Ärzte Zeitung, 15.08.2017
 

Privatrezepte

Schneller Zugang zu innovativer Arznei

Die privaten Krankenversicherer haben das Verordnungsverhalten der niedergelassen Ärzte unter die Lupe genommen. Ein Ergebnis: Entwickelt sich im Kassenbereich ein Trend, rezeptieren die Ärzte bei Privatpatienten meist entsprechend.

Von Ilse Schlingensiepen

Schneller Zugang zu innovativer Arznei

Ein innovatives Medikament verordnet?

© lolipep / stock.adobe.com

KÖLN. Die Informationspolitik der Kassenärztlichen Vereinigungen zur Arzneimittelversorgung bei gesetzlich Versicherten hat offenbar auch Einfluss auf das Verordnungsverhalten der niedergelassenen Ärzte bei Privatpatienten.

Das zeigt eine aktuelle Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der privaten Krankenversicherer (WIP) für das Beispiel der Verschreibung von Biosimilars.

"Wenn die Biosimilarquote für GKV-Versicherte in den KV-Regionen steigt, dann werden auch mehr Biosimilars für Privatversicherte verordnet", schreiben die Autoren Christian Jacke und Dr. Frank Wild.

Sie betonen aber, dass die Ergebnisse ihrer Untersuchung noch vorläufig sind, insbesondere da der Markt der Biosimilars noch sehr klein ist.

Nach Angaben von WIP-Leiter Wild ist es noch zu früh, um sagen zu können, ob die Parallelität zwischen den Systemen noch weiter reicht. Bei den Biosimilars seien erstmals regionale Unterschiede untersucht worden, sagt er der "Ärzte Zeitung". "Wir wollen uns in den nächsten Berichten aber ansehen, ob sich der Zusammenhang zwischen GKV und PKV auch in anderen Bereichen zeigt."

Breite Datenbasis

In die Analyse "Arzneimittelversorgung der Privatversicherten 2017" sind die Arzneimittelverordnungen im ambulanten Bereich im Jahr 2015 von 17 PKV-Unternehmen einbezogen, die 86,7 Prozent der PKV-Versicherten repräsentieren.

Auf Seiten der GKV haben die Autoren die Daten des Arzneiverordnungs-Reports und erstmals auch des Marktforschungsinstituts Insight Health zugrundegelegt. Seit 2008 nimmt das WIP jährlich die Arzneimittelversorgung der PKV-Kunden unter die Lupe.

Nach der Untersuchung profitieren die PKV-Kunden von einem schnelleren Zugang zu Innovationen. Privatversicherte erhalten in den ersten beiden Jahren nach der Zulassung neue Medikamente überproportional häufig.

Ab dem dritten Jahr legt die Zahl der verordneten Packungen dagegen in der GKV stärker zu als bei den Privaten. Dieser zeitliche Ablauf ist vom WIP erstmals dargestellt worden.

Wild sieht in der zeitlichen Entwicklung ein Indiz dafür, dass es bei den untersuchten neuen Medikamenten tatsächlich um Innovationen geht. "Wenn es sich lediglich um Scheininnovationen handeln würde, würden sie sich in der GKV nicht dauerhaft etablieren."

Die PKV-Unternehmen haben 2015 für die Arzneiversorgung ihrer Versicherten im ambulanten Bereich 2,9 Milliarden Euro ausgegeben (ohne Beihilfe und Selbstbehalte) – 5,7 Prozent mehr als 2014. Je Versicherten betrug der Anstieg 6,3 Prozent. In der GKV nahmen die Arzneimittelausgaben je Versicherten mit 3,8 Prozent weniger stark zu.

Im Zeitraum von 2005 bis 2015 haben die Ausgaben der PKV in diesem Bereich um 52 Prozent zugelegt, in der GKV waren es 41 Prozent. In der PKV werden auch die Kosten für nicht verschreibungspflichtige Medikamente erstattet.

2015 betrug der Anteil der OTC-Produkte an den Arzneimittelausgaben immerhin 34,7 Prozent, nach 33,5 Prozent ein Jahr zuvor. Die umsatzstärksten Präparate waren dabei Tebonin®, Sinupret® und Kreon®.

Niedrigere Generikaquote als GKV

Die Generikaquote in der GKV ist nach wie vor deutlich höher als in der PKV, die Differenz zwischen beiden Systemen wird aber geringer. 2015 betrug sie in der PKV 62,1 Prozent – bei den 100 umsatzstärksten generikafähigen Wirkstoffen erhielten die Versicherten bei 62,1 Prozent der Verordnungen tatsächlich das Nachahmerpräparat.

In der GKV betrug der Wert 92,1 Prozent. Zum Vergleich: 2007 waren es 46,4 und 86,1 Prozent. Jacke und Wild sehen in der steigenden Generikaquote in der PKV einen Hinweis auf "ein zunehmendes Kostenbewusstsein in der Arzneimittelversorgung" bei Privatversicherten.

Die umsatzstärksten generikafähigen Wirkstoffe in der PKV waren Pantoprazol, Atorvastatin und Candesartan.

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