Ärzte Zeitung, 20.10.2016
 

Jubiläum

Praxisnetz-Pionier stellt sich für die Zukunft neu auf

Die Medizinische Qualitätsgemeinschaft Rendsburg hat zum 20. Jubiläum Bilanz gezogen und sich neue Ziele für die künftige Netzarbeit gesetzt.

Von Dirk Schnack

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Die aktuelle MQR (v.l.n.r.): Dr. Yisak Girma, Winfried Buss (fachärztliche Vertreter im Vorstand), Michael Sturm (Vorsitzender des Aufsichtsrates), Dr. Helmut Scholz, Dr. Hendrik Schönbohm (hausärztliche Vertreter im Vorstand).

© Dirk Schnack

RENDSBURG. Das erste deutsche Praxisnetz wurde vor 20 Jahren in Rendsburg gegründet. Zum Jubiläum zeigten die Ärzte aus aktuell über 50 Praxen der Medizinischen Qualitätsgemeinschaft Rendsburg (MQR), wie sie sich die Kooperation der Haus- und Fachärzte in Zukunft vorstellen.

Künftig wollen sie ihre Schwerpunkte in der Netzarbeit auf drei Bereiche setzen: Elektronische Vernetzung, regionale Versorgungsverträge mit den Kassen als Ergänzung zur Grundversorgung sowie Aufbau eines webbasierten Informationssystems für die beteiligten Arztpraxen.

Drei Probleme stehen im Zentrum

Der hausärztliche MQR-Vorstand Dr. Hendrik Schönbohm erklärte die künftige Ausrichtung des Netzes an drei zentralen Problemen, die er für das ambulante Gesundheitswesen sieht:

1.) Das Gesundheitswesen ist komplex und intransparent, laiengesteuert und bürokratisch: Hier bietet eine IT-Vernetzung mit direktem Datenaustausch die Lösung. Im Praxisnetz wird mit einer Software gearbeitet, die den beteiligten Praxen eine Übertragung der Patientendaten direkt in die Patientenakte ermöglicht.

Damit werden die über einen Patienten vorliegenden Informationen für jeden Behandler zugänglich gemacht, wenn der Patient dies wünscht, Fehlsteuerungen und Mehrfachuntersuchungen lassen sich reduzieren. Das Modell ist von Datenschützern zugelassen und verzichtet auf eine zentrale Datenhaltung.

2.) Die Notwendigkeit zur Kooperation trifft auf ärztliche Gleichgültigkeit: Ehrenamtliches Engagement ist auch in den Zusammenschlüssen vor Ort auf zu wenig Schultern verteilt.

Die Gründe sind zahlreich: Zeitmangel, schlechte Organisation der eigenen Praxis, die Mitglieder erkennen keine eigenen Vorteile in einem Engagement oder überschätzen schlicht die eigene Position im Gesundheitswesen und glauben, auf Kooperation verzichten zu können.

Die MQR bezahlt deshalb inzwischen das Engagement im Netz, stellt die Vorteile einer Mitgliedschaft heraus und setzt auf die Entwicklung regionaler Versorgungsverträge mit den Kassen.

3.) Die Wissens- und Anforderungsexplosion in der Medizin: "In den nächsten zehn Jahren wird mehr gedruckt als in den Jahren von 1440 bis heute", sage Schönbohm.

Die Lösung in Rendsburg ist ein webbasiertes arztspezifisches Informationssystem, in dem jedes Mitglied für einen kleinen Teilbereich zuständig ist und diesen aktualisiert. Die Themen sind für jede Netzpraxis zugänglich.

"Blauäugig" beim Netzwerkstart

Von solchen Lösungen war man bei der Netzgründung 1996 weit entfernt. Der langjährige hausärztliche Vorstand Dr. Helmut Scholz sprach zum Jubiläum rückblickend vom "Urknall der Netzbewegung in Deutschland". In der Folgezeit entstanden dann in ganz Deutschland Netze.

"Wir sind blauäugig gestartet", sagte Scholz, der die Hausärzte im Netz noch heute als stellvertretender Vorsitzender vertritt. Entstanden war die Idee aus Unzufriedenheit der niedergelassenen Ärzte mit den damals herrschenden Rahmenbedingungen in der ambulanten Medizin – auf einem Hausärztestammtisch im Jahr 1995.

Offizieller Start war ein Jahr später am ersten Oktober 1996, 86 Praxen mit 117 Ärzten aus Rendsburg und dem Umland waren damals dabei – dies waren fast alle Niedergelassenen der Region.

Als Vertragspartner schob der Ersatzkassenverband die MQR maßgeblich mit an. Entsprechend hoch war die Motivation zum Start und die ersten Projekte wurden mit viel Engagement angegangen, unter anderem ein Patientenpass und ein "Psycho-Netz".

Die Entwicklung in den 2000-ern

Im Jahr 2000 änderte das Netz seine Rechtsform von der GbR zur Genossenschaft und ließ sich von der privaten Klinikkette Sana managen. Zwei Jahre später war der Vertrag gekündigt.

Ende 2002 konnte eine drohende Insolvenz des Netzes nur knapp verhindert werden. 2005 vereinbarte das MQR mit der AOK einen Vertrag zu Einsparungen bei Medikamentenverordnungen, Überlegungen, ein netzeigenes MVZ oder eine Berufsausübungsgemeinschaft zu gründen, wurden im vergangenen Jahr zu den Akten gelegt.

Im gleichen Jahr wurde ein Förderantrag durch die KVSH genehmigt. Die Fördersumme von 100.000 Euro ermöglicht es dem Netz, sich zu professionalisieren und ein Management durch die Ärztegenossenschaft zu leisten. Schritte zur Professionalisierung sind unter anderem die vom Netz geförderte Softwareumstellung, eine eigene Website und die Erarbeitung von Qualitätsindikatoren.

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