Ärzte Zeitung online, 12.12.2017

Spendierhosen an

Jeder Vierte würde Klinik-Obolus berappen

Viele kommunale Kliniken sind vom wirtschaftlichen Aus bedroht. Obwohl sie in der Bevölkerung keine hohe Priorität bei der Auswahl für einen medizinischen Eingriff genießen, würde ein Viertel der Deutschen eine Klinik in Schieflage finanziell unterstützen.

Von Matthias Wallenfels

Jeder Vierte würde Klinik-Obolus berappen

Damit es für ihre bankrotte Klinik vor Ort weiter geht, würden viele Bürger Geld beisteuern.

© bluedesign / stock.adobe.com

DÜSSELDORF. Nur knapp vier von zehn Patienten wären bereit, mehr als 50 Kilometer zu fahren, um sich in einer Klinik einem medizinischen Eingriff zu unterziehen. 32 Prozent würden 30 bis 50 Kilometer in Kauf nahmen, 22 Prozent bis zu 30 Kilometer, fünf Prozent würden in das nächstgelegene Krankenhaus gehen. Das ergibt eine bevölkerungsrepräsentative Befragung der Strategieberatung PwC, die am Montag veröffentlicht wurde. "Wie weit würden Sie fahren, um ein Krankenhaus zu besuchen, das Ihren persönlichen Anforderungen an die Qualität des Hauses entspricht?", lautete die konkrete Fragestellung.

Diese mit fünf Prozent gering ausgeprägte Bereitschaft zur Inanspruchnahme des lokalen, meist kommunalen Krankenhauses korreliert mit der oft klammen Finanzsituation der betreffenden Häuser. So hatte Professor Boris Augurzky, beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit, beim diesjährigen Hauptstadtkongress betont, neun Prozent der Kliniken hätten 2015 im "roten Bereich" mit erhöhter Insolvenzgefahr gelegen.

Jeder zweite Senior finanziell zu klamm

Das ginge aus dem aktuellen Krankenhaus-Ratingreport hervor, den das RWI und das Institute for Healthcare Business GmbH erstellt haben. Es gebe zu viele kleine Einrichtungen, eine zu hohe Krankenhausdichte und zu wenig Spezialisierung, so Augurzky weiter.

Nach eigener Aussage wären 18 Prozent der Bevölkerung bereit, einmalig bis zu zehn Prozent ihres monatlichen Nettoeinkommens für den erhalt der kommunalen Klinik zu spenden, wenn diesem aufgrund seiner schlechten wirtschaftlichen Lage die Schließung drohen würde, sieben Prozent gingen sogar über diese Messlatte hinaus. Das hat indes nichts – wie der Veröffentlichungstermin der Studie suggerieren könnte – mit weihnachtlicher Vorfreude und entsprechender finanzieller Ausgabebereitschaft für Geschenke zu tun. Die Erhebung fand bereits im Mai dieses Jahres statt.

Grundsätzlich nicht bereit für eine freiwillige Spende an die Klinik erklärten sich 40 Prozent der Befragten – bei den Senioren über 65 Jahre sind es 50 Prozent. 35 Prozent der Bevölkerung gibt an, sich eine solche finanzielle Samariteraktion schlicht nicht leisten zu können – hier führen wiederum die Senioren mit 38 Prozent.

Unikliniken bei Qualität gefragt

Generell scheint es sich beim Erhalt eines kommunalen Krankenhauses in wirtschaftlicher Schieflage eher um eine emotionale denn eine qualitätsorientierte Angelegenheit zu handeln. Diese sind Häuser sind zwar Teil der regionalen medizinischen Versorgung, die höchsten Qualitätsstandards erwarten dort – wie auch bei den Häusern in konfessioneller Trägerschaft aber – nur fünf Prozent der Befragten. 19 Prozent sehen die Qualitätsführerschaft bei privaten Krankenhäusern, 64 Prozent nehmen die Unikliniken bei den höchsten Qualitätsstandards in die Pflicht.

Bei der Klinikwahl ist im Falle eines einfachen Eingriffs für 61 Prozent ein hohes Maß an Sauberkeit und Hygiene das Top-Kriterium, auf Rang fünf rangiert die Hausarztempfehlung mit 29 Prozent. Bei schweren medizinischen Sachverhalten sowie bei chronischen Erkrankungen ist für die Deutschen mit 71 Prozent bzw. 62 Prozent bei der Klinikwahl das Vorhandensein eines großen Teams von Top-Ärzten und Spezialisten führendes Auswahlkriterium – in beiden Fällen kommt die Hausarztempfehlung (je 31Prozent) auf Platz vier.

62,7 Prozent der Befragten gaben an, eine im Krankenhaus erhaltene Diagnose noch einmal mit ihrem Hausarzt zu besprechen. 86 Prozent von ihnen – Mehrfachnennungen waren möglich – verfahren so, weil sie die Meinung ihres "Arztes des Vertrauens" wichtig ist. Jeweils elf Prozent gaben an, dass sie Klinikärzten nicht vertrauten bzw. dass diese die Diagnose nicht so gut erklären könnten wie der Hausarzt.

Nahezu paradox mutet es an, dass immerhin 73 Prozent der Umfrageteilnehmer angeben, dass sie "ihrem" Krankenhaus vertrauen – 20 Prozent von ihnen haben sogar vollstes Vertrauen. Bedenken oder Ängste äußern nur sechs Prozent. Ebenso ist mit 63 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass im nächstgelegenen Krankenhaus das Wohl des Patienten stärker zählt als wirtschaftliche Überlegungen.

Der Katholische Krankenhausverband Deutschlands (kkvd) reagierte am Montag umgehend auf die Studie. "Die Krankenhäuser sind wichtiger Bestandteil der regionalen Infrastruktur", betonte kkvd-Geschäftsführung, Bernadette Rümmelin.

Zukunftssicherung mit Top-Ärzten?

Sie verbindet die dargelegte Wertschätzung der medizinischen Versorgung auch auf kommunaler Ebene mit einem gesundheitspolitischen Appell: "Im Rahmen der Daseinsvorsorge muss dieser Wunsch der Bürger bei der künftigen Bedarfsplanung berücksichtigt werden", so Rümmelin. Allen Menschen stünde gleichermaßen ein menschenwürdiges Leben zu – inklusive guter Versorgung.

Aus strategischer Sicht sei die Investition in medizinische Expertise die einzige Option zur Zukunftssicherung, so die Studienautoren. "Gerade kleinere und mittlere Kliniken müssen große Anstrengungen unternehmen, um Top-Ärzte an sich zu binden und auf Dauer wettbewerbsfähig zu bleiben", mahnt Michael Burkhart, bei PwC Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma.

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