Ärzte Zeitung, 04.10.2016

Web-Foren

Jeder siebte Patient sucht Rat von Leidensgenossen

Das Internet macht es Patienten einfach, sich mit Menschen auf der ganzen Welt auszutauschen, die an der gleichen Krankheit leiden. Nicht selten führt das aber auch dazu, dass Ärzte gegen Fehlinformation und Verunsicherung arbeiten müssen.

Von Marco Hübner

Jeder siebte Patient sucht Rat von Leidensgenossen

Vor allem ältere Menschen sind in Gesundheits-Foren im Internet unterwegs.

© AmmentorpDK / Getty Images / iStockphoto

BERLIN. "Habe ich eine ernste Erkrankung?" oder "Habt ihr Tipps, wie es mit dem Insulin spritzen besser klappt?": Internetforen, in denen sich Patienten untereinander über Gesundheitsthemen austauschen können, sind beliebt.

Viele fühlen sich durch die direkte Kommunikation mit Leidensgenossen vor allem weniger allein mit ihren Erkrankungen. Wichtig sind solche Foren besonders für Patienten ab 65 Jahren.

Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen deutschlandweiten Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter Internetnutzern. An der repräsentativen Befragung haben dem Verband zufolge 783 Nutzer teilgenommen.

Jeder siebte Internetnutzer (14 Prozent) hat sich laut Studie schon einmal in Foren oder Blogs mit anderen über Krankheiten ausgetauscht, sechs Prozent sogar mehrfach oder häufig. Der Anteil reiner Leser dürfte allerdings weitaus höher liegen, geben die Forscher zu bedenken.

Ob Diabetes, Krebs oder Depression – inzwischen gibt es zu beinahe jeder Krankheit einschlägige Foren oder Blogs im Internet, auf denen Betroffene oftmals anonym ihre Erfahrungen miteinander teilen und sich Empfehlungen geben können.

Eine Suche im Netz nach Symptomen oder der Krankheit selbst führt so sehr häufig auch zu Beiträgen auf solchen Plattformen.

Senioren nutzen Foren

Für Anwender zählt offenbar vor allem die soziale Komponente. So sagt jeder zweite unter den befragten Nutzern von Gesundheits-Foren beziehungsweise –Blogs (54 Prozent): "Durch den Austausch mit anderen Nutzern fühle ich mich weniger allein mit meinen gesundheitlichen Problemen."

Fast jeder Dritte (31 Prozent) gab an, durch den Austausch mit anderen schon wertvolle Gesundheitstipps bekommen zu haben.

Spannend ist, dass der Austausch auf solchen Plattformen – den Umfrageergebnissen nach zu urteilen – insbesondere für reife Menschen wichtig ist, für die das Medium und deren Anwendungsmöglichkeiten nicht selten Neuland ist.

Von den Internetnutzern ab 65 Jahren, die an der Befragung teilgenommen haben, sagten rund 26 Prozent, dass sie sich schon einmal in Foren oder Blogs mit anderen ausgetauscht haben, bei den 50- bis 64-Jährigen sind es hingegen 14 Prozent, bei den 30- bis 49-Jährigen 13 Prozent und bei den 14- bis 29-Jährigen 14 Prozent.

Zudem konsultieren Frauen mit etwa 17 Prozent tendenziell häufiger entsprechende Angebote im Internet als Männer mit elf Prozent.

Eine Alternative zum Arztbesuch seien die Foren und Blogs nach Ansicht der Forscher nicht – eher eine Ergänzung, die soziale Bedürfnisse der medizinischen Laien befriedigen könnte.

"Gerade bei seltenen Erkrankungen oder ausbleibendem Behandlungserfolg ist das Internet eine ideale Möglichkeit, um Leidensgenossen zu finden", heißt es in einer Mitteilung von Bitkom. Das legt nahe, das Blogs und Foren als virtuelles Wartezimmer vor und nach Arztbesuchen verstanden werden können.

Gesunde Skepsis nötig

Wer Gesundheits-Foren und -Blogs nutze, soll den Experten zufolge jedoch nicht an kritischer Distanz sparen. So sollten Patienten beispielsweise nicht aufgrund von Empfehlungen in einem Forum eigenmächtig Therapieänderungen vornehmen, also etwa vom Arzt verordnete Medikamente absetzen.

Skepsis sei auch angebracht, wenn User offensiv ein bestimmtes Arzneimittel bewerben. Teils steckten Unternehmen dahinter, die eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen, warnen die Studienautoren.

Vor allem sollten sich die Nutzer nicht gegenseitig in Panik versetzen, etwa aufgrund von Mutmaßungen zu einzelnen Krankheitssymptomen. Laut der Bitkom-Befragung erklärte jeder fünfte Nutzer von Gesundheits-Foren und -Blogs (20 Prozent): "Der Austausch mit anderen Nutzern führt dazu, dass ich mir mehr Sorgen über meinen gesundheitlichen Zustand mache als zuvor."

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