Ärzte Zeitung online, 27.03.2018

Vorteil Niederlassung

Eigene Praxis und eigene Familie - das passt perfekt!

Viele junge Ärzte wollen keine eigene Praxis führen, sondern sich anstellen lassen, um Zeit für eine eigene Familie zu haben. Dabei gibt es viele Gründe, warum eine Niederlassung die beste Work-Life-Balance bringt.

Von Julika Sandt

Eigene Praxis und eigene Familie - das passt perfekt!

Wer sein eigener Chef ist, hat die Freiheit, sich um seine Kinder zu kümmern, wann und wie es ihm passt.

© Konstantin Yuganov / stock.adobe.com

Der Trend zur Anstellung ist ungebrochen: Zwischen 2006 und 2016 hat sich die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich von 9057 auf 32.348 mehr als verdreifacht.

Aber lassen sich Familie und Beruf im Angestelltenverhältnis wirklich besser vereinbaren als in der Selbstständigkeit?

Sicher: Während der Mutterschutz für angestellte Ärztinnen geregelt ist, brauchen niedergelassene Kolleginnen für die Zeiten rund um die Geburt eine verlässliche Vertretung oder einen Praxis-Partner.

Auch wenn ein Kind krank wird, muss ein Plan B in der Praxis oder im Kinderzimmer sofort funktionieren. Andererseits: Wer sein eigener Chef ist, hat die Freiheit, seine Praxis-Öffnungsphasen und Urlaubszeiten zu bestimmen. Es ist zudem möglich, eine halbe Zulassung zu erwerben, also eine Praxis in Teilzeit zu betreiben.

"Ob in Teil- oder Vollzeit, die Praxis muss vollständig eingerichtet sein, und die Risiken hängen mit der Höhe des Investitionsvolumens zusammen", gibt Stefan Seyler, Direktor der apoBank Filiale München zu bedenken.

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"Allerdings gibt es hier zwei Möglichkeiten, auch einen größeren Patientenstamm zu versorgen: entweder durch die Teilung einer Zulassung mit einem Partner oder durch die Anstellung eines Arztes."

Die Entscheidung für eine Einzelpraxis oder für eine Kooperation – zum Beispiel in einer Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) – sollte ein Arzt laut Seyler individuell treffen.

"Für Kooperationen sprechen eine höhere Flexibilität in puncto Arbeitszeitgestaltung, der fachliche Austausch und die mögliche Kosteneinsparung, was aber auch Team- und Kompromissfähigkeit voraussetzt."

Seyler resümiert: "Fest steht, dass im Vergleich zur Teilzeit-Anstellung eine Praxisführung in Teilzeit auf jeden Fall mehr Gestaltungsspielraum und selbstbestimmtes Handeln bietet."

KBV: Zeit lässt sich freier einteilen

Auch Roland Stahl, Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), hält die Niederlassung für eine sehr gute Voraussetzung, um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren: "Anders als in der Klinik kann die freiberuflich tätige Ärztin – genauso natürlich wie der ärztliche Kollege – als Selbstständige in eigener Praxis ihre Zeit freier einteilen. Das gilt auch als angestellte Ärztin. Entscheidend sind hier die Absprachen im Team sowie die Organisation der Praxis."

Allerdings könnten mit der neuen großen Koalition die Freiheiten, die Niedergelassene in ihrer Zeiteinteilung haben, demnächst etwas beschnitten werden: Laut Koalitionsvertrag planen Union und SPD, das Mindest-Sprechstundenangebot für gesetzlich Versicherte auf 25 Stunden auszudehnen.

Stahl kritisiert, die Politik greife hiermit in den Bundesmantelvertrag von KBV und GKV-Spitzenverband ein, der ein Volumen von 20 Stunden verbindlich vorsieht.

"Diese fünf Stunden Mehr muss der Arzt irgendwo herholen und andere Tätigkeiten einschränken. Am besten wäre es natürlich, die Politik würde uns dabei unterstützen, den Bürokratieaufwand in den Praxen zu reduzieren."

Doch wie organisiert man sich als Familien- und Praxisgründer am besten? Brigitte Abrell, Coach und Autorin des Buches "Führen in Teilzeit" rät Ärztinnen und Ärzten, die sich trotz Familienwunsch selbstständig machen, sich auf ihre Kernaufgaben zu konzentrieren und möglichst viele der anderen Tätigkeiten auf Helfer zu übertragen.

