Ärzte Zeitung, 24.11.2010
 

"Hausärzte reden den eigenen Beruf schlecht"

Der Allgemeinarzt Dr. Harald Heiskel hadert mit seinem Berufsstand. Er plädiert für ein Bündnis mit Sozialverbänden, Gewerkschaften und Krankenkassen. Dadurch könne das deutsche Gesundheitssystem gerechter werden, meint er.

Von Monika Peichl

"Hausärzte reden den eigenen Beruf schlecht"

"Die meisten meiner Patienten verdienen weniger und haben viel schlechtere Arbeitsbedingungen." Dr. Harald Heiskel, Allgemeinarzt aus Frankfurt

© pei

FRANKFURT/MAIN. Die medizinische Versorgung ist viel zu arztzentriert - dieser Ansicht ist der seit 2006 in Frankfurt niedergelassene Allgemeinarzt Dr. Harald Heiskel. Er fordert, Hausärzte sollten ein Bündnis mit Sozialverbänden, Gewerkschaften und Krankenkassen anstreben. Heiskel arbeitet in einer Praxisgemeinschaft, die das Dach für zwei Gemeinschaftspraxen aus je zwei Kollegen bildet.

Die Praxisgemeinschaft beschäftigt vier Medizinische Fachangestellte (MFA) sowie eine Auszubildende und teilt sich Räume und Technik. Nach dem Rotationsprinzip ist jeder Arzt in diesem Konstrukt ein halbes Jahr lang für je ein Gebiet verantwortlich: Personal, Technik oder Buchhaltung. In dieser Konstellation genieße er ein hohes Maß an Selbstbestimmung bei seiner Arbeit, so Heiskel.

Ärzte sollen deutlicher Partei für die Patienten ergreifen

Das Faszinierende an der Allgemeinmedizin ist für ihn die Vielseitigkeit. In diesem Fach könne er am ehesten seine vielfältigen Interessen vertiefen: Soziales, Psychologie, Medizin, Biologie und mehr. Und anders als in den meisten medizinischen Fächern stehe hier die Arzt-Patienten-Beziehung im Mittelpunkt.

In seine Praxis kommen viele Migranten. Der Anteil der Privatpatienten ist nach seinen Worten unterdurchschnittlich. Im Vergleich zu Gebietsärzten und auch im Vergleich zu den Hausarzt-Kollegen verdiene er eher unterdurchschnittlich. "Aber die meisten meiner Patienten verdienen weniger und haben viel schlechtere Arbeitsbedingungen", relativiert er seine Situation.

Weitere Infos im Web

Beitrag von Dr. Harald Heiskel in der "taz" vom 11.10.2010: "Volle Jammerkraft voraus"

Wenn Hausärzte nur über Geld oder strukturelle Veränderungen zur Optimierung ihrer Verhandlungsposition redeten, vergeben sie die Chance, Bündnispartner für die Verbesserung der Versorgungsstrukturen und auch der eigenen Arbeitsbedingungen zu finden - das hat Heiskel kürzlich in einem provokanten Beitrag für die "tageszeitung" deutlich gemacht. "Die Hausärzte reden den eigenen Beruf schlecht", kritisiert er.

Dabei sei die Argumentation des Hausärzteverbandes nachvollziehbar: "Hausärzte fehlen zunehmend auf dem Land, weil die Arbeits- und Lebensbedingungen weniger attraktiv und die Einkommen niedriger sind als von Gebietsärzten in der Stadt."

Das sei früher aber auch schon so gewesen. Jetzt komme hinzu, dass der demografisch vorhersehbare Ärztemangel nicht durch Ausweitung der universitären Ausbildungskapazitäten kompensiert worden sei. Das treffe natürlich diejenigen Fächer zuerst, die in der ärztlichen Einkommensskala unten stehen - die Haus- und Kinderärzte.

Ärztliche Standesorganisationen hätten aber durch jahrzehntelange "Jammer-Rhetorik" trotz guter Einkommen in der Bevölkerung an Glaubwürdigkeit verloren.

Sie hätten sich allzu oft zur Sicherung ihrer Honorare nicht auf die Seite der gesetzlich Versicherten gestellt, sondern auf die Seite der privaten Krankenversicherungen. Sie hätten Zuzahlungen von Patienten als "Eigenverantwortung" verbrämt oder das "sozial inakzeptable" Kostenerstattungsprinzip präferiert.

Aus seiner Sicht hätten die Hausärzte jetzt die Chance, sich deutlicher auf die Seite der Versicherten zu stellen. Statt diese "Jammer-Rhetorik" zu pflegen, könnten sie sich für ein Primärarztsystem nach skandinavischem oder niederländischem Vorbild einsetzen - nicht primär, um ihr Einkommen zu steigern, sondern weil dies das vernünftigere, gerechtere und bessere System für die Versicherten sei.

Dafür bräuchten sie Bündnispartner. "Das können nur die Versicherten und ihre Organisationen sein: Sozialverbände und Gewerkschaften, aber auch die Kassen." Heiskel ist klar, dass ein solches Primärarztsystem ein höheres Maß an staatlicher Steuerung bedeutet und deshalb für viele Kollegen mit ihrem Selbstverständnis als Freiberufler nicht zu vereinbaren ist.

Dabei gebe es schon heute auch im deutschen Gesundheitssystem Ansätze, die seiner Ansicht nach in die richtige Richtung weisen. So seien bei den Verhandlungen über Hausarztverträge "wertvolle Elemente" entwickelt worden: etwa die Einschreibepauschalen oder das Aushandeln von sinnvollen Vorsorgeuntersuchungen.

Schwedischer Primärarzt in der Favoritenrolle

Denn ein wesentlicher Vorteil des Primärarztsystems etwa nach schwedischem Muster liegt laut Heiskel in der Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. "Das deutsche System ist viel zu arztzentriert", findet er.

In Ländern mit Primärarztsystemen werden den nichtärztlichen Gesundheitsberufen nicht nur mehr Aufgaben und Befugnisse zugeordnet. Sie genießen auch eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung als in Deutschland, wie die Krankenpflege. Dadurch werde auch der Hausarzt entlastet. Arztkontakte könnten seltener und dafür länger werden.

Somit würden auch die Überweisungen zu den Gebietsärzten zielgenauer. Ein Patient mit chronisch-degenerativen Rückenbeschwerden etwa "gehört zum Hausarzt", sagt Heiskel.

In Deutschland hätten Hausärzte aber hohe Anreize, die Rückenpatienten zum Orthopäden zu schicken: "Eine Überweisung kostet den Überweiser nichts, den Rückenpatienten selbst zu behandeln kostet Zeit." In Deutschland herrsche eine "künstliche Knappheit" an Gebietsarztkapazitäten - mit langen Wartezeiten.

Zudem würde ein Primärarztsystem die Versorgung vereinheitlichen und vereinfachen, womit auch die Honorierung transparenter werde. Im Gegensatz zum "derzeit zunehmenden Chaos" unterschiedlichster Verträge und Tarife mit verschiedenen Kassen "könnte sehr viel Bürokratie eingespart werden".

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