Ärzte Zeitung, 21.04.2016

Barrierefreie Praxen

Im Spannungsfeld von Nutzen und Investitionskosten

Deutsche Arztpraxen sollen barrierefrei werden, wünscht sich die Regierung. Doch bislang ist wenig über die Summen gesprochen worden, die für Umbauten nötig werden. Ein Gutachten zeigt: Niedergelassene müssen dafür mitunter tief in die Tasche greifen.

Von Matthias Wallenfels

Im Spannungsfeld von Nutzen und Investitionskosten

Die Barrierefreiheit ist als Ziel in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert.

© LUCKAS / fotolia.com

BERLIN. Der uneingeschränkte Zugang von Menschen zur medizinischen Versorgung in Deutschland ist ein Kernanliegen der Bundesregierung.

"Daher möchte die Bundesregierung bauliche und kommunikative Barrieren in Arztpraxen und Rehabilitationseinrichtungen beseitigen", heißt es in dem 2011 verabschiedeten Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention mit dem Titel "Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft".

Wie die Stiftung Gesundheit erhoben hat, sind derzeit - die neuesten Daten stammen aus dem Jahr 2010 - in der von ihr verwalteten Arzt-Auskunft insgesamt 68.000 Praxen verzeichnet, die mindestens ein Kriterium der Barrierefreiheit erfüllen.

Diese Woche nun beleuchtete die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gemeinsam mit der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) einen in der öffentlichen Diskussion um Inklusion und Barrierefreiheit weitgehend unbeachteten Aspekt: die Kostenfrage.

In einem für die KBV und KZBV erstellten Gutachten kommt das Architektur- und Ingenieurbüro Opper aus Kaarst zu dem - keineswegs überraschenden - Ergebnis, dass vor allem Inhaber von Bestandspraxen tief in die Investitionskasse greifen müssen, um die Anforderungen an die Barrierefreiheit adäquat erfüllen zu können.

Mehr als 175 000 Euro Investitionskosten

Die Investitionssumme kann schnell in den sechsstelligen Bereich gehen, wie in dem Gutachten - exemplarisch mit dem auf mehr als 175 000 Euro taxierten Umbau einer innerstädtischen Bestandsarztpraxis in Berlin - aufgeführt wird.

Im konkreten Fall handelt es sich um die Praxis eines Facharztes für Lungen- und Bronchialheilkunde, die in einem um 1920 erbauten, nach dem Zweiten Weltkrieg restaurierten dreigeschossigen Wohn- und Geschäftshaus in der Innenstadt residiert.

Die Praxis befinde sich im zweiten Obergeschoss. Es handele sich um eine Bestandspraxis aus dem Jahr 2003 mit drei Behandlungszimmern, Röntgenraum, EKG-Zimmer, Wartezimmer und Anmeldung sowie zwei Toiletten und einem Abstellraum - insgesamt 198 Quadratmeter.

Der Zugang zur Praxis erfolge über zwei Eingangsstufen und ein Podest ins Erdgeschoss sowie über das innenliegende Treppenhaus ohne Aufzug ins zweite Obergeschoss.

Um die Barrierefreiheit im Erdgeschoss zu erreichen, sei ein Hubliftsystem zur Überbrückung der zwei Eingangsstufen zum Eingangspodest einzubauen. Die innere Erschließung der Praxis geschehe über den Einbau eines Aufzuges mit den damit verbundenen Anpassungsmaßnahmen.

Die Raumaufteilung müsste im Zuge der Errichtung einer barrierefreien Toilette modifiziert werden. In zwei weiteren analysierten Praxen kommt der Gutachter auf Kosten von knapp 29.000 Euro und rund 109 000 Euro. Die individuellen Kosten hängen von den baulichen Bedingungen sowie von baurechtlichen Vorgaben der Länder ab.

Finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt

"Wir begrüßen ausdrücklich, dass die Bundesregierung mit dem Nationalen Aktionsplan 2.0 die niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte dabei unterstützen will, ihre Praxen möglichst barrierearm zu gestalten", erklärte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen in Berlin.

"Für möglichst alle Menschen einen gleichberechtigten, flächendeckenden und wohnortnahen Zugang zur gesundheitlichen Versorgung zu gewährleisten, betrachten wir als standespolitische Verpflichtung", ergänzte KZBV-Chef Dr. Wolfgang Eßer.