"Gerade Freiberufler haben zudem gute Möglichkeiten, flexibel zu arbeiten und ihre Arbeitszeit selbst zu bestimmen. Das ermöglicht es ihnen vielleicht an bestimmten Tagen, ihr Kind pünktlich vom Kindergarten abzuholen, den Nachmittag mit ihm zu verbringen und Verwaltungsaufgaben am PC zu erledigen, wenn das Kind im Bett liegt", erklärt Abrell.

Beste Work-Life-Balance

Dass der Weg der Niederlassung die beste Option für Work-Life-Balance ist, betätigt auch Michael Schwarz, Präsident des Verbandes Freier Berufe (vfb) Bayern.

Er führt seine Zahnarztpraxis seit 35 Jahren in einer 30-Stunden-Woche und hat gemeinsam mit seiner berufstätigen Frau zwei Kinder groß gezogen.

"In eigener Praxis bringe ich das Wohl meiner Patienten und den Anspruch an ein selbstbestimmtes Familienleben leichter zur Deckung als unter arbeitsrechtlich geregelter Beschäftigung in einem fremdgesteuerten Unternehmen", sagt Schwarz sehr deutlich.

Im Trend zum angestellten Arzt sieht der Präsident des vfb Bayern eine Gefahr für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient: "Wenn die Versorgungseinheiten größer werden, möglicherweise doch irgendwann Fremdkapital an Einfluss gewinnt, der Mensch in den Hintergrund treten muss und das wirtschaftliche Unternehmensergebnis in den Mittelpunkt rückt, spätestens dann wird es schwierig für die Werte, die Ethik des Freien Berufs."

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[29.03.2018, 21:34:07]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Eigene Praxis und eigene Familie - Nichts für Weicheier, Warmduscher und Dummschwätzer!
Viele unbedarfte Zeitgenossen aus Kassenärztlichen Vereinigungen, Ärztekammern, Krankenversicherungen, "Gesundheits"-Politik, Medien, Gesellschaft, Banken, Medizin-, Klinik- und EDV-Industrie meinen, die Kernkompetenz von uns niedergelassenen Haus-, Familien- und FachärztInnen in Deutschland nicht nur beurteilen, sondern auch kommentieren zu dürfen.

Dem ist nicht so! Dafür sind unsere Arbeitsleistungen viel zu komplex, schwierig, differenziert und anspruchsvoll. Und unsere bio-psycho-sozialen, reproduktiven, familiär-gesellschaftlich-kommunikativen Kompetenzen, Herausforderungen und möglichen Niederlagen in unserer "work-life-balance" ebenso!

Es ist manchmal zum aus der Haut fahren, wie blutige männliche und weibliche Laien sich über vertragsärztliche Gegebenheiten, beruflich-private Logistik, Emotionalität, Praxis-Organisation, Unternehmensführung und -Kultur, aber auch Spiritualität und Reflexionsfähigkeit nicht mal ansatzweise informieren bzw. gleichzeitig herumschwadronieren wollen.

Wir GKV-Vertragsärztinnen und -Ärzte sind als Haus-, Familien- und Fachärzte eben nicht die Spezialisten für "Befindlichkeitsstörungen" am Starnberger See, in München-Innenstadt, am Stuttgarter Speckgürtel, in Bad Homburg bei Frankfurt/Main, an der Düsseldorfer "Kö", am Potsdamer Seeufer, im Berliner Grunewald, in Hamburg-Blankenese, auf Sylt oder anderswo. Die Neuen Bundesländer lasse ich hier bewusst weg, denn dort arbeiten nahezu alle GKV-Vertragsärzte permanent an ihren Kapazitätsgrenzen.

Es muss doch endlich in die Hirne der überwiegend privat versicherten, privilegierten Meinungs-Bildner und -Macher, Trendforscher, Politfunktionäre oder Mehrheitsbeschaffer gehen, dass eine Mindestzahl der Sprechstunden für Kassenpatienten von 20 Stunden pro Woche zumindest im haus- und familienärztlichen Bereich (Allgemeinmedizin, hausärztliche Internisten, Pädiater, Gynäkologen) reine Fiktion ist: Die normative Kraft des Faktischen bedingt wesentlich höhere Inanspruchnahmen von 25 Stunden und weitaus mehr, insbesondere in aktuellen Zeiten von Influenza-Häufung und massenweisen Atemwegserkrankungen zusätzlich zur Basisversorgung bei allen Organ-, Psycho- und Systemkrankheiten.

