Ärzte Zeitung, 27.06.2013

IGeL

Ein kommunikatives Desaster?

Woran scheitern Ärzte mit dem Anbieten individueller Gesundheitsleistungen? Forscher vermuten: Es liegt auch an der Art der Aufklärung - und fehlender Emotion. Die Experten fordern eine neue IGeL-Kultur.

Von Anno Fricke

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Lieber einrollen: Bei IGeL versagt offenbar nicht selten die Auflärung.

© blickwinkel / imago

BERLIN. Rund 40 Prozent der Menschen in Deutschland verstehen schriftliche Gesundheitsinformationen nicht, heißt es im EU-HealthLiteracy-Survey.

Ein Fünftel der dafür befragten Menschen hat demnach von sich selbst den Eindruck, dass es ihnen schwer fällt, medizinische Informationen zu verstehen, die sie von ihren Ärzten erhalten.

60 bis 65 Prozent der Menschen in Deutschland seien zudem ihre Rechte als Patienten nicht bekannt, sagt der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Wolfgang Zöller (CSU).

Eine veränderte Beratungskultur beim Anbieten individueller Gesundheitsleistungen (IGeL) haben Wissenschaftler und Verbraucherschützer deshalb am Dienstag in Berlin gefordert.

"Wir brauchen keine rein rationalen Aufklärungsgespräche, sondern Beratungsgespräche. Wir müssen von der Informationsqualität zu einer Interaktionsqualität kommen", sagte der Medizinwissenschaftler Professor Michael Ewers, Charité, beim Kongress "IGeL - welche Informationen brauchen Patienten", der vom Verbraucherministerium (BMELV) ausgerichtet wurde.

Die Vorstellungen, man könne Patienten rational über IGeL aufklären, habe mit der Praxisrealität nichts zu tun. Das Arzt-Patienten-Verhältnis enthalte dafür zu viele Emotionen.

Oft fehlt der Behandlungvertrag

Die Ansprüche an die Ärzte trügen Züge des Absurden, konterte Ärztepräsident Professor Frank Ulrich Montgomery. "Der Arzt kann nicht immer altruistisch sein", sagte Montgomery.

Man müsse in diesem Punkt mit den Folgen des Wettbewerbs leben. Gleichwohl müsse mit Kollegen, die missbräuchlich mit Selbstzahlerleistungen umgingen, eine klare Sprache gesprochen werden.

Ein häufiger Fehler von Ärzten beim Umgang mit IGeL sei unstreitig: Etwa in der Hälfte der Fälle werde kein schriftlicher Behandlungsvertrag geschlossen. Das berge die Gefahr, dass Ärzte auf der Rechnung sitzen blieben. Der Patient müsse dann nicht bezahlen.

Eine Untersuchung des Berliner IGES-Instituts im Auftrag des BMELV habe gezeigt, dass gesetzlich Versicherte zunehmend IGeL angeboten, sie aber nur oberflächlich darüber informiert würden, sagte Mareike Laschat von IGES.

Über die Menge der daraus resultierenden Beschwerden gehen die Meinungen auseinander. Im Büro des Patientenbeauftragten spielten die Beschwerden über Verkaufsdruck in den Arztpraxen kaum noch eine Rolle, sagte Wolfgang Zöller.

Dr. Peter Pick, Geschäftsführer Medizinischer Dienst des GKV-Spitzenverbandes, hielt dagegen. "Das sind keine Einzelfälle, der Umgang mit IGeL muss sich ändern." Pick sprach sich nicht generell gegen IGeL aus, plädierte aber für mehr und bessere Studien, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

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