Ärzte Zeitung online, 15.06.2018

Heißes Eisen

Der impfende Apotheker

Ließe sich die Impfrate speziell bei der Grippeimpfung steigern, wenn auch Apotheker impfen dürften? Eine Analyse im Auftrag des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller ist dafür – Ärzte und Apotheker sind gespalten.

Von Hauke Gerlof

Höhere Impfquoten durch Impfung in Apotheken?

Impfung demnächst auch in der Apotheke? Der BAH hat mit einem Gutachten und mehreren Umfragen die Diskussion angestoßen.

© Lukas Schulze / dpa

BERLIN. Hält die Hürde, zum Arzt in die Praxis gehen zu müssen, viele Menschen davon ab, sich gegen Grippe impfen zu lassen? Wenn es so ist, dann sollten sich durch Grippeimpfungen an anderer Stelle als in der Arztpraxis, zum Beispiel im Betrieb, die Impfraten deutlich erhöhen lassen. Manche Unternehmen gehen diesen Weg auch seit einigen Jahren mit ihren Betriebsmedizinern.

Welche Auswirkungen die Entlassung des Grippeimpfstoffes aus der Rezeptpflicht (OTC-Switch) hätte – bei gleichzeitiger Erweiterung der Kompetenzen der Apotheker, auch impfen zu dürfen (und dafür honoriert zu werden), hat der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) untersuchen lassen.

Anlass der gesundheitspolitischen Analyse waren positive Erfahrungen mit Grippeimpfungen in Apotheken in anderen Ländern Europas und darüber hinaus. "Ein Blick in das europäische Ausland lässt erwarten, dass Impfen in der Apotheke auch in Deutschland die Impfquote positiv beeinflussen würde", erläuterte Professor Uwe May von der beauftragten May + Bauer GbR bei der 2. BAH Switch-Konferenz in Berlin.

Positive Erfahrungen im Ausland

So seien Apotheken in England seit 2015 befugt gegen Grippe zu impfen, in der Grippesaison 2017/18 seien bereits mehr als 1,3 Millionen Personen geimpft worden. In Kanada sei die Impfrate bereits im ersten Jahr der Berechtigung für Apotheken um 8,4 Prozentpunkte gestiegen. Positive Erfahrungen gebe es auch in Irland, Portugal und der Schweiz.

Als direkte und indirekte Effekte einer Impfung in Apotheken habe die Analyse ergeben:

  • Neuimpfungen an Menschen, die sich zuvor nicht hatten impfen lassen, in der Apotheke,
  • Substitution von Arztimpfungen durch Apothekenimpfungen und
  • Neuimpfungen beim Arzt durch einen verbesserten Informationsstand und verstärkter öffentlicher Wahrnehmung der Impfthematik, zum Beispiel aufgrund von Aktionen der Apotheker.
  • In einem Szenario erläuterte May die Effekte einer möglichen mittelfristigen Steigerung der Impfrate von 25 auf 37 Prozent. In diesem Fall wären 9,9 Millionen mehr Menschen gegen Grippe geimpft, es käme im Jahr durchschnittlich zu 905.000 weniger Grippeerkrankungen und zu 18.700 vermiedenen Krankenhaustagen.

    Zwar würden die Impfkosten um rund 337 Millionen Euro steigen, doch im Gegenzug würden die Behandlungskosten sinken, vor allem aber auch die volkswirtschaftlichen Kosten, zum Beispiel durch 2,9 vermiedene AU-Tage. Insgesamt würde die Volkswirtschaft um mehr als 800 Millionen Euro entlastet.

    In drei Umfragen hat der BAH auch die Akzeptanz von Impfungen in Apotheken bei Ärzten, Apothekern und in der Bevölkerung abgefragt. Demnach sind 47 Prozent der Apotheker für die Entlassung von Impfstoffen aus der Verschreibungs- in die Apothekenpflicht, eine leichte Mehrheit ist dagegen.

    Bei den Ärzten sind 28 Prozent dafür, rund 70 Prozent dagegen. Die Umfrage unter den Ärzten war in Kooperation mit der "Ärzte Zeitung" umgesetzt worden.

    Geteilte Meinung in allen Gruppen

    STIKO-Empfehlung für Influenza-Schutz

    • Personen ab 60 Jahren
    • Schwangere ab 2. Trimenon
    • Chronisch Kranke (u.a. mit Diabetes, COPD, Asthma, KHK, MS, HIV)
    • Personen mit erhöhter Gefährdung, z. B. medizinisches Personal und Personal in Kindereinrichtungen

    Viele Krankenkassen bezahlen die Influenza-Impfung auch Versicherten, die zu keiner Risikogruppe gehören (Satzungsleistung oder auf Anfrage).

    "Die verhältnismäßig hohe Zustimmungsrate bei Ärzten und Apothekern hat uns überrascht, da Impfen in der Apotheke für die eine Gruppe mehr Verantwortung und Aufwand und für die andere möglicherweise den Verlust an Behandlungsbreite bringen würde", kommentierte Professor Niels Eckstein, der die Umfragen wissenschaftlich begleitet hatte.

    Eine repräsentative Befragung der Bevölkerung mit 1000 Teilnehmern ergab eine Zustimmung von 43 Prozent – bei 46 Prozent Ablehnung.

    "Impfen in der Apotheke ist neben einer besseren Aufklärung eine Möglichkeit, die Impfquote in Deutschland zu verbessern und dadurch Kosten für die Volkswirtschaft zu reduzieren", kommentierte Dr. Elmar Kroth, Geschäftsführer Wissenschaft vom Auftraggeber BAH. Die Ergebnisse von Gutachten und Befragungen zeigten, "dass die Debatte an Fahrt aufnimmt".

    Vorbehalte vorhanden

    Wie groß die Vorbehalte bei den Berufsgruppen gegen Impfungen in der Apotheke sind, zeigte die abschließende Podiumsdiskussion bei der Switch-Konferenz. "Die Spannungen zwischen Ärzten und Apothekern sind in den vergangenen Jahren abgebaut worden. Ich kann nur dringend davor warnen: Lasst die Finger davon", appellierte Haus- und Kinderarzt Dr. Jürgen Bausch, Ehrenvorsitzender der KV Hessen.

    Es stünden genug gemeinsame Aufgaben an: Entlassrezept, Medikationsplan, Abbau von Multimedikation. Die Trennung von Indikationsstellung und Verkauf sollte nicht für die Impfung aufgegeben werden, betonte der Arzneimittelexperte.

    Professor Uwe May dagegen warnte: "Es ist gefährlich nicht den OTC-Switch zu machen, wenn Ärzte überlastet sind und Patienten deshalb nicht zum Arzt gehen." Aktuelle Untersuchungen hätten ergeben, dass mehr als 125 Arzt-Patienten-Kontakte im Durchschnitt in der Woche für Patienten die Unsicherheit erhöhten. In Deutschland liege die Frequenz im Schnitt dagegen fast bei 250 Kontakten.

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    [15.06.2018, 09:15:05]
    Dr. Hans-Jürgen Schrörs 
    Apotheker wollen impfen
    Zum Impfen gehören:
    - Grundkenntnisse der Physiologie, Immunologie und Anatomie
    - Kenntnisse der Pathologie zur Stellung der Indikation, insbesondere bei Risikopatienten
    - Ausreichende Kenntnis der Notfallbehandlung und Wiederbelebung einschließlich der Vorhaltung und sachgerechten Bedienung entsprechender Geräte
    - die Vorhaltung von Behandlungsräumlichkeiten

    ...und letztendlich einen Haftpflichtversicherer, der bereit ist, das Behandlungsrisiko bei nichtärztlichen Personenkreisen zu versichern...

    Und noch gar nicht angesprochen sind die Gesetze, z.B. das IfsG, das komplett geändert werden müsste und das Procedere bei Komplikationen oder gar Impfschäden, auch wenn diese sehr selten sind. Wer legt in diesen Fällen die Krankenakte des Patienten vor? An wen wendet sich der Patient, der sich falsch behandelt fühlt? ...an die Apothekerkammer?
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