Eine in diesem Zusammenhang staatlich geforderte Verpflichtung, statt 20 nunmehr 25 Sprech-Stunden pro Woche für unsere GKV-Patientinnen und -Patienten vorzuhalten, geht zumindest für meine Berufsgruppe der Haus- und Familien-Mediziner einschl. der Kinderärzte und hausärztlichen Internisten an den vertragsärztlichen Realität meilenweit vorbei und demotiviert zugleich. Dazu gibt es auch bisher keine entsprechende Bundes- und Landesgesetzgebung, wohingegen beim Lehrerberuf, in der Exekutive und Judikative selbst kleinste Details von Beruf und Freizeit hoheitlich geregelt sind.

Die oft aufgehetzte Kommunikation über ärztliche Arbeitszeiten in Politik, Medien, Öffentlichkeit und Sozialversicherungs-Bürokratie spricht Bände. Am heftigsten gegen GKV-Vertragsärztinnen und -Vertragsärzte polemisieren Funktionäre, weltfremde Banker, Berater und "Experten", die nicht ein einziges Mal hinter den Anmeldetresen geschaut, Mitarbeiter/-innen oder Familienangehörige befragt oder bei ihrem "Hausarzt" hospitiert haben.

Zugleich wird aber über "die Leichtigkeit des Seins" in der freiberuflichen Niederlassung konfabuliert, von "freier Zeiteinteilung" geschwärmt und die großartige Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Karriere und Freizeit als Vision projiziert.

Bei 20-25 Wochen-Stunden reiner Sprechstunden-Zeit kommen hinzu:

1. Fahrt-/Rüstzeiten, wie bei jedem Handwerksbetrieb, Logistik 5h
2. EDV-Einrichtung, Verwaltung, Datenpflege, Abrechnung 5h
3. Fort- und Weiterbildung, Fachliteratur, Recherchen 5h
4. Fahrtzeiten Haus-/Heim-/Palliativ-Besuche, Verweilen 5h
5. Meist Medizin-ferne Anfragen/Gutachten/Bescheinigung 5h

So kommt man bei einer reinen GKV-Sprechstunden-Zeit von 20 Stunden auf die empirisch bereits mehrfach belegte durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 45 Stunden plus weitere 10 Stunden für zusätzliche, rein privatärztliche Tätigkeit bei den in der ambulanten Krankenversorgung tätigen Vertragsärzten.

Von 20 auf 25 Wochenstunden zu erhöhen, ist eine Steigerung um 25 Prozent: Damit läge die GKV-Wochenarbeitszeit bei gut 56 Stunden plus 10 Stunden privatärztliche Tätigkeit.

Wie soll denn da: "Vorteil Niederlassung/Eigene Praxis und eigene Familie - das passt perfekt!" wirklich funktionieren können?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (Donnerstag von 11-20 Uhr reguläre Sprechstunde) zum Beitrag »
[27.03.2018, 16:33:49]
Dr. Wolfram Hartmann 
Nur die halbe Wahrheit
Unsere jungen Kolleginnen und Kollegen scheuen zum einen den zunehmenden Bürokratieaufwand in der Praxis, der leider trotz vieler Versprechungen nicht ab-, sondern zugenommen hat. Das jüngste Beispiel ist der Datenschutzbeauftragte.
Unsere jungen Kolleginnen und Kollegen wollen in erster Linie ärztlich tätig sein, Zeit für ihre Patienten haben und übernehmen ungern unternehmerische Verantwortung. Das ist nicht nur in der Medizin so, auch im Handwerk und in der freien Wirtschaft.
Zudem haben viele unserer Kolleginnen und Kollegen ebenfalls hervorragend qualifizierte Partner und müssen daher beruflich flexibel bleiben, denn Ortswechsel gehören gerade in Berufen mit hoher Qualifikation zum Alltag.
In der Kinder- und Jugendmedizin hat sich daher in den letzten 10 Jahren die Zahl der im ambulanten Versorgungsbereich angestellten Ärztinnen und Ärzte nahezu vervierfacht.  zum Beitrag »

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