Wie die beiden Selbstverwaltungsorgane mitteilen, sei das gemeinsame Anliegen von KBV und KZBV zur finanziellen Unterstützung der Praxisinhaber bei Umbaumaßnahmen zur Herstellung der Barrierefreiheit nun im Arbeitsentwurf zur Weiterentwicklung des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention aufgegriffen worden.

"Für die Kolleginnen und Kollegen vor Ort ist das ein ganz wichtiges Signal", so Eßer.

Der Arbeitsentwurf sehe unter anderem vor, dass das Fördermerkmal "Barrierefreiheit" innerhalb vorhandener Förderprogramme - etwa von der Bankengruppe der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) - so ausgestaltet werden soll, dass diese auch von Ärzten und Zahnärzten als konkrete Finanzierungsgrundlage genutzt werden können.

Angesichts von aktuell mehr als sieben Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung in Deutschland, etwa 3,5 Millionen Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2030 und einer zunehmend alternden Gesellschaft sprechen sich KBV und KZBV für einen engen Schulterschluss mit der Politik aus, um im Interesse der betroffenen Patienten den schnellen und umfassenden Ausbau einer barrierearmen Versorgung weiter voranzubringen.

Dabei vergessen sie nicht, auf einen für die betroffenen Praxischefs nicht unwichtigen Punkt hinzuweisen: Die hohen Kosten zur Etablierung einer barrierefreien Praxis seien durch die ärztliche und zahnärztliche Vergütung in keiner Weise gedeckt. Bleibt offen, ob diese argumentative Steilvorlage berufspolitisch nachgehalten wird.

[21.04.2016, 11:38:50]
Clemens M. Hürten 
Weltferne Politiker-Fantasien um eigene Eitelkeiten zu bedienen...
Wenn ich mich an die Arztpraxen in Rottweil erinnere, die ich bereits mal besucht hatte, dann befinden sich viele davon in altem Gebäudebestand. Neue Praxen könnten so niemals genehmigt werden!

Der Brandschutz ist nicht gesichert.
Der zweite Fluchtweg fehlt.
Zuweilen ist nur eine einzige Toilette vorhanden.
Die Bodenbeläge lassen keine zeitgemäße Hygiene zu.
Und keine einzige dieser Praxen ist einem Menschen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich.

Solche Praxen dürfen nur aufgrund des baurechtlichen bestandschutz weiter betrieben werden (und weil die Aufsichtsbehörden milde ein Auge zudrücken).

Angenommen, ein Kollege wollte tatsächlich entsprechend der Poltiker-Träume umbauen, dann bedeutet dies das komplette AUS für die Praxis. Denn Umbau bedeutet Bauantrag. Mit Stellung des Bauantrags geht der Bestandsschutz verloren und es gilt die strenge Landesbauordnung von Jan. 2010 mitsamt deren Nebenbestimmungen betr. Arbeitsstättenrichtlinien usw.

Angenommen, der Kollege hätte so viel Geld, dass er das Vorhaben dennoch umsetzen wollte, dann hat er das Denkmalschutzamt am Hacken. Denn die meisten dieser alten Praxen befinden sich in Altbauten, die historische Bedeutung haben. Mal eben die schöne alte Steintreppe am Hauseingang in eine Rampe verwandeln, geht da nicht, weil das historische Erscheinungsbild zerstört würde. Außenaufzug? Geht meistens nicht, weil der Baubestand zu dicht ist, sodass seitlich oder hinter dem Haus ein Aufzug installiert werden kann.

Es blebt also nur möglich, mit der Praxis in ein geeignetes Haus umzuziehen. Das sind meist "Ärztehäuser". Und dort wird an Quadratmetermiete abgegeriffen, was nur irgendwie noch möglich ist, selbst um den Preis eines längeren Leerstands!

Ich weiß wovon ich spreche, denn auch als Heilpraktiker hat man ähnliche / gleiche Vorgaben und Richtlinien einzuhalten, wie bei approbierten Kollegen. Es ist schon ohne Berücksichtigung eines barrierefreien Zugangs enorm schwierig, überhaupt geeignete Räume zu finden, deren Miethöhe einen rentablen Betrieb gestattet!

Clemens M. Hürten - Heilpraktiker der Psychotherapie zum Beitrag »

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