gebühren, die Banken derzeit für Direkteinlagen bei der Notenbank zahlen müssen, von aktuell minus 0,4 Prozent noch tiefer ins Minus gedrückt werden. Dies soll Banken zwingen, Kredite günstiger auszureichen, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, die am 1. November Draghis Nachfolge antritt, hat bereits angekündigt, seine Politik fortzusetzen – auch durch erneute milliardenschwere Käufe von Staatsanleihen durch die Zentralbank, womit automatisch das Geldvolumen massiv wächst. „Wir stehen am Beginn einer weiteren Welle der Geldflutung“, kommentiert Wolfgang Köbler, Vorstand der KSW Vermögensverwaltung in Nürnberg.

Zinsen treiben Preise in die Höhe

Negativzinsen sind nichts anderes als Gebühren, die Anleger zahlen müssen, wenn sie ihr Geld auf einem Konto horten. Sie sollen so dazu gebracht werden, statt zu sparen, Waren zu kaufen, um die Konjunktur anzukurbeln.

Die Idee dazu hat der 1862 geborene deutsche Finanztheoretiker Silvio Gesell während der Wirtschaftskrise der 1880er Jahre entwickelt. Sie wird in Japan von der Notenbank seit der Finanzkrise von 1990 quasi kontinuierlich eingesetzt. Die Notenbanken in Europa wenden sie seit der Finanzkrise von 2009 an. In der Schweiz hat die Zentralbank den Leitzins 2015 sogar auf minus 0,75 Prozent gesenkt und erhebt seither ebenso hohe Gebühren auf Direkteinlagen.

Für Anleger biete die Geldpolitik der EZB Vorzüge, meint Ottmar Wolf, Vorstand der Vermögensverwaltung Frankfurt Asset Management: „Hinsichtlich der Zinsen herrscht eine Planbarkeit wie selten zuvor.“ Draghi und Lagarde hätten klar gemacht, dass der Leitzins in der Eurozone weiter ins Minus gedrückt werde.

„Billiges Geld führt unweigerlich zu steigenden Aktienkursen“, sagt Wolf. Mangels Anlagealternativen würden immer mehr Profi- und Privatanleger an der Börse investieren. Zwar werde es „weiterhin Kursschwankungen geben“, so Wolf, „grundsätzlich ist der Ausblick aber positiv.“

Zwar haben die tiefen Zinsen in den vergangenen Jahren auch die Immobilienpreise in die Höhe getrieben, doch das ist nicht ohne Risiko. „Immobilienbesitzer können ihr Eigentum nicht in das Ausland verlagern“, sagt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökomie an der EBZ Business School in Bochum. „Deshalb kann die Politik durch Steuern und Gesetzesauflagen erheblichen Einfluss auf das Geschehen an den Immobilienmärkten nehmen.“

Ein Beispiel dafür ist die vom Berliner Senat geplante Deckelung der Wohnungsmieten für die kommenden fünf Jahre. Allein der Plan hat den Aktienkurs der Deutsche Wohnen in den vergangenen drei Monaten um mehr als 30 Prozent einbrechen lassen.

Zusätzliche Gebühren möglich

71 Prozent der 163.000 Wohnungen des zweitgrößten börsennotierten Wohnungskonzerns in Deutschland befinden sich in der Hauptstadt. „Anders als im Immobiliensektor kann der Staat nicht massiv mit Vorschriften oder Steuern auf Unternehmen aus anderen Branchen zugreifen, weil diese jederzeit in andere Länder ausweichen können“, sagt Vornholz.

Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, glaubt nicht, dass Banken Negativzinsen auf Spar-, Giro- und Tagesgeldkonten einführen werden. „Innerhalb bestehender Verträge wäre dies rechtlich unzulässig.“ Dennoch könnten die Geldinstitute Kunden durch „neue Gebühren“ tiefer in Tasche greifen.

Bislang sind deutsche Sparer mit der Geldpolitik der EZB jedoch nicht schlecht gefahren. Zwar gibt es seit Jahren kaum noch Zinsen auf Spareinlagen. Die Inflationsrate betrug jedoch seit 2013 im Schnitt nur 1,1 Prozent im Jahr.

Hingegen gab es 1992 auf Sparkonten zwar 3,4 Prozent Zinsen, die Teuerung lag damals jedoch bei fünf Prozent. Sparer erlitten zu jener Zeit einen Kaufkraftverlust von 1,6 Prozent im Jahr, seit 2013 waren es im Schnitt nur 1,1 Prozent.

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