Ärzte Zeitung online, 13.03.2019

Start-up

Mit Robotern zu mehr Ruhe im OP

Das Münchner Start-up Medineering möchte flexible OP-Robotik-Sets in die Chirurgie-Abteilungen bringen – auch andere Disziplinen zeigen sich interessiert. Die Gründer wollen ihre Technik zum entlastenden Arzt-Unterstützer machen.

Von Christina Bauer

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In Brainlab haben die Gründer von Medineering einen Partner für robotergestützte Operationen gefunden.

©Brainlab AG

MÜNCHEN. Einen robotischen Assistenten für Chirurgen wollten die Maschinenbauer Dr. Stephan Nowatschin und Dr. Maximilian Krinninger entwickeln. Mehr Präzision und Bewegungsfreiheit sollte dieser ermöglichen, jedoch nicht den Arzt ersetzen.

„Wir wollen den Operateur am Tisch lassen“, resümiert Nowatschin im Büro des Start-ups im Münchner Osten. Der 37-Jährige studierte in Kaiserslautern Informatik, bevor er an der Technischen Universität München eine Promotion in Medizingerätetechnik erstellte. Dort begegnete er dann Krinninger.

Nowatschins Doktorvater hatte das Start-up Ergosurg in Ismaning gegründet. Nowatschin hat dann die Firma im Anschluss mit aufgebaut und geleitet und einige Jahre bei dem Endoskop-Spezialisten Karl Storz in Tuttlingen gearbeitet. Krinninger war für Trumpf Medizinsysteme in Puchheim tätig. Im Juni 2014 beschlossen beide, eine gemeinsame neue Firma zu gründen.

Ihnen schwebte eine flexible Robotiklösung für Chirurgen vor. Am OP-Tisch wäre ein beweglicher Haltearm mit integrierter Software anzubringen, an den je nach Fach verschiedene Operations-Aufsätze angeschlossen werden sollen, etwa für Eingriffe an Nase oder Ohr.

Erste Patente sind erteilt

Das Startkapital, 800.000 Euro, holten sie sich beim High-Tech Gründerfonds, Bayern Kapital und Born2Grow. Zwei „Business Angels“ aus der Medizintechnik schossen noch etwas zu. Ein halbes Jahr nach dem operativen Start im Oktober hatten sie zusammen mit einem Softwareentwickler im März 2015 den ersten Prototypen erstellt.

Die ersten Praxistester waren der Neurochirurg Professor Francesco Doglietto und HNO-Arzt Dr. Alberto Schreiber vom Klinikum im italienischen Brescia. Klinikärzte in Erlangen, Heilbronn, Essen, Tübingen und Ulm kamen hinzu. Nach dreieinhalb Jahren, drei Prototypen und vielen Praxistests ist die Robotic Endoscopy fertig. Sechs Patente sind erteilt, weitere zwölf sind angemeldet, unter anderem für Haltearm und Aufsätze. Im Januar erfolgte die CE-Zertifizierung.

Operateure bekommen durch den Roboter eine Hand frei. Bisher ist es in manchen Kliniken üblich, dass der Arzt links die OP-Kamera hält und rechts operiert. Bei den Robotik-Tests behielten manche Operateure anfangs die linke Hand an der Brust. „Es hat drei bis vier Op gedauert, bis sie sich umgestellt hatten“, sagt Nowatschin.

In der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Essen wurden bereits mehrere Testeingriffe in der Nasennebenhöhlen-Chirurgie, Schädelbasis-Chirurgie, transoralen Chirurgie und endoskopischen Mittelohrchirurgie durchgeführt.

„In diesen Bereichen hat die Anwendung gut geklappt“, resümiert Dr. Stefan Mattheis, der stellvertretende Klinikdirektor. Laut Hersteller könnte Robotic Endoscopy bald statt der aktuellen Fußpedal-Steuerung ein Instrumententracking erhalten, bei der das Gerät der Zeigebewegung des Operateurs folgt. Mattheis hält das für vielversprechend, wie insgesamt den Ansatz des robotischen Operierens. „Die Entwicklung ist noch ganz am Anfang“, so der Arzt.

Cirq bei Eingriffen an der Wirbelsäule

Eine andere Roboter-Variante, die fast zeitgleich CE-zertifiziert wurde, ist inzwischen an Kliniken in München, Mannheim und Bern im Routinebetrieb. Dafür ist Medineering eine Kooperation mit Brainlab eingegangen, das sich zudem als Investor beteiligte.

Brainlab nennt seinen OP-Roboter Cirq, er wird für Eingriffe an der Wirbelsäule eingesetzt. „Cirq korrespondiert direkt mit dem Brainlab-Navigationssystem“, so Rainer Birkenbach, CTO und Vorstandsmitglied der Firma Brainlab.

An der Klinik für Neurochirurgie im Klinikum Rechts der Isar München wird Cirq seit einem halben Jahr verwendet. Bisher wurden damit 40 bis 50 Patienten operiert. Neurochirurg Dr. Sandro Krieg nutzt den OP-Roboter, wenn vorab ein hoher Op-Aufwand absehbar ist. Das könne bei Patienten mit Adipositas oder Skoliose der Fall sein.

Steigende Nachfrage prognostiziert

Bei einem bis zu einstündigen Eingriff spare der Roboterarm Muskelkraft, in manchen Fällen könne er sogar die Präzision verbessern. „An der Halswirbelsäule denke ich das schon“, sagt Krieg. Grundsätzlich bringe der maschinelle Assistent „mehr Ruhe“ in den Operationsvorgang.

Weitere Operationsaufsätze sind in Vorbereitung. Brainlab entwickele eine Variante für Eingriffe im Gehirn, die dieses Jahr auf den Markt soll. „Die robotische Hand ist etwas anders gestaltet, diese Eingriffe sind komplexer“, erklärt Birkenbach. Medineering arbeite an Versionen für transorale und Leber-Operationen.

Gelegentlich gäbe es Anfragen, etwa für Herzchirurgie, Bauchchirurgie, Proktologie. „Viele Chirurgen haben den Wunsch nach einer robotischen Lösung für ihr Fachgebiet“, so Nowatschin.

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