Ärzte Zeitung online, 19.05.2014

Antibiotika

Der nicht ganz leichte Weg zur rationalen Verordnung

Niedersachsen setzt auf fünf Punkte gegen den übermäßigen Einsatz von Antibiotika. Doch das ist nicht immer ganz leicht.

Der nicht ganz leichte Weg zur rationalen Verordnung

Wie viele hätten's denn gerne? Experten hätten gerne weniger und dafür gezielte Antibiotikaverordnungen.

© Wavebreak Media / Thinkstock

MAGDEBURG. "Es ist eindeutig, dass Antibiotika-Resistenzen zunehmen." Diese Warnung ist so bekannt wie aktuell. Doch für Dr. Fabian Feil vom niedersächsischen Sozialministerium war sie auf dem jüngsten Amtsärzte-Kongress des BVÖGD am Samstag in Magdeburg die entscheidende Erinnerung, gegen den unsachgemäßen und überbordenden Einsatz von Antibiotika vorzugehen.

Niedersachsen hat damit so seine Erfahrungen gemacht: Vor knapp zwei Jahren stellte das Ministerium gemeinsam mit dem niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA) und einem Netzwerk aus Experten den "Fünf-Punkte-Plan" zur Minimierung der Antibiotikaverordnungen vor. Auch die Ärztekammer (ÄKN) und die Apotheker sind mit an Bord. Kern der Initiative: Fortbildungen, eine Antibiotika-Fibel für niedergelassene Ärzte, Patientenflyer, eine Informationsplattform und die Resistenzdatenbank ARMIN.

Seither sind einige Tage ins Land gegangen - und in der Retrospektive zeigt sich, dass der Kampf gegen die "Antibiotika-Epidemie" möglich, aber eben doch kein leichter ist. Ausgangspunkt für die Initiative war damals laut Feil die Erkenntnis, dass unterschiedliche Resistenzlagen in Europa darauf deuten, dass man sie beeinflussen kann. Stichworte sind die Tierhaltung und vor allem aber der Antibiotikaeinsatz in der Humanmedizin.

Und so starteten die Niedersachsen ARMIN, das landeseigene Antibiotika-Resistenz-Monitoring auf Kreisebene. Damit sollte zunächst einmal das Ausmaß der Resistenzen ermittelt werden. An die Datenbank melden derzeit 13 Labore im Land anonym Resistenzdaten, laut Feil sind das rund 70 Prozent aller Untersuchungseinrichtungen. Über eine interaktive Plattform können Interessierte jederzeit Daten zur Resistenzlage in dem Bundesland abfragen. Berichte daraus werden regelmäßig im niedersächsischen Ärzteblatt veröffentlicht.

Laut NLGA-Präsident Dr. Matthias Pulz "hängen unsere Labore sehr an ARMIN, weil sie eine gute Betreuung empfinden". Obwohl die Labore im Wettbewerb stehen, tauschen sie sich gegenseitig über ARMIN aus. Eine kleine Erfolgsgeschichte.

Projekt weiterentwickeln

Auch ein kleiner Erfolg ist die Antibiotika-Fibel. Das hundertseitige Werk haben die Initiatoren gemeinsam mit Experten speziell für niedergelassene Ärzte aufgelegt. Der Ratgeber soll Tipps geben, wie eine rationale Therapie mit Antibiotika möglich ist - und das sogar unter Kostenaspekten (Stichwort: Richtgrößen).

Das umfassende Werk auf Basis aktueller wissenschaftlicher Empfehlungen, Leitlinien und Resistenzdaten kostet gerade einmal zehn Euro. Ein ähnliches Projekt dieser Art sucht man in anderen Bundesländern vergebens. Seit seinem Erscheinen wurden 2000 Stück davon bestellt. Immerhin. Doch bei knapp 13.000 Niedergelassenen in dem Bundesland ist noch etliche Luft nach oben.

NLGA-Amtschef Pulz findet es deswegen "dringend nötig, stärker an Niedergelassene heranzukommen". Das ist offenbar aber leichter als gedacht. So heißt es etwa, dass manch Niedergelassener seinerzeit, als die Fibel erschienen war, sich verdutzt die Augen gerieben habe mit Aussagen wie: "Wir haben kein Problem mit der Antibiotikatherapie."

Und so überlegen Ministerium und Amt längst, wie sie ihr Projekt noch weiterentwickeln können. Eine denkbare Option wären Handzettel, die man gemeinsam etwa mit den hausärztlichen Verbänden erarbeiten könnte. Aber auch hier muss erst einmal ein Draht gefunden werden - und dann der Konsens über die "richtigen" Inhalte.

Die reichlich krasse Idee eines Kongressteilnehmers, Antibiotikaverschreibungen künftig nur noch solchen Ärzten zu erlauben, die "besonders erfahrene Mediziner" sind, fand bei den anderen Teilnehmern allerdings kaum Gehör. "Man muss wissen, was man sich damit einkauft. Auch der restriktive Antibiotikaeinsatz hat seine Folgen", sagte Ministeriumsmitarbeiter Feil. Aus den Niederlanden kenne man die Situation, dass es dadurch zu mehr Todesfällen durch Pneumonien gekommen sei. Lieber würde er persönlich auf andere Maßnahmen setzen.

Eine ist die dreitägige zertifizierte Fortbildung "Basiskurs Antibiotikatherapie", die das NLGA gemeinsam mit den Kammern für Ärzte und Apotheker anbietet. Eine andere ist der Antibiotikabeauftragte, zu dem sich Ärzte in niedersächsischen Krankenhäusern fortbilden lassen können - in Anlehnung an das "Antibiotic Stewardship". (nös)

[22.05.2014, 13:09:10]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Vorsicht, Verwechslungsgefahr!
Die Initiative in Niedersachsen mit Namen "ARMIN", die ein "landeseigenes Antibiotika-Resistenz-Monitoring" auf Kreisebene vorsieht, kollidiert erheblich mit der "Arzneimittelinitiative" namens "Armin" von Kassenärztlichen Vereinigungen und Apothekerverbänden und stiftet ggf. gefährlich-interaktive Nebenwirkungen. Da sollte man sich doch besser vorher in den einschlägigen Publikationen oder im Internet schlau machen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
PS.: Was die drastischen Vorschläge vom Kollegen Dr. Christoph Luyken angeht:
1. Antibiotika-Resistenzen gibt es so lange wie es Antibiotika gibt.
2. Das umständliche BTM-Verordnungsverfahren mit "steinzeitlichen" Kohle-Papier-Durchschlägen ist im EDV-Zeitalter eine "Zeitgitterstörung".
3. 90% der Atemwegsinfekte sind primär viral und nicht bakteriell bedingt; entwickeln sich aber mit bakterieller Sekundärbesiedlung zu gefährlich abwendbaren Verläufen mit Antibiotika-Pflicht. Außerdem müssen die zu 10 Prozent primär verursachenden a n d e r e n Krankheitskeime detektiert und leitliniengerecht mit risikoadaptierter Antibiose therapiert werden. Alles andere ist Augenwischerei.
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[19.05.2014, 20:46:05]
Dr. Christoph Luyken 
Antibiotika-Therapie verbessern
Um Antibiotika-Verschreibungen künftig rationaler, gezielter und damit seltener zubekommen, halte ich folgende Maßnahmen für sinnvoll:
1.) Häufiger mikrobiologische Diagnostik ohne Regreßangst für veranlassende Ärzte.
2.) Statt der BTM-VV sollte eine AVV (AntibiotikaVerschreibungsVerordnung) her. Bei Verschreibung eines Antibiotikums soll ein spez. Rezeptformular (wie die BTM-Rezepte) benutzt werden, auf dem eine Begründung (zB "mikrobiolog. Unters durchgeführt", "Notfall", "eindeutiger Befund" o.ä.)anzukreuzen ist. Die Begründung für den Antibiotikaeinsatz ist vom Arzt zu dokumentieren.
Da >90% der Atemwegsinfekte primär viral und nicht bakteriell verursacht sind, dürften allein bei diesem Krankheitsbildern bei Vermeidung der bisher häufig irrationalen Verordnungen erhebliche Mengen an Antibiotika einzusparen sein.
3.) Restriktiver Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin (keine Zugabe zum Futter, Indikation nur durch Tierärzte, kein Direktverkauf durch Tierärzte, Rezeptpflicht). zum Beitrag »

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