Ärzte Zeitung online, 06.12.2017

Niedersachsen

Bauerndiele wird zum Smart Home

Lassen sich mit digitaler Kommunikation ländliche Strukturprobleme kompensieren? In Niedersachsen will man es wissen.

BENTHEIM/EMSLAND. In der niedersächsischen Grafschaft Bentheim und dem südlichen Emsland will der Verein Gesundheitsregion Euregio mit dem Projekt "Dorfgemeinschaft 2.0" die soziale Kraft der Dörfer und ihrer vielen älteren Bewohner neu beleben – und zwar mittels digitaler Vernetzung. 2030 werden die Bürger der Grafschaft Bentheim im Schnitt 47 Jahre alt sein, so die Prognose, und nur noch 16 Prozent unter 18. Der Anteil der Hochbetagten steigt ständig. Und wie überall wollen auch hier die Alten so lange wie möglich zu Hause leben. Dabei sollen sie nun von einem digitalen Gesamtkonzept profitieren, das sich den Themen Wohnen, Versorgung, Mobilität und Gesundheit/Pflege widmet, erklärt Projektleiter Thomas Nerlinger.

Verschiedene Dienste sollen über eine App auf einem virtuellen Marktplatz gebucht werden können; etwa Essen auf Rädern. Oder Dienstleistungen des Ambient Assisted Living, wobei Messgeräte in Wohnungen etwa registrieren, ob Bewohner morgens zur gewohnten Zeit aufstehen oder ob Vitalfunktionen aus dem Takt geraten.

Ärztenetz macht mit

Auch Gesundheitsdienstleistungen sollen per App angefragt werden können: Wer versorgt meinen Hund, wenn ich ins Krankenhaus muss? Wer bringt mir Lebensmittel, wenn ich nach einem Klinikaufenthalt noch nicht mobil bin? Wer bringt mich zum Hausarzt oder kommt der Hausarzt per Videosprechstunde zu mir? Wie erhalte ich meine Medikamente? Geplant sei auch eine digitale Patientenakte. Mit im Boot ist das Grafschafter Ärztenetz, dem rund 130 niedergelassene Ärzte angehören.

Senioren, die sich nicht mehr an an die digitale Welt gewöhnen mögen, könnten auf "Kümmerer" zurückgreifen, berichtet Nerlinger. "Das können die Kinder der Bewohner sein, Nachbarn, Pflegende oder der Besuchsdienst der Kirchengemeinde." Sie seien telefonisch zu erreichen, um für ihre Schützlinge Kontakt zum virtuellen Marktplatz aufzunehmen.

Gelder aus Berlin

Derzeit hätten sich schon viele Freiwillige gemeldet, die das Konzept erproben wollten, heißt es. "Wir planen, dass wir im Frühjahr 2018 den virtuellen Dorf-Marktplatz mit den ersten Anwendungen vorstellen werden." Bis 2020 soll das Gesamtprojekt evaluiert sein, kündigt Nerlinger an.

Fünf Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung bis 2020 für das Pilotprojekt zur Verfügung. Was die Anschlussfinanzierung angeht, hofft Nerlinger, dass sich die Krankenkassen vom Nutzen des virtuellen Marktplatzes überzeugen lassen und mit einspringen. Immerhin verspreche das Modell "Qualitätsverbesserung, Patientensicherheit und Kosteneinsparung." (cben)

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