Ärzte Zeitung online, 30.05.2017
 

Hygiene

Wie Mikroben ein neues Krankenhaus besiedeln

In den Kliniken Europas sterben im Jahr hochgerechnet 91.000 Patienten an Krankenhausinfektionen. An mangelnder Hygiene muss das nicht immer liegen. Denn selbst Klinikneubauten werden schnell von Mikroben besiedelt, wie US-Forscher beobachteten.

Von Alice Lanzke

Wie Mikroben ein neues Krankenhaus besiedeln

Strahlender Glanz im Patientenzimmer: Selbst beste Hygiene in Kliniken verbannt nicht alle Keime.

© sudok1 / stock.adobe.com

CHICAGO. US-Forscher haben die Besiedlung einer neuen Klinik durch Mikroorganismen dokumentiert. In dem Krankenhaus sei vor der Eröffnung eine relativ geringe Vielfalt an Bakterien gefunden worden, sagte Jack Gilbert, Direktor des Mikrobiom-Zentrums an der Universität von Chicago, laut Mitteilung. "Als allerdings Patienten, Ärzte und Pfleger einzogen, übernahmen die Bakterien ihrer Haut." Die Aufnahme jedes einzelnen Patienten änderte die Zusammensetzung der Mikroorganismen in dessen Zimmer, wie die Wissenschaftler um Gilbert im Fachblatt "Science Translational Medicine" schreiben. Das Team nahm über einen Zeitraum von zwölf Monaten immer wieder Proben in einer neu eröffneten Klinik.

Hilfe bei Eindämmung erhofft

Jedes Jahr infizieren Krankenhauskeime weltweit Millionen Menschen, teilweise mit tödlichen Folgen. Allein in den Kliniken Europas sterben laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr hochgerechnet 91 000 Patienten pro Jahr an Krankenhausinfektionen. Die Forscher gehen von insgesamt 2,6 Millionen Infektionen aus, die sich Patienten erst in einer Klinik zuziehen. Zu den häufigsten Infektionen dieser Art gehören Pneumonien, Sepsis, Harnwegs- und Wundinfektionen, wie die Forscher in "Plos Medicine" berichten.

Für Deutschland schätzt Professor Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité, die Zahl der Krankenhausinfektionen pro Jahr auf rund 500.000. Dadurch kommt es geschätzt zu bis zu 15.000 Todesfällen. Ein Drittel der Krankenhausinfektionen gilt als vermeidbar – zum Beispiel durch bessere Hygiene. Die Ergebnisse der Untersuchung aus den USA könnten helfen, gefährliche Keime, die in Kliniken im Umlauf sind, einzudämmen. Die US-Forscher untersuchten, welche Faktoren die Zusammensetzung der Mikroben beeinflussen, wie diese sich über die Zeit entwickeln und wie sie sich ausbreiten.

Die Universität von Chicago eröffnete 2013 ein neues "Center for Care and Discovery". Dort fanden die Forscher ideale Bedingungen für ihre Arbeit vor: Sie konnten schon zwei Monate vor Aufnahme des Klinikbetriebs mit ihren Untersuchungen beginnen. Die Wissenschaftler nahmen über einen Zeitraum von zwölf Monaten mehr als 10.000 Proben – in zehn Patientenzimmern, einer Pflegestation für Krebskranke und einer für Patienten der Chirurgie.

Keine lange Verzögerung

Die Biologen und Mediziner machten Abstriche von den Händen, aus der Nase sowie den Achseln der Patienten ebenso wie von den Oberflächen, welche sie berührt hatten – dazu gehören die Bettgitter und die Armaturen in den Bädern. Hinzu kamen Proben vom Boden der Zimmer und den Luftfiltern. Auch das Pflegepersonal wurde gründlich untersucht. Dabei stellten die Forscher fest, dass sich unmittelbar nach Beginn des Klinikalltags Mikroben wie Corynebakterien, Staphylokokken und Streptokokken ausbreiteten.

Die Aufnahme jedes neuen Patienten veränderte zudem die Zusammensetzung der Bakterien in seinem Zimmer. "Innerhalb von 24 Stunden übernahm das Mikrobiom des Patienten den Krankenhausraum", sagte Gilbert. Als Mikrobiom wird die Gesamtheit aller Mikroorganismen bezeichnet, die den Menschen oder andere Lebewesen besiedeln. Die Wissenschaftler fanden zudem heraus, dass das Personal in den wärmeren Monaten verstärkt Bakterien austauschte.

Die Forscher nahmen 92 Patienten unter die Lupe, die über längere Zeit in dem Krankenhaus waren. Bei ihnen wurden potenziell schädliche Bakterien wie Staphylococcus aureus und Staphylococcus epidermidis gefunden, die mit der Zeit Gene entwickelten, welche Resistenzen gegen Antibiotika fördern und Infektionen begünstigen können. Vor allem Staphylococcus aureus ist in seiner multiresistenten Form als Klinikkeim MRSA bekannt und gefürchtet: Er ist für etwa 30 Prozent aller Klinikinfektionen verantwortlich.

Welche Maßnahmen nun sinnvoll sein könnten, um die Ausbreitung der gefährlichen Keime zu verhindern, wird in der Veröffentlichung noch nicht diskutiert. (dpa)

[30.05.2017, 14:58:03]
Thomas Georg Schätzler 
Krankenhäuser sind eben keine infektiologische Scheibe!
Es ist eben n i c h t nur der angeblich so sorglose Umgang mit Antibiotika. Laut Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU): "In der Humanmedizin werden 700 bis 800 Tonnen Antibiotika pro Jahr eingesetzt, in der Veterinärmedizin 1.700 Tonnen"..."Ich glaube schon, dass es weiterhin einer Aufklärung bedarf, dass der Einsatz von Antibiotika wesentlich sorgfältiger und restriktiver sein muss."

Es sind n i c h t angebliche "Verhaltensprobleme" in der Medizin in Klinik und Praxis. Damit kaschiert man nur eigene Medizin-Bildungsferne und populistisches Ärzte-„Bashing“.

Multi-resistente Keime kommen eben n i c h t aus heiterem Himmel und werden ausschließlich von unsachgemäß hantierenden, "unhygienischen" Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen.

Sondern diese Keime kommen selbst irgendwo her. Sie werden zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hinein getragen. Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft es: Übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.

Jeder Landwirt aus einem Tiermastbetrieb, jeder Krankenhausbesucher mit Straßenschmutz an den Schuhen, jeder Tierhalter, egal ob Hund, Katze, Maus, Pferd o. ä., jeder Klempner, Müllwerker und Entsorger, aber auch Lehrer, Erzieher und alle, die mit vielen Menschen beruflich oder privat zu tun haben, könnten Träger von potenziell multiresistenten Keimen sein. Sogar Menschen, die nur kontaminiertes Putenfleisch kaufen, gehören zum Kreis der "Verdächtigen".

Weitere Risikofaktoren lieferten Infektiologen und Mikrobiologen aus Leipzig mit Daten von Fernreisenden: Die Erreger werden oft mit nach Hause gebracht (J Med Microbiol 2015; 305: 148). Über 12 Monate wurde in einer infektiologischen Studie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) das Risiko des Erreger-Imports durch Fernreisen untersucht. "Wir konnten dabei erstmals für Deutschland in einer größeren Kohorte zeigen, dass fast ein Drittel der Reisenden nach der Heimkehr aus Gebieten mit hoher Erregerdichte tatsächlich Träger multiresistenter Erreger ist", so Dr. Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am UKL.

"Fast jeder zehnte Krankenhauspatient bringt gefährliche multiresistente Keime mit in die Klinik. Das geht aus einer Studie im Journal of Antimicrobial Chemotherapy (2016; doi: 10.1093/jac/dkw216) hervor. Von mehr als 4.300 untersuchten Patienten an mehreren deutschen Universitätskliniken waren 416 bei der Aufnahme mit multiresistenten Darmbakterien besiedelt, wie das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) am Montag in Braunschweig mitteilte. Diese Häufigkeit war bisher in Deutschland nicht bekannt."
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/70030/Fast-zehn-Prozent-der-Klinikpatienten-bringen-multiresistente-Keime-mit

Sehr zu Recht kommentieren Prof. Dr. med. Georg Häcker, Vizepräsident, und Prof. Dr. med. Mathias Herrmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie:
"Die gängigen Schätzwerte für Krankenhausinfektionen werden richtig genannt, es wird jedoch nicht zwischen den sehr viel häufigeren Infektionen durch nicht-multiresistente und solchen durch multiresistente Erreger unterschieden. Wer die Meldung liest, muss den Eindruck gewinnen, 400.000 – 600.000 Patienten infizierten sich jährlich im Krankenhaus mit multiresistenten Keimen. Dies ist jedoch die geschätzte Gesamtzahl an Krankenhausinfektionen. Davon sind mindestens 90 % nicht durch multiresistente Erreger hervorgerufen; die Zahl an Krankenhausinfektionen durch multiresistente Erregern liegt sehr viel niedriger (Schätzung: 30-50.000 1).
Krankenhausinfektionen und multiresistente Erreger sind beides wichtige, jedoch nicht identische medizinische Probleme unserer Zeit. Es ist immer wieder zu konstatieren, dass die beiden Sachverhalte miteinander vermengt werden. Die ganz besondere Bedeutung der absoluten Zahl nosokomialer Infektionen einerseits sowie von Infektionen durch multiresistente Erreger (eine wichtige Größe hinsichtlich der Behandelbarkeit der Infektion) andererseits gebietet es jedoch, die beiden Sachverhalte konsequent und individuell zu betrachten, um keine voreiligen oder falschen Schlussfolgerungen zu ziehen. Dem DÄB kommt hier eine außerordentliche Verantwortung in dieser Diskussion zu; daher halten wir eine entsprechende Richtigstellung für ganz besonders wichtig." Vgl.
Gastmeier P, Geffers C, Herrmann M, et al. [Nosocomial infections and infections with multidrug-resistant pathogens - frequency and mortality]. Dtsch Med Wochenschr. 2016;141(6):421-426.

Wie hier in der ÄRZTE ZEITUNG durch Alice Lanzke brillant dargelegt und referiert, werden infektiologisch naive Krankenhaus-Neubauten von infektiologisch relevanten Patienten, Personal und Besucher-Heerscharen gestürmt und erobert!

Auch jahrelang bestehende Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Arztpraxen und medizinische Versorgungszentren werden von keimtragender Besucherinnen und Besucher heimgesucht, die oft nicht mal elementare Hygiene-Regeln beherzigen: "nach dem Klo und vor dem Essen - Händewaschen nicht vergessen"! Ungeduscht und ungewaschen bzw. n i c h t auf gewaschene oder ungewaschene Kleidung, kurz geschnittene Finger- bzw. Fußnägel untersucht, bevölkern sie die Klinikflure, die Cafeteria, das "Büdchen" am Klinikeingang und die Anmeldetresen der Praxen, um dann in die Kernzonen nosokomialer Infektionsrisiken vorzudringen:

In die Krankenzimmer zu ihren kranken Angehörigen, in die Räume der Stationsmitarbeiter, in die Funktionsbereiche und Nasszellen auf der Suche nach Blumenvasen und in die Besuchertoiletten bzw. in die Behandlungszimmer der Haus- und Fachärzte.

Fehlinformierte Patienten- und Besucherkreise werden sich erst n a c h Abschluss ihres Arzt- oder Klinikbesuches umfänglich mit kostenlos zur Verfügung gestellten Desinfektionsmitteln allseits imprägnieren. Weil sie nur die viel beschworenen Gefahren fürchten, erst i n n e r h a l b der Klinik- und Praxismauern gefährliche Keime zu erwerben.

Sie würden sich vermutlich n i e m a l s fragen, ob sie nicht s e l b s t durch Hundekot und Straßendreck unter ihren Schuhsohlen, eigene Hygienemängel oder überlang gestylte Fingernägel, die beim Händewaschen ja nur abblättern würden, zur Problematik nosokomialer Krankenhaus- und Praxisinfektionen beitragen würden?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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