Ärzte Zeitung, 05.12.2016

Open.med

Berliner Initiative macht Versorgung für Alle

Ob Flüchtlinge, Obdachlose, Zugewanderte aus anderen EU-Ländern oder gar Selbstständige: Die Initiative Open.med bietet Menschen ohne Krankenversicherung medizinische Behandlung und Beratung an.

Von Julia Frisch

Berliner Initiative macht Versorgung für Alle

Dr. Pia Skarabis-Querfeld, Dr. Laura Hatzler, Burcu Güvenc und Barabara Grube von Open.med (v.l.n.r.) .

© Julia Frisch

BERLIN. Seit November betreibt der Verein "Medizin hilft" in Kooperation mit "Ärzte der Welt" einen Sprechstundenraum in der Zehlendorfer Kirchstraße in Berlin. Gleich neben der Backsteinkirche steht jeden Donnerstagnachmittag die Tür für alle Menschen offen, die Beratung oder medizinische Hilfe benötigen.

Später, wenn sich das Angebot in der Stadt herumgesprochen hat, sollen die Sprechstundenzeiten ausgedehnt werden. Im Frühjahr steht zudem der Umzug in größere Räumlichkeiten ein paar hundert Meter weiter am Teltower Damm Nummer 6 an.

Open.med ist gewissermaßen das zweite Kind des Vereins "Medizin hilft", dessen Grundlage vor zwei Jahren gelegt wurde – als die Flüchtlingskrise in Berlin begann und die Zustände immer katastrophaler wurden. Eigentlich wollte Dr. Pia Skarabis-Querfeld kurz vor Weihnachten 2014 nur Sachspenden in einer mit Flüchtlingen belegten Turnhalle vorbeibringen.

Aber als die Sportmedizinerin damals sah, dass überhaupt keine medizinische Versorgung existierte, blieben sie und ihr Mann über die Festtage und behandelten, so gut es eben ging, die Flüchtlinge.

Innerhalb kurzer Zeit gelang es Skarabis-Querfeld mit Unterstützung der evangelischen Gemeinde, ein Netzwerk von 120 Ehrenamtlichen aufzubauen, das sich bald um vier bis fünf Flüchtlingseinrichtungen kümmerte.

Netzwerk aus 100 Ärzten

Im April 2016 wurde schließlich der Verein "Medizin hilft" gegründet. Er finanziert sich aus Spendengeldern, vornehmlich von elf Rotary-Clubs aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den USA.

Auch heute noch ist "Medizin hilft" in vier Flüchtlingsunterkünften im Süden Berlins aktiv. Im Vordergrund der medizinischen Betreuung steht inzwischen aber nicht mehr die akute Notfall-Versorgung, sondern den Menschen den Weg in die Regelversorgung zu weisen.

Mit Open.med will "Medizin hilft" nun eine zentrale Anlaufstelle für alle Menschen schaffen, die – aus welchen Gründen auch immer – keine Krankenversicherung haben. "Wir wollen alle Menschen versorgen, die keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben", sagt Vorsitzende Pia Skarabis-Querfeld.

Das umfasst nicht nur Flüchtlinge, die etwa ihren Behandlungsschein verloren haben, sondern auch Obdachlose, EU-Bürger ohne Versicherungsschutz oder mittellose Selbstständige über 55 Jahren, für welche die Rückkehr von der privaten in die gesetzliche Krankenversicherung ausgeschlossen ist.

Netzwerk von rund 100 Ärzten

In München, wo "Ärzte der Welt" schon seit zehn Jahren eine Open.med-Anlaufstation betreiben, "sind die Selbstständigen ohne Krankenversicherung die größte Patientengruppe", berichtet die Berliner Projektreferentin Burcu Güvenc.

Die zweitgrößte Gruppe stellen in der bayerischen Landeshauptstadt die EU-Bürger, die keinen Versicherungsschutz haben. Ein ähnliches Klientel, glaubt Skarabis-Querfeld, werde auch Open.med in Berlin nach der ersten Anlaufphase haben.

Auf ein Netzwerk von rund 100 Ärzten kann "Medizin hilft" für die neue Ambulanz zurückgreifen. "Wir brauchen aber auch noch mehr Fachärzte", sagt Barbara Grube, Hausärztin und ärztliche Leiterin bei Open.med.

Denn langfristiges Ziel ist es, am Standort in Zehlendorf auch Sprechstunden speziell für Frauen, Kinder und chronisch Kranke anzubieten. Zudem, so die stellvertretende Vorsitzende Dr. Laura Hatzler, solle die Qualität des Angebots so hoch sein wie in den Praxen, "wir wollen hochwertige Medizin anbieten".

Wer bei "Medizin hilft" in der Versorgung mitmachen will, muss deshalb auch mindestens zwei Jahre Berufserfahrung vorweisen.

Weitere Projekte sind geplant

Außer ärztlicher Betreuung bietet Open.med auch Beratung an. "Neulich hat eine Frau angerufen, die ganz verzweifelt war, weil sie ihre Wohnung verloren hat", erzählt Burcu Güvenc. "Wir haben ihr Übernachtungsmöglichkeiten herausgesucht."

Ebenso hilft die Ambulanz bei der Vermittlung von Rechtsanwälten, wenn es um Beratung zum Beispiel in aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten geht, oder kümmert sich um Termine in Arztpraxen, wenn Patienten damit Schwierigkeiten haben.

Open.med wird dabei nicht das letzte Projekt sein, das der Verein "Medizin hilft" anstößt. Derzeit arbeiten die Verantwortlichen an einem Konzept für Informationsveranstaltungen, mit denen insbesondere Flüchtlingen die Rahmenbedingungen des deutschen Gesundheitssystems erklärt werden sollen.

Gleichzeitig will der Verein auch die Ärzte in der ambulanten Versorgung mehr über die gesetzlichen Behandlungsmöglichkeiten aufklären – und ihnen die oft vorhandene Zurückhaltung bei der Versorgung von Flüchtlingen nehmen.

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