Ärzte Zeitung, 20.12.2012

Zukunftsbranche Gesundheit

Tausche Warteliste gegen mehr Menge

Schaut man über die Grenze, wäre dort manch einer froh, das deutsche Problem steigender Fallzahlen in Kliniken zu haben.

Von Uwe K. Preusker

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Es liest sich wie im Lehrbuch der Ökonomie: Wenn der Preis nicht steigen kann, optimieren die Unternehmen ihren Umsatz über mehr Menge!

Genau das ist es, was Krankenkassen den Kliniken derzeit mehr oder weniger pauschal vorwerfen. Schaut man über die Grenze, wäre manch einer froh, dieses deutsche Problem zu haben!

Gesundheitspolitiker in Nordeuropa haben viel versucht, um des Problems Herr zu werden: Mit Behandlungsgarantien und Obergrenzen für zulässige Wartezeiten, mit der Ermöglichung einer Behandlung im Ausland - und auch mit mehr Geld.

Dennoch: In allen nordeuropäischen Gesundheitssystemen sind die Kapazitäten in der gesundheitlichen Versorgung nach wie vor knapp.

Wartelisten gibt es weiterhin

Die Wartelisten sind zwar kürzer geworden, doch nicht verschwunden, und die Klagen über problematische Versorgungssituationen tauchen immer wieder auf.

Mit dem Inkrafttreten der EU-Direktive zur grenzüberschreitenden Behandlung innerhalb der Europäischen Union befürchtet so mancher, dass es größere Patientenströme geben könnte, die sich in Richtung Mitteleuropa bewegen werden.

Zumindest an der deutsch-dänischen ebenso wie an der deutsch-niederländischen Grenze sind solche Patientenbewegungen in Richtung Deutschland ja mittlerweile bekannt.

Die deutsche Krankenhauspolitik bewegt dagegen aktuell eher das gegenteilige Problem: Die Fallzahlen steigen von Jahr zu Jahr - die Kassen-Seite spricht mittlerweile offen von angebotsinduzierter Nachfrage.

Die Krankenhaus-Seite dagegen verteidigt sich mit dem Hinweis auf eine durch die immer älter werdende Bevölkerung und die medizinisch-technische Entwicklung bedingte Zunahme der stationären Fälle.

Außerdem weisen die Kliniken darauf hin, dass ein Teil des Problems in der Konstruktion des deutschen Fallpauschalensystems steckt: Steigt die Fallzahl in einem Bundesland an, wird der Basisfallwert - also der Standardpreis von Krankenhausleistungen - für das Folgejahr entsprechend gekürzt, so dass alle Kliniken die Folgen spüren. Zusätzlich werden nicht vereinbarte Fallzahlerhöhungen mit erheblichen Abschlägen abgerechnet.

Angebotsgesteuerte Nachfrage?

Die Politik hat nun der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem GKV-Spitzenverband aufgegeben, die Ursachen der Fallzahl-Zunahme durch ein gemeinsam in Auftrag zu gebendes Gutachten wissenschaftlich zu klären und darauf aufbauend einen gemeinsamen Vorschlag für ein neues Modell des Umgangs mit den wachsenden Fallzahlen vorzulegen.

Doch derzeit sieht es nicht so aus, dass beide Seiten sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen könnten. Politisch könnte das Ergebnis sein, dass in dieser Legislaturperiode nichts geschieht - es dürfte also bei der gegenwärtigen Situation bleiben.

Vielleicht ist das ja auch gut so - vorausgesetzt, der von den Gesundheitspolitikern in Nordeuropa befürchtete Strom von Patienten nach Deutschland setzt tatsächlich ein.

Dann könnten die deutschen Kliniken ihre Kapazitäten für die Behandlung von EU-Patienten nutzen, ohne dass dafür die deutschen Krankenkassen zur Kasse gebeten würden. Statt dessen müssten die nordeuropäischen Gesundheitssysteme wachsende Summen an deutsche Kliniken überweisen.

Wahrscheinlich würden dann die Nordeuropäer bald beginnen, sich Gedanken über ständig steigende Fallzahlen in deutschen Kliniken zu machen, während in Deutschland erste Befürchtungen über wachsende Wartelisten auftauchen würden!

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