Ärzte Zeitung, 19.08.2010

UKE setzt auf aufwändiges Auswahlverfahren

Über 2000 junge Menschen wollen in Hamburg ab dem Wintersemester Humanmedizin studieren. Am Uniklinikum Eppendorf läuft derzeit das wohl aufwändigste Auswahlverfahren der Republik für angehende Ärzte.

Von Dirk Schnack

UKE setzt auf aufwändiges Auswahlverfahren

Grünes Licht für das Medizinstudium in Hamburg bekommen nur die, die einen anspruchsvollen Parcours bewältigen.

© Clara Dinand / fotolia.com

HAMBURG. Etwas geschafft, aber mit einem guten Gefühl kommt Jannick Ockelmann aus dem Hörsaal am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Zusammen mit 900 anderen Bewerbern hat Ockelmann gerade über eine Stunde lang Fragen aus der Mathematik und den Naturwissenschaften beantwortet - auf Leistungskurs-Niveau, wie Leonie Schöppach meint.

Ockelmann und Schöppach könnten in Kürze Kommilitonen werden. Sie sind zwei von 2151 jungen Menschen, die nach der Sommerpause ihr Studium der Humanmedizin in Hamburg beginnen möchten - aber nur 369 können aufgenommen werden. Wie alle Studienstandorte kann Hamburg einen Teil seiner Erstsemestler selbst auswählen. Während die meisten Standorte dabei wie die ZVS Abiturnote und Wartezeit berücksichtigen, unterzieht Hamburg seine Bewerber einem zweistufigen Auswahlverfahren.

Das erste am vergangenen Freitag, den 13. August 2010, war ein Multiple-Choice-Test aus der Naturwissenschaft. Hauptsätze der Wärmelehre, Wellenoptik, Isometrie, Spannungsreihen, Aufbau des Genoms, Polymerasekettenreaktion, Säurestärke, Ionenbindung und Ordnungszahlen sind nur eine kleine Auswahl aus dem breiten Spektrum, das die Bewerber beherrschen sollten - was aber oft nicht der Fall war.

"Wir stoßen immer wieder auf Defizite in der naturwissenschaftlichen Qualifikation", sagt Hamburgs Dekan Professor Uwe Koch-Gromus. Rund 15 Prozent steigen aus dem Studium wieder aus. Das kostet nicht nur viel Geld, sondern ist auch für die vielen Abbrecher eine leidvolle Erfahrung.

Um diese Quote zu verringern, laden die Hamburger alle Bewerber ein, die mindestens einen Notendurchschnitt von 2,0 im Abitur aufweisen, dies waren in diesem Jahr 900. Sie können sich mit Übungsfragen aus den vergangenen Jahren vorbereiten. Zwei Tests mit rund 50 Fragen, für die die Bewerber rund 80 Minuten Zeit haben, vermitteln einen Eindruck vom Niveau des Tests.

Laut Professor Wolfgang Hampe, der am UKE das Auswahlverfahren koordiniert, sind die Übungsfragen vor dem diesjährigen Auswahlverfahren rund 10 000 mal aufgerufen worden. Allerdings hatten manche der Teilnehmer das Gefühl, dass der Online-Test leichter ist als der Ernstfall.

Die 100 Bewerber, die in der Kombination Abiturnote und naturwissenschaftlicher Test am besten abschneiden, bekommen auf jeden Fall einen Studienplatz in Hamburg - sie wissen heute schon Bescheid. Die anderen können sich auf der zweiten Stufe qualifizieren, die am Freitag, den 20. August, ansteht.

Dann werden den Bewerbern an neun standardisierten Interview-Stationen Aufgaben gestellt, die von jeweils zwei Juroren bewertet werden. Dabei muss der Bewerber etwa einem Schauspieler, der einen Menschen mit geistiger Behinderung mimt, das Ablesen einer analogen Uhr erklären. An einer anderen Station wird über das Verhalten eines Arztes diskutiert, der gegen seine Überzeugung homöopathische Mittel empfiehlt.

Mit ihrem Verhalten auf den pro Station zur Verfügung stehenden fünf Minuten sollen die Bewerber wichtige Schlüsselqualifikationen für ihren künftigen Beruf unter Beweis stellen. "Die Zuverlässigkeit der Beurteilung durch die Vielzahl an Juroren ist wesentlich höher als in klassischen Interviews", sagt Hampe.

Der Aufwand für das Uniklinikum ist enorm: Über 100 Dozenten, 35 Schauspieler und 50 weitere Helfer sind während des Verfahrens im Einsatz, um die geeigneten Bewerber zu bestimmen. Mit den Interviewergebnissen, dem naturwissenschaftlichen Test und der Abiturnote wird eine neue Rangliste erstellt, von der wiederum die besten 100 einen Studienplatz in Hamburg bekommen. Damit sind 60 Prozent der Studienplätze belegt, die anderen 40 Prozent werden von der ZVS vergeben.

Ist also die Abiturnote für Hamburg kein geeigneter Gradmesser, ob ein Bewerber ein guter Arzt wird? Im Gegenteil, meint Koch-Gromus. Die Note sei sogar "ein robuster Prädiktor" - aber es gebe eben noch Optimierungsoptionen. Er ist überzeugt, dass der in Hamburg entwickelte Test die Abbrecherquote verringern wird.

[19.08.2010, 18:03:12]
Dr. Roland Sautter 
Tests-z.B. Naturwissenschaften
Falls ein Abiturient Naturwissenschaften-Leistungskurs..-in seiner Schule absolviert hat,reicht dies bei weitem m.E.Bei stark sprachlich orientierten-Griechisch,Latein,Fremdsprachen mit sehr reduzierten naurwissenschaftlichen Angeboten-Gymnasien mag es anders sein.Bei "normaler"naturwissenschaftlicher Vorbildung kann man bei Bedarf in einem "Blockkurs" in den Semesterferien mehr lernen als vorher in 2-3 Jahren Schule.Eine Frage der Konzentration und Selbstorganisation.Die "weichen" Daten der Persönlichkeit sind eher die Crux und auch schwerer zu beurteilen.Junge Menschen,die im Abitur naturwissenschaftliche Fächer und Kurse ordentlich absolviert haben,dürften bei Konzentration auf die Thematik keine Probleme mit ein bißchen Thermodynamik,Säurestärke u.ä. haben.Quantenphysiker sollen sie ja eher nicht werden.Die "Stationen"-die ich nicht kenne-mit wahrscheinlich Problemen im ärztlichen Entscheidungsverhalten,finde ich weitaus wichtiger und relevanter für die künftige Entwicklung.Noten werden generell überbewertet,im Gesunheitswesen herrscht Chaos,es fehlt Bodenständigkeit und der Blick für die Kernrealität.Dafür reist ein smarter Minister publikumswirksam und bestaunt Allgemeinarztpraxen auf dem Lande. Er ist sympathisch-ob es zu echter Empathie reicht?-und interessiert.Zumindest wirkt er so.Der Druck der Verhältnisse wird diese eh zurechtrücken.Der heutige Trend zur Überorganisation trägt im Keim schon die Probleme--nicht die Frage nach dem Periodensystem der Elemente.. zum Beitrag »

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