Ärzte Zeitung online, 22.08.2018

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Meine Famulatur im Nordirak

Sechs Wochen im Nordirak: Medizinstudent Hekim Colpan zog es für seine Famulatur an einen vom Islamischen Staat dominierten Kriegsschauplatz. Im Blog erzählt er, was er dort erlebt hat.

Meine Famulatur im Nordirak

Medizinstudent Hekim Colpan scheut sich nicht, in Kriegsgebieten Erfahrungen als Arzt zu sammeln.

© Elena Otto Photgraphy

Im Juli 2017 hatte ich gerade mein sechstes Semester Humanmedizin beendet und war bereit, meine erste Krankenhausfamulatur abzuleisten. Dafür ausgesucht hatte ich mir den Irak.

Zur Person

Hekim Colpan ist 28 Jahre alt und studiert Medizin in Hannover. Nach einer Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten arbeitete er zunächst fünf Jahre im Bereich soziale Sicherung mit Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten. Sein Abitur holte er nebenbei an einem Abendgymnasium nach. Er ist nun im vierten Studienjahr.

Den Nordirak, um genau zu sein, und zwar das dortige Kurdengebiet - ein in den letzten Jahren vom sogenannten Islamischen Staat (IS) dominierter Kriegsschauplatz.

Ja, Ihr lest richtig. Aufgrund meines eigenen kurdischen Hintergrunds hinderten mich weder Sprache noch Kultur daran. Einzig die Sorgen meiner Familie ließen mich kurz zögern.

Die richtige Entscheidung

Doch der Wille, mir ein persönliches Bild der Lage, der medizinischen Versorgung und des Landes zu machen, überwogen einfach. Es war die richtige Entscheidung.

Relativ kurzfristig entschloss ich mich, loszureisen — gegen den Rat meiner Familie. Die autonomen Kurden im Norden hatten zwar seit Beginn des Krieges in 2014 den IS erfolgreich zurückgedrängt, jedoch gibt es bis heute immer wieder Anschläge.

Bei meiner Ankunft Mitte Juli 2017 in Erbil, der Hauptstadt der Kurdenregion, fiel mir sofort die massenhafte Militärpräsenz auf.

Der ansonsten lediglich zivil genutzte Flughafen in Erbil war von US-amerikanischen Kampfflugzeugen nur so übersät. Kurdisches Militär, die Peschmerga, demonstrierten Stärke durch zahlreiche Militärfahrzeuge.

Misstrauisches Militär

Die erste Fahrt durch die Straßen Iraks mit dem Taxi wurde minütlich durch Kontrollpunkte unterbrochen. Und überall die selben Fragen: "Woher kommen Sie?", "Was machen Sie hier?", "Wohin möchten Sie?".

Man ist gut beraten, sich vorher um einen Schlafplatz zu kümmern, um Buchungen im Hotel oder Einladungen von Familien schriftlich auf Verlangen nachweisen zu können. Die Erfahrungen der letzten Jahre und der schnelle Aufstieg des IS haben die Menschen im Irak, insbesondere das Militär, misstrauisch werden lassen.

Immer wieder sind in der Vergangenheit auch Menschen aus dem Ausland, oftmals aus dem Westen, in den Irak oder nach Syrien gereist, um sich dem IS anzuschließen.

Zunächst blieb ich einige Tage in Erbil, einer wunderschönen Stadt, die unter anderem die älteste bewohnte Zitadelle der Welt im Zentrum der Altstadt vorweisen kann. Danach reiste ich weiter in den Westen.

Mein nächstes Ziel war Zaxo, eine Stadt nahe der türkischen Grenze. In Zaxo hatte ich meine erste Begegnung mit den lokalen Ärzten. Ein Nephrologe verwies mich für eine Famulatur an das städtische Krankenhaus in Duhok.

In der Nephrologie würden sie sicher Praktikanten benötigen und ich hätte dort eine Chance auf eine günstige Unterkunft, ein relativ sicheres Umfeld und besondere medizinische Einblicke.

Der erste Kontakt mit dem Nephrologen entstand zwar durch in Deutschland lebende Bekannte meiner Familie entstanden. Vor Ort war ich dann aber auf mich und meine Überredungskünste angewiesen, um einen Praktikumsplatz zu erhalten.

Und tatsächlich, ein Anruf aus Zaxo genügte, um in der Stadt Duhok einen Platz im Krankenhaus für die nächsten Wochen zu erhalten.

Es ging mir nicht nur um eine Famulatur

Mir ging es bei meiner Reise nicht ausschließlich um eine Famulatur – ich hätte mir auch gut vorstellen können, Hilfsdienste in einigen der vielen Flüchtlingscamps nahe der türkischen Grenze zu verrichten, wenn das nicht geklappt hätte.

Lediglich um eine Unterkunft musste ich mich selbst kümmern. Günstige Wohnmöglichkeiten gibt es haufenweise. Überall im Nordirak stehen ganze Häuserreihen leer, da die Menschen seit 2014 kontinuierlich auf der Flucht in Richtung Westen sind.

Das Azadi Krankenhaus in Duhok, einer 1,1 Millionen-Einwohner-Stadt, ist dort das einzige staatliche Krankenhaus. Darüber hinaus gibt es überall im Irak private Krankenhäuser. Selbst für eine Behandlung, Blutprobe, Aufenthalt im staatlichen Krankenhaus fallen Privatgebühren an.

Eine Krankenversicherung gibt es nicht, noch nicht einmal, wenn man privat einzahlen wollte. Noch nie war mir die Schere zwischen arm und reich so dermaßen stark gewusst. In Duhok starben Menschen, weil sie sich die Behandlung einer Infektion nicht leisten konnten.

Ich arbeitete überwiegend auf der nephrologischen Station, denn zu den großen Volkskrankheiten im Irak gehören Diabetes und Bluthochdruck. Aufgrund der Nichtbehandlung ihrer Krankheiten erleben die Menschen oftmals sekundär eine Niereninsuffizienz.

Medikamentöse Abhängigkeit, Dialyseeinheiten und Transplantationen innerhalb der Familie sind die regelmäßige Folge, da selbst die Insuffizienz erst spät erkannt und behandelt wird. Die Todesrate ist unglaublich hoch.

Selten weniger als zwölf Stunden gearbeitet

Es gab viel zu tun. Im Irak ist es ganz normal, dass Ärzte vormittags im staatlichen Krankenhaus arbeiten und nachmittags in die privaten Kliniken wechseln, da sie zusätzlich dort angestellt sind.

Wir hatten kaum Tage, an denen wir unter zwölf Stunden gearbeitet haben.Nach etwas mehr als vier Wochen in der Nephrologie, der Ambulanz und im Blutlabor war mein Einsatz geschafft und ich hatte noch etwas Zeit, das Land zu bereisen.

Da Duhok nur 50 Kilometer nördlich von Mossul liegt, war eine Reise in den Süden nicht möglich. Zu der Zeit hatte sich der IS nur noch in Mossul behaupten und verschanzen können. Ich reiste somit in den Osten in Richtung Iran. Städte wie Kirkuk und Sulaymaniyah waren meine nächsten Reiseziele.

Auf dem Weg lagen etliche Flüchtlingscamps, einige konnte ich besuchen und den Ärzten vor Ort zur Hand gehen. Das funktioniert relativ einfach: Man kommt an und fragt ob, Hilfe benötigt wird.

Es wird immerzu bejaht, ganz gleich, ob man selbst Mediziner ist oder nicht. Tausende von Menschen, die bei 40 Grad Außentemperatur im Sommer und bei bis zu Minus 10 Grad im Winter in Zelten der Unesco hausen, nehmen jede Hilfe an.

Camp mit 80.000 Menschen

Zumal keine Dauerlösung in Sicht ist. Diese Menschen leben bis heute, vier Jahre nach dem Einmarsch des IS, in diesen Zelten. Eins der größten Camps, nahe Kirkuk, überwiegend von Syrern bewohnt, war mit circa 80.000 Menschen auch das Camp mit der schlechtesten medizinischen Versorgung, das ich auf meiner Reise gesehen habe.

Ein Ärzteteam aus den benachbarten Städten kam unregelmäßig und ehrenamtlich. Außerdem konnte ich pflegerische Tätigkeiten übernehmen, die häufigste Erkrankungen hier waren Kriegsverletzungen und die späten Folgen, häufig infizierte Wunden.

Mit dem deutschen Reisepass darf man bis zu vier Wochen ohne Visum im Irak bleiben, die Ein- und Ausreise ist einfach.

Ich bin mit dem Bus nach knapp vier Wochen über die türkische Grenze gefahren und wieder zurück in den Irak, somit hatte ich ein erneutes Visum von vier Wochen, das ich aber gar nicht mehr ganz genutzt habe. Insgesamt habe ich mich sechs Wochen im Irak aufgehalten.